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Berechnung der Geldentwertung : Großbritannien bastelt an seiner Inflationsrate

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Hort kreativer Ideen: Das Britische Finanzministerium

Hort kreativer Ideen: Das Britische Finanzministerium Bild: Getty Images

Die britische Regierung plant, die Berechnungsmethode für die Inflationsrate zu reformieren. Dem Staat könnte das viel Geld sparen - doch die Anleger verärgern.

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          Jede Milliarde zählt. Vor allem Zinszahlungen, die die hochverschuldeten Regierungen für ihre aufgenommenen Schulden leisten müssen. Die britische Regierung und das britische Statistikamt möchten nun gern an der Berechnung der Inflationsrate herumbasteln, so dass - als willkommener Nebeneffekt - dem Staat Zinszahlungen auf inflationsgesicherte Anleihen erspart bleiben.

          Die Änderung der Inflationsberechnung könnte Einsparungen von bis zu 2 Milliarden Pfund im Jahr für die Regierung bei der Schuldenbedienung ausmachen. Im Januar soll entschieden werden.

          Zwei Raten für die Geldentwertung

          In Großbritannien gibt es zwei Inflationsraten: Seit 1996 veröffentlicht das Statistikamt eine nach internationalem Standard berechnete Preissteigerungsrate CPI. Nach ihr richtet sich auch die Bank von England mit ihrem Inflationsziel von 2 Prozent. Auch der staatliche Rentenanstieg richtet sich nach diesem Index. Die Preissteigerungsrate war im August auf 2,5 Prozent gesunken und ohne Einberechnung von Energie- und Lebensmittelpreisen (Kerninflationsrate) auf 2,1 Prozent.

          Eine seit dem Zweiten Weltkrieg jedoch immer noch gebräuchliche alte Inflationsrate (RPI) gilt als Richtwert an den Kapitalmärkten für die Kuponzahlungen und die Renditeberechnung von inflationsindexierten Staatsanleihen in Höhe von 278 Milliarden Pfund. Sie ist zwar im August von 3,2 auf 2,9 Prozent gesunken, liegt aber wegen der alten Berechnungsmethode immer über dem CPI. Auch die britischen Versorgerbetriebe richten sich mit ihren Preisen nach der Entwicklung des RPI.

          Das britische Statistikamt will nun eine Reform einleiten, mit der die Diskrepanz zwischen der alten und der neuen Inflationsrate - zumindest zum Teil - durch die Abschaffung der alten Berechnungsmethode ausgemerzt wird. Marktteilnehmer laufen Sturm, denn Investoren würden bei einem dann niedrigeren Index RPI entsprechend niedrigere Zinszahlungen erhalten.

          „Es wäre ein massiver negativer Schock für den Markt indexierter Anleihen“, warnt die britische Großbank HSBC und meint, die Banken und Fondsmanager würden sich voraussichtlich heftig wehren, aber die Ersparnisse für den Haushalt seien nicht zu unterschätzen.

          Sparpotential für den Staat

          Mit der Änderung von Bezugsgrößen kann der Staat viel Geld sparen. Eine volkswirtschaftliche Studie von Professoren der Universität in Bath und dem University College London belegt zum Beispiel, dass das Lohnwachstum in den vergangenen Jahren angesichts der hohen Arbeitslosigkeit deutlich gebremst wurde, nicht aber in gleichem Maße die Inflationsrate.

          Dies mag eine Folge des zunehmend flexiblen Arbeitsmarktes und der schwindenden Macht der Gewerkschaften in Großbritannien sein. Auch hier könnte theoretisch der Staat profitieren. In Großbritannien richtet sich die Berechnung von Sozialleistungen nach der Inflationsrate (CPI) und nicht nach dem Lohnwachstum. Durch die Koppelung der Sozialleistungen an das Lohnwachstum könnte - zumindest in Zeiten anhaltend langer und hoher Arbeitslosigkeit - auch hier Sparpotential für den Staat liegen.

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