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Energiewende : Blaues Wunder mit grünen Jobs

Jobmotor Energiewende? Eine hochspannende Frage... Bild: dpa

Mit der Energiewende sollten viele neue Arbeitsplätze entstehen. Die Grünen sprachen gar von einer Million. Zumindest bislang aber ist die deutsche Energiewende alles andere als ein Wachstumsmotor für den Arbeitsmarkt.

          Wenn es um die Vorzüge der Energiewende geht, führen die Befürworter gerne die vielen Arbeitsplätze ins Feld, die der Umstieg von konventionellen zu erneuerbaren Energien angeblich mit sich bringt. Die Grünen warben noch im vergangenen Bundestagswahlkampf mit einer Million Ökoarbeitsplätzen, die auf diesem Weg im kommenden Jahrzehnt entstehen könnten.

          Viele Politiker, Lobbyisten und Wissenschaftler prophezeien dem deutschen Arbeitsmarkt auch jetzt noch ein grünes Beschäftigungswunder, obwohl seit Jahren ein Solarunternehmen nach dem anderen in die Knie geht und der Ausbau von Windkraft an mehr als einer Stelle ins Stocken geraten ist. Erlebt das regenerative Deutschland also eine neue Blüte am Arbeitsmarkt, oder setzt sich der Absturz fort?

          „Jobmotor“ Solarindustrie stellt nur 5000 Arbeitsplätze

          Auf der Suche nach einer Antwort besteht die erste Schwierigkeit schon darin, an verlässliche Daten zu gelangen. Denn erneuerbare Energien sind keine traditionelle Branche, und „die Energiewende“ mit all ihren Facetten lässt sich schon gar nicht in herkömmlichen Statistiken erfassen. Was man allerdings kennt, sind die Beschäftigtenzahlen der Solarindustrie, denn diese werden vom Statistischen Bundesamt tatsächlich gezählt.

          Diese Zeitung hatte zu Beginn des Jahres als Erste darüber berichtet, dass in der Herstellung von Solarzellen und Solarmodulen, einem Kernstück der Energiewende, nicht mal mehr 5000 Menschen in ganz Deutschland beschäftigt sind. Für Produzenten von Windkraft oder Biomasse liegen vergleichbare Daten aber schon nicht mehr vor.

          Noch kniffliger wird das Unterfangen, wenn man die Dienstleistungen hinzuzieht. Natürlich muss eine Solaranlage auch am Haus montiert werden. Das schafft Beschäftigung fürs Handwerk. Aber hat der Heizungsmonteur, der nun auch auf dem Dach hantiert, dadurch wirklich dauerhaft zusätzliche Arbeit bekommen? Stellt er dafür neue Leute ein? Oder widmet er schlicht Geschäftsfelder um, weil die bislang hochsubventionierte Solartechnik betriebswirtschaftlich lukrativer ist? Wer in Ballungsgebieten auf einen Termin beim Fachmann im Blaumann oft wochenlang wartet, kann sich nur schwer vorstellen, dass es dem Handwerk ohne Energiewende an Arbeit mangeln würde.

          Grüne Arbeitsplätze – eine Randerscheinung

          Dennoch werden solche Effekte mittels anerkannter Verfahren hochgerechnet, um die vermeintlichen Beschäftigungseffekte der Energiewende zu beziffern. Darin fließen sogar die Arbeitsstunden von Steuerberatern der grünen Unternehmen ein. So kommen Wissenschaftler im Auftrag der zuständigen Bundesministerien derzeit auf rund 370000 Vollzeitarbeitsplätze im Dienst der grünen Sache. Angesichts von rund 42 Millionen Erwerbstätigen in Deutschland und fast 30 Millionen Beschäftigten ist das eine Randgröße.

          Für eine aussagekräftige Analyse über den Zusammenhang von Energiewende und Arbeitsmarkt fehlt allerdings bislang eine Saldenbetrachtung: also eine Aufrechnung der durch die Energiewende neu entstehenden Arbeitsplätze gegen jene, die anderswo – vor allem in der konventionellen Energieherstellung – wegfallen. Das weiß auch Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel. Sein Haus hat die Veröffentlichung eines solchen Papiers allerdings vom Frühjahr in den Herbst verschoben. Das Ergebnis wird mit Spannung erwartet.

          Ingenieure und Facharbeiter sind die Sieger der Energiewende

          Interessant ist weiterhin die Strukturverschiebung am Arbeitsmarkt. Viele Fachleute sind sich darüber einig, dass die Energiewende dem Trend zu höherwertiger Beschäftigung folgen, wenn nicht ihn verstärken wird. Ingenieure und Facharbeiter dürften also auch in Zukunft gefragt sein. Auch wenn die Infrastruktur einmal steht, werden Service und Wartung etwa von Windmühlen eine hohes Maß an Fachwissen erfordern.

          Einfache Tätigkeiten werden in einer ökologisierten Wirtschaft – auch hier im Gleichklang mit dem Gesamttrend – aber seltener gebraucht werden. Der Hilfsarbeiter in der Kohle- oder Abfallwirtschaft von heute könnte damit künftig vor noch größeren Problemen stehen, einen dauerhaften Arbeitsplatz zu finden.

          Die deutsche Energiewende ist also bislang alles andere als ein Wachstumsmotor für den Arbeitsmarkt. Aber das ist auch nicht ihr alleiniger Anspruch. Deutschland hat in seiner Energiepolitik aus anderen Motiven umgesteuert. Die vom Verbraucher jährlich mit rund 20 Milliarden Euro finanzierte Energiewende soll ein Mittel zum Zweck sein, die international vereinbarten Klimaziele zu erreichen und sich auf die Zeit vorzubereiten, wenn fossile Brennstoffe tatsächlich knapp werden. Zudem hat die Katastrophe im japanischen Fukushima den Atomausstieg quasi über Nacht herbeigeführt und die weniger riskanten regenerativen Quellen endgültig in den Mittelpunkt gerückt.

          Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit, Planbarkeit heißen die Ziele, an denen sich die Energiewende und ihre Architekten werden messen lassen müssen. Wenn es gelingt, bei diesem gigantischen Umbau der Energiewirtschaft, aber auch vieler anderer Sektoren private Unternehmen mit hoher Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten, werden davon auch die Beschäftigten profitieren. Wer aber weiterhin auf wohlfeile Verheißungen vom „grünen Beschäftigungswunder“ setzt, der wird sein blaues Wunder erleben.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

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