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Elterngeld : Papa will nicht wickeln

„Vom Elterngeld könnte ich nicht mal die Miete zahlen“

Überhaupt, das Geld. Wer in den ersten Lebensmonaten des Kindes zu Hause bleibt und den Nachwuchs versorgt, erhält meist etwa zwei Drittel seines früheren Nettoeinkommens. Allerdings gibt es unumstößliche Grenzen nach oben und unten: Der Staat zahlt mindestens 300 und höchstens 1800 Euro, bei Mehrlingsgeburten kommt ein Bonus hinzu. Für Bošnjak viel zu wenig: „Vom Elterngeld könnte ich nicht mal die Miete zahlen.“ Auch deshalb bleibt er nicht zu Hause.

Tatsächlich scheitern die Vätermonate häufiger am Geld, als man zunächst denkt. Diejenigen, die viel verdienen, sehen nicht ein, warum sie sich mit 1800 Euro bescheiden sollen. Und diejenigen, die wenig verdienen, brauchen die fehlenden Hunderter oft, um über die Runden zu kommen. Die Studie „Weichenstellungen für die Aufgabenteilung in Familie und Beruf“ vom Institut für Demoskopie Allensbach nennt „zu hohe Einkommensverluste“ als den am häufigsten genannten Grund, weshalb Väter auf ihre Elternzeit verzichten. Er wird von 60 Prozent aller Väter angeführt, die kein Elterngeld beantragt haben.

Saskia Bošnjak: „Wenn mich meine Kinder anstrahlen, dann erfüllt mich das viel mehr mit Freude.“

Cai Benninghoff etwa fährt auch nach der Geburt weiter Brötchen aus, damit die Familie wenigstens einmal im Jahr in Urlaub fahren kann. Es geht für zehn Tage an die Nordsee, für 1800 Euro. Hätte er zu Hause auf seine Tochter aufgepasst, hätte sich die Familie das nicht leisten können. Weil Benninghoff sich dafür schämt, will er seinen echten Namen in diesem Bericht nicht lesen.

Keine Lust aufs Wickelvolontariat

Bošnjak traut sich, für seine Entscheidung öffentlich einzustehen. Viele wollen das nicht, weil es sich nicht ins moderne Männerbild einfügt. Doch zur Wahrheit gehört auch, dass viele junge Väter keine Elternzeit beantragen wollen. Die einen sind für die Firma unentbehrlich, die anderen halten sich dafür, die Dritten haben schlicht keine Lust aufs „Wickelvolontariat“, wie der CSU-Politiker Peter Ramsauer einmal sagte. In der Allensbach-Studie vom vergangenen Jahr äußern 38 Prozent der durcharbeitenden Väter, sie hätten „Furcht vor beruflichen Nachteilen“ gehabt. 35 Prozent berichten, Elternzeit wäre „beruflich sehr schwierig zu organisieren gewesen“. In jedem dritten Fall will sich die Partnerin unbedingt selbst um das Kind kümmern. Jeder zehnte Vater berichtet, seine Frau habe ihm „die Kinderbetreuung nicht allein zugetraut“. Oft ist es eine Mischung aus allen Gründen.

Mathias Oswald ist hierfür ein gutes Beispiel. Der 39-Jährige arbeitet in der Schulleitung eines Gymnasiums in Rheinland-Pfalz. Er hat zwei Jungs, der jüngere ist vier Monate alt. Elternzeit will Oswald nicht nehmen, schließlich könne ihn auf der Arbeit niemand ersetzen. Sagt er.

Wie bitte? Ausgerechnet ein auf Lebenszeit verbeamteter Lehrer kann nicht mal für zwei Monate ersetzt werden? Auf Nachfragen relativiert er. Es sei „nicht einfach aufzuhören, wenn du so eine Funktionsstelle hast“. Wer kümmere sich dann um die Schüler vor dem Abitur? „Wenn ich nicht da bin, laufen Dinge schief, die ich dann nacharbeiten müsste.“ Außerdem würden in der Elternzeit ein paar tausend Euro weniger auf dem Konto landen.

„Das ist wie Gehirnwäsche“

Und wenn er trotzdem ginge? „Ich würde meine Reputation verlieren und von niemandem mehr als Führungskraft anerkannt werden“, sagt Oswald. „Aber ich will ja für die nächste Karrierestufe bereitstehen.“

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