https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/betreuungsgeld-schadet-der-chancengleichheit-13067133.html

Familienpolitik : Betreuungsgeld schadet der Chancengleichheit

  • -Aktualisiert am

Am 1. August steigt das Betreuungsgeld von 100 auf 150 Euro im Monat. Bild: dpa

Eine neue Studie zeigt: Bildungsferne Familien entscheiden sich wegen der Förderung gegen die Kita. Zum Nachteil für ihre Kinder.

          2 Min.

          Vor einem Jahr ist es eingeführt worden, nun heizt eine neue Umfrage die Kritik am Betreuungsgeld abermals an. Seit dem 1. August 2013 bekommen Eltern, die ihre Kleinkinder nicht in eine Kindertagesstätte oder zu einer öffentlich geförderten Tagesmutter geben, vom 15. Lebensmonat bis zum dritten Lebensjahr des Kindes 100 Euro im Monat; am 1. August diesen Jahres steigt die Förderung auf 150 Euro. Eingeführt hatte das Betreuungsgeld die vorherige schwarz-gelbe Bundesregierung auf Betreiben der CSU. Sowohl aus den anderen Parteien heraus wie auch von Seiten der Wissenschaft war die Kritik an dieser „Herdprämie“ getauften Leistung von Anfang an groß.

          Nun gibt eine aktuelle Studie den Kritikern recht, die stets darauf hingewiesen haben, das Betreuungsgeld könne gerade diejenigen Kinder von frühkindlicher Bildung fernhalten, die besonders darauf angewiesen wären. Das Deutsche Jugendinstitut hat zusammen mit der Universität Dortmund 100.000 Eltern zu ihrem Betreuungsbedarf befragt. Im Abschlussbericht heißt es, das Betreuungsgeld lasse sich „als besonderer Anreiz für sozial eher benachteiligte Familien identifizieren, kein Angebot frühkindlicher Bildung, Betreuung und Erziehung zu nutzen“. Es sei besonders attraktiv für Familien, die „eine geringe Erwerbsbeteiligung aufweisen, durch eine gewisse Bildungsferne gekennzeichnet sind und einen Migrationshintergrund haben“.

          Das Urteil der Forscher ist eindeutig: „Bezogen auf Fragen der Chancengerechtigkeit kristallisiert sich damit das Betreuungsgeld als kontraindiziert heraus.“ Übersetzt bedeutet diese Feststellung: Das Betreuungsgeld hält benachteiligte Kinder von Bildungsangeboten fern und verringert ihre Chancen auf sozialen Aufstieg. Wenn die Kinderbetreuung nicht nur der Vereinbarkeit von Beruf und Familie dienen, sondern auch einen Beitrag zur Chancengerechtigkeit leisten solle, müsse versucht werden, bislang nicht erreichte Familien für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung zu gewinnen, so die Autoren der Studie.

          Eine Sprecherin des Familienministeriums, das die Untersuchung gefördert hat, sagte an diesem Sonntag, es sei „kein Geheimnis“, dass Ministerin Manuela Schwesig (SPD) dem Betreuungsgeld skeptisch gegenüberstehe. „Das Betreuungsgeld ist eine Erfindung der schwarz-gelben Vorgängerregierung.“ Schwesig setze dagegen auf „eine moderne Familienpolitik“ und fördere unter anderem mit dem neuen Elterngeld Plus mehr Zeit für die Familie und für den Beruf. „Über die Zukunft des Betreuungsgeldes entscheidet das Bundesverfassungsgericht.“

          Hamburg klagt vor dem höchsten deutschen Gericht gegen das Betreuungsgeld. Hamburgs Sozialsenator Detlef Scheele (SPD) sagte angesichts der neuen Untersuchung, dass sich gerade bei der Sprachförderung zeige, „wie wertvoll die Betreuung und Bildung in einer Kita ist“. Die Chefin der bayerischen Staatskanzlei, Christine Haderthauer (CSU), wies die Kritik dagegen zurück. „Bei Ein- und Zweijährigen eine Besser-/Schlechter-Diskussion zwischen Elternzuwendung und Kita anzuzetteln, ist ein ideologischer Tiefschlag sondergleichen gegen alle Eltern von Kleinkindern“, sagte die Politikerin, die immer vehement für das Betreuungsgeld eingetreten war.

          Weitere Themen

          Mehr Geld für Dax-Vorstände

          Managergehälter : Mehr Geld für Dax-Vorstände

          Spitzenmanager verdienen im Durchschnitt das 53-Fache ihrer Mitarbeiter. Diese Spreizung ist im vergangenen Jahr wieder größer geworden.

          Topmeldungen

          Wollen eine Identifikationsnummer: Russische Bürger vor einem Bürgeramt in Almaty

          Mobilmachung in Russland : Abgesetzt aus Putins Reich

          Zigtausende Russen sind wohl schon nach Kasachstan geflohen. Dessen Präsident Tokajew verspricht Hilfe – und setzt sich von Putin ab.

          Sabotage an Nord Stream : Eine bekannte Gefahr

          Seit Montag entweicht aus drei Lecks in den Pipelines Nord Stream 1 und 2 Gas in die Ostsee. Nun fragen sich alle: Wer hat die Pipelines sabotiert?
          Eine Luftaufnahme des Grenzübergangs Werchni Lars zwischen Georgien (unten) und Russland. Hier haben sich am 28. September am Grenzübergang lange Schlangen von Fahrzeugen gebildet.

          Ukraine-Liveblog : Russland beschränkt Einreise nach Georgien

          Russland verweigert von Mobilmachung betroffenen Bürgern die Reisepässe +++ Von der Leyen schlägt neues EU-Sanktionspaket samt Ölpreisdeckel vor +++ Separatisten-Chefs in Luhansk und Cherson bitten Putin um Annexion +++ alle Entwicklungen im Liveblog.

          Superstar als Auslaufmodell : Zum Heulen mit Ronaldo

          Cristiano Ronaldo hat den Zeitpunkt für einen würdevollen Abschied verpasst. Der Superstar versucht verzweifelt, sich gegen den Lauf der Zeit zu stemmen. Damit wird er auch für seine Trainer zum Problem.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.