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Bertelsmann-Studie : Lücken in der sozialen Gerechtigkeit

Kinderarmut - ein Gerechtigkeitsproblem auch in Deutschland Bild: AP

Die Bertelsmann-Stiftung hat einen Gerechtigkeitsindex entworfen und 31 Länder an ihm gemessen. Deutschland liegt bei dem Vergleich lediglich im Mittelfeld - und hat demnach Nachholbedarf bei der Vermeidung von Armut.

          3 Min.

          In Sachen sozialer Gerechtigkeit rangiert Deutschland unter 31 OECD-Ländern mit Platz 15 nur im Mittelfeld. Das Land habe damit einigen Nachholbedarf, heißt es in einer Studie der Bertelsmann-Stiftung, die an diesem Mittwoch veröffentlicht wird. Die Stiftung hat einen Gerechtigkeitsindex entworfen, der fünf Aspekte untersucht: Armutsvermeidung, Zugang zu Bildung, Arbeitsmarktchancen, Einkommensverteilung (Gleichheit) und Generationengerechtigkeit.

          Heike Göbel
          Verantwortliche Redakteurin für Wirtschaftspolitik, zuständig für „Die Ordnung der Wirtschaft“.

          Die größten Defizite habe Deutschland beim Zugang zu Bildung und Arbeit sowie der Vermeidung von Armut. Es könne nicht dem Gerechtigkeitsanspruch einer der reichsten Industrienationen genügen, dass jedes neunte Kind in armen Verhältnissen aufwachse, Bildungschancen stark von sozialer Herkunft abhingen und viele Menschen, insbesondere Geringqualifizierte, dauerhaft vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen seien, heißt es in der Studie. Zum Vergleich: In Dänemark seien weniger als 3 Prozent der Kinder arm.

          Soziale Gerechtigkeit als Teilhabegerechtigkeit

          Nach dem Bertelsmann-Gerechtigkeitsindex geht es in Island und Schweden am gerechtesten zu, am ungerechtesten in der Türkei, die weit abgeschlagen am Schluss der Tabelle steht. Auf die Spitzengruppe der skandinavischen Länder, die als „eine Klasse für sich“ eingestuft werden, folgen vorne noch die Niederlande und die Schweiz. Vor Deutschland (Platz 15) finden sich auch Frankreich (8), Großbritannien (12) oder Tschechien (13). Die Vereinigten Staaten (25) und Irland liegen weit hinten, weil sie „Besorgnis erregende“ Armutswerte haben. Unter den Schlusslichtern sind Chile, Mexiko und Griechenland. Untersucht hat die Stiftung 31 der 34 Länder der Organisation für Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD), in der Staaten vertreten sind, die sich zu Demokratie und Marktwirtschaft bekennen.

          Bild: F.A.Z.

          Soziale Gerechtigkeit definiert die Studie als Teilhabegerechtigkeit, „die jedem Individuum tatsächlich gleiche Verwirklichungschancen durch gezielte Investition in die Entwicklung individueller Fähigkeiten“ garantiere. Jeder solle befähigt werden zu einem selbstbestimmten Leben und zu einer breiten gesellschaftlichen Teilhabe. Der soziale Hintergrund dürfe sich nicht negativ auf die persönliche Lebensplanung auswirken. Dem Staat falle die Aufgabe zu, Mittel umzuverteilen, um diese Teilhabe zu ermöglichen: „Der Staat muss ein starker Staat sein, der sozialen Ausgleich als Gewährleistung von Teilhabechancen versteht.“

          Deutschland: Hohe Standards bei der Vermeidung von Diskriminierung

          In den Index aufgenommen hat die Stiftung die Felder, die aus ihrer Sicht über Teilhabe entscheiden. Sie werden unterschiedlich gewichtet. Am stärksten (dreifach) gewichtet wird, wie gut die Vermeidung von Armut gelingt, denn dies sei die unabdingbare Voraussetzung für soziale Gerechtigkeit. Als arm gilt, wer weniger als die Hälfte des Medianeinkommens zum Leben hat. Das Medianeinkommen ist der Wert, der die Menge aller Einkommen in zwei Hälften teilt. Extrem hohe und extrem niedrige Einkommen verzerren den Wert dadurch nicht, wie es bei der Berechnung des Durchschnitts aller Einkommen der Fall wäre. In Deutschland sind danach 9,3 Prozent der Menschen arm, 1995 waren es nur 7,1 Prozent.

          Der Zugang zu Bildung und Beschäftigung fließt mit doppelter Gewichtung in den Index ein. Gemessen wird hier das Angebot an frühkindlicher Bildung, zudem greift man auf Daten der Pisa-Studie zurück und befragt Fachleute zur Bildungspolitik des jeweiligen Landes. Das deutsche Bildungssystem habe unter dem Aspekt sozialer Gerechtigkeit klare Defizite. Die Wahrscheinlichkeit, dass arme Kinder durch Bildung befähigt würden, am gesellschaftlichen Wohlstand teilzuhaben, sei in Deutschland geringer als in vielen anderen OECD-Staaten. Doppelt gewichtet wird auch die Fähigkeit, allen gesellschaftlichen Gruppen Zugang zu Arbeit zu verschaffen. Besondere Mängel sieht die Stiftung hierzulande vor allem bei der Vermeidung von Langzeitarbeitslosigkeit, Deutschland liege nur auf dem vorletzten Platz.

          Die „Gleichheit“ wird vor allem an der Einkommensverteilung gemessen, zudem fließen Urteile zur Antidiskriminierungs- und Integrationspolitik ein, die Auskunft über den sozialen Zusammenhalt geben sollen. In Deutschland habe die Ungleichverteilung der Einkommen in den vergangenen zwei Dekaden stark zugenommen, hohe Standards herrschten aber bei der Vermeidung von Diskriminierung. Das Prinzip der „Generationengerechtigkeit“ sei in Deutschland vergleichsweise gut verwirklicht, urteilt die Stiftung. Gemessen wird es an der Förderung von Familien und Rentnern, außerdem an Umweltschutz, Ressourcenschonung und an der Nachhaltigkeit der Finanzpolitik.

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