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Elterngeld : Papa will nicht wickeln

Auch Raphael Müller will vom „Elterngeld Plus“ nichts wissen, er wird überhaupt nicht in Elternzeit gehen. Ein halbes Jahr vor der Geburt seines Sohnes wurde in seinem Krankenhaus eine von fünf Oberarztstellen frei, und die Chefärztin bot sie ihm an. „Aber in dem Gespräch hat sie mir zwischen den Zeilen sehr deutlich gesagt, dass Elternzeit nicht in Frage kommt.“ Müller hat dafür Verständnis. In seinem Krankenhaus werde niemand neu eingestellt, wenn sich ein Arzt für die Vätermonate entscheide. Die Stelle bleibe so lange unbesetzt und die Arbeit werde auf die verbliebenen Kollegen verteilt. „Deshalb löst es bei niemandem Begeisterung aus, wenn jemand in Elternzeit geht.“

Die Entscheidung, wer zu Hause bleibt, ist meist berufsprägend

Auf der Ebene der Assistenzärzte sei es trotzdem möglich, weil die Arbeit dann auf zwanzig Schultern verteilt werde. Wenn einer der fünf Oberärzte aber gehe, dann „würde das die Abteilung zum Kollabieren bringen“. Die Arbeit sei ohnehin maximal verdichtet. „Gegen moderaten Widerstand“ habe er sich nach der Geburt aber drei Wochen Urlaub nehmen dürfen. Nun kümmert sich seine Frau um den drei Monate alten Sohn. Darüber brauchte er mit ihr nicht mal diskutieren, denn seine Frau ist schon seit Jahren nicht mehr berufstätig. „Von daher war klar, dass sie die Erziehung übernimmt. Das war auch nie Thema“, sagt er. „Und ich drücke mich ja auch nicht vor der Familienarbeit.“ Schließlich gehe er sonntags zum Babyschwimmen und bringe den Kleinen jeden Abend ins Bett. „Aber wenn du eine verantwortliche Stelle annimmst, musst du bereit sein, Abstriche beim Privatleben zu machen. Im Krankenhaus backen wir ja keine Brötchen, da geht es um Menschenleben.“

Das wird auch entlohnt: Seit der Beförderung verdient Müller 30.000 Euro mehr im Jahr. Auf der anderen Seite der Medaille steht, dass seine Frau wahrscheinlich auf Jahre vom Arbeitsmarkt und einer möglichen Karriere abgeschnitten sein wird. „Das berufliche Zurückstecken der Mütter beim ersten Kind wirkt lange nach“, schreiben die Allensbacher in ihrer Studie. „Die Weichenstellungen im Zusammenhang mit der Familiengründung erweisen sich für viele Frauen als berufs- und lebensprägend.“

Ein Baby macht erstmal unglücklich

Oliver Bošnjaks Frau Saskia hat damit kein Problem. Dabei machte auch sie einst bei einem Personaldienstleister Karriere: Erst leitete sie eine Abteilung, dann zwei Jahre später eine Niederlassung und nach weiteren eineinhalb Jahren einen Bezirk. Bis zur Geburt ihrer Zwillinge verantwortete sie vier Niederlassungen mit einem Jahresumsatz von zwanzig Millionen Euro. Nun stillt sie ihre Kinder voll, betreut sie von morgens bis abends und macht den Haushalt. Dienstwagen, Gehalt und Titel sind weg, doch das macht ihr nichts aus. „Mir geht es super“, sagt sie. „Alles hat seine Zeit im Leben, und wenn mich meine Kinder anstrahlen, dann erfüllt mich das viel mehr mit Freude.“

Statistisch gesehen, gehört sie damit allerdings einer Minderheit an. In einer aktuellen Studie des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung gaben 70 Prozent der Teilnehmer an, im ersten Jahr ihrer Elternschaft unglücklicher zu sein als während der zwei Jahre vor der Geburt. Auf einer Skala von null (total unzufrieden) bis zehn (absolut glücklich) sank die Lebenszufriedenheit im Schnitt um erschreckende 1,4 Einheiten. Demzufolge macht ein Baby unglücklicher als eine Scheidung, Arbeitslosigkeit oder der Tod des Partners.

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