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Beschäftigungsanstieg : Das Wunder am Arbeitsmarkt ist weiblich

Viele Frauen arbeiten in Minijobs Bild: Daniel Pilar

Der Beschäftigungsanstieg auf dem Arbeitsmarkt wird zu zwei Dritteln von Frauen getragen, zeigen aktuelle Daten. Doch viele arbeiten Teilzeit oder in Minijobs. Aber Teilzeit-Modelle werden auch von Männern öfter genutzt.

          3 Min.

          Die neue Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) hat mit ihrem Vorschlag einer Arbeitszeitreduzierung für junge Eltern auf Staatskosten viel Staub aufgewirbelt. Unter anderem wollte sie damit auch die Berufstätigkeit von Frauen fördern. Aktuelle Daten zeigen jedoch, dass dies schon geschieht: Denn der Zuwachs an Beschäftigung in den vergangenen Jahren wird nach aktuellen Angaben der Bundesagentur für Arbeit zu zwei Dritteln von Frauen getragen. Im Frühjahr vergangenen Jahres waren 13,5 Millionen Frauen sozialversichert angestellt. Ihr Anteil an allen Beschäftigten kletterte um 1,8 Punkte auf rund 46 Prozent. Im Osten (50,2 Prozent) stellen Frauen sogar schon die Hälfte aller Beschäftigten. Der Anteil der von Frauen geleisteten Arbeitsstunden beträgt für Frauen aber erst 43 Prozent. Drei Viertel der Teilzeitstellen, aber nur ein gutes Drittel der Vollzeitstellen werden durch weibliche Arbeitskräfte besetzt.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Die Erwerbsneigung der Frauen habe in den vergangenen Jahren zugenommen, während die der Männer eher stagnierte, heißt es im aktuellen „Analytikreport“ der Arbeitsagentur. „Ein wichtiger Grund für die Zunahme der Erwerbsquote vor allem von Frauen war die Ausweitung von geringfügigen oder teilzeitbedingten Beschäftigungsverhältnissen“, schreiben die Statistiker. Betrug die Erwerbsquote von Frauen im Jahr 2002 noch rund 65 Prozent, waren es zehn Jahre später schon fast 72 Prozent. Der Männerwert legte im selben Zeitraum lediglich um zwei Punkte auf gut 82 Prozent zu. Dabei zeigt sich, dass es vor allem die Frauen über 50 Jahre sind, die heute deutlich häufiger im Beruf stehen als früher. Der Wert für diese Gruppe stieg von knapp 49 auf fast 67 Prozent, während etwa der für die Altersgruppe zwischen 15 und 25 Jahren nahezu bei 48 Prozent stagnierte. In diesem Alter findet häufig die Ausbildung oder ein Studium statt.

          Minijobs sind vollzeitfern

          Ende 2013 waren in Deutschland fast 7,5 Millionen (55 Prozent) Frauen in einer sozialversicherungspflichtigen Vollzeitbeschäftigung, und 6 Millionen hatten eine Teilzeitstelle. Die Teilzeitbeschäftigung wächst dabei schneller, nämlich um 2,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr, während die Vollzeit nur um 1 Prozent zulegte. Bei Männern sind die Gewichte klarer verteilt: Gut 14,2 Millionen arbeiten Vollzeit, nur 1,4 Millionen haben eine reduzierte Stelle – allerdings beträgt der Zuwachs hier 5 Prozent von niedriger Basis.

          Eine absolute Definition von Teilzeit gibt es nicht. Sie grenzt sich zum jeweils üblichen Vollzeitarbeitsverhältnis in einem Unternehmen ab, das wiederum individuell oder in Tarifverträgen geregelt sein kann. In der Regel gilt ein Teilzeitarbeitsverhältnis um die 30 Wochenstunden als „vollzeitnah“.

          Die sogenannten Minijobs sind dagegen eher vollzeitfern. Es handelt sich um Tätigkeiten, deren Entgelt im Monat 450 Euro nicht überschreiten darf, damit die Beschäftigten von Steuern und Abgaben befreit sind. Im März 2013 gingen rund 4,5 Millionen Frauen einem Minijob nach und 2,7 Millionen Männer. Für 3 Millionen Frauen war dies die einzige Beschäftigung, der Rest verdiente sich damit noch etwas zum Hauptberuf hinzu. Während die Zahl der ausschließlich geringfügig Beschäftigten sinkt, wächst die Gruppe der Frauen mit Nebenjob seit Jahren spürbar, zuletzt um 3,1 Prozent.

          Viel erzwungene Teilzeit in Krisenländern

          In Europa sind die Niederländer das Maß aller Dinge in Sachen Teilzeit. Jeder zweite Beschäftigte (49,8 Prozent) übt dort keine Vollzeittätigkeit aus, wie aus Daten des Europäischen Statistikamtes Eurostat hervorgeht. Grundlage der Daten sind alle Erwerbstätigen eines Landes im Alter zwischen 15 und 74 Jahren. Dahinter folgen Großbritannien (27), Deutschland und Schweden (je 26,5). Der Durchschnitt für die gesamte EU lag 2012 bei knapp 20 Prozent. Schlusslichter waren Bulgarien (2,4), die Slowakei (4,1) und Tschechien (5,7). Auch die meisten Krisenländer aus dem Euroraum liegen unterhalb des EU-Mittelwertes.

          Dort ist nach Angaben von Eurostat wiederum der Anteil der erzwungenen Teilzeit am höchsten. In Griechenland würden demnach zwei Drittel der Teilzeitkräfte gerne mehr arbeiten, in Spanien 55 Prozent, auf Zypern jede zweite Kraft und in Portugal auch noch knapp 43 Prozent. Deutschland liegt mit einem Anteil von 17 Prozent unter dem EU-Durchschnitt von 21,4 Prozent. Das entspricht einer Reserve von rund 9 Millionen Europäern, die gerne länger arbeiten würden. Mit Abstand am zufriedensten sind die Niederländer: Nur 3 Prozent der Teilzeitkräfte im Nachbarland spüren das Verlangen, die Zahl der Arbeitsstunden aufzustocken.

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