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Ben Bernanke : Ein Klempner in der Fed

Ben Bernanke hat vor allem ein Ziel: Der amerikanischen Wirtschaft eine Depression ersparen Bild: REUTERS

Er versteht sich weder als Ideologe noch als Vollblutpolitiker. Ben Bernanke will praktische Probleme lösen. Dass seine Geldpolitik nicht im Standardlehrbuch empfohlen wird, weiß der Princeton-Professor. Ökonomen tun sich nicht leicht, sein Handeln an der Spitze der Fed zu beurteilen.

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          Jetzt setzt Ben Bernanke als Präsident der Fed das um, was er vor wenigen Jahren empfohlen hatte. Als die Fed im Jahre 2002 eine Deflation befürchtete und der Leitzins mit nur noch einem Prozent sehr niedrig war, schlug Bernanke damals den Ankauf von Staatsanleihen und andere Liquiditätshilfen vor. Damals erhielt er den Spitznamen „Helicopter Ben“, weil er, nicht ganz ernst gemeint, anregte, zur Belebung der Wirtschaft könne man auch Geldscheine über der Wall Street abwerfen.

          Nun zeigt sich die Fed bereit, die leidende amerikanische Wirtschaft mit Geld zu fluten. Dass eine solche Geldpolitik nicht im Standardlehrbuch empfohlen wird, weiß der langjährige Princeton-Professor Bernanke. Aber zum einen traut er seinen eigenen Erkenntnissen, auch wenn sie im Gegensatz zur Mehrheitsmeinung unter den Ökonomen stehen mögen, und zum anderen sieht er sich nicht als Heros einer wissenschaftlichen Lehre, die es um jeden Preis umzusetzen gilt. Bernanke verstehe sich ebenso wie ein Klempner als ein praktischer Problemlöser, sagt sein langjähriger Professorenfreund Mark Gertler: „Es geht ihm nicht um Ideologie. Und es geht ihm nicht um Politik.“

          Die Rezession betrachtet er als unausweichlich

          Bernanke hat vor allem ein Ziel: Er will der amerikanischen Wirtschaft eine Depression wie in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts ersparen. Diese Zeit hat er als junger Ökonom ausgiebig studiert, und nach seiner Ansicht hat vor allem die damals fehlende Bereitschaft, die Banken zu stabilisieren, das Elend erheblich verstärkt. Daher ist die Rettung der Banken seit Monaten eine vordringliche Aufgabe für ihn - und das Gegenargument, er habe Lehman Brothers nicht gerettet, akzeptiert er nicht mit der Begründung, Lehman wäre seinerzeit auf legale Weise überhaupt nicht mehr zu retten gewesen.

          Notenbankchef Bernanke kurz vor einer Rede Anfang Dezember

          Da die geschwächten Banken sich mit der Kreditvergabe an die in einer Rezession befindliche Wirtschaft zurückhalten, lässt er jetzt kurzerhand die Fed als Kreditgeber agieren. Auch das steht im Widerspruch zur reinen Lehre, aber Bernanke sieht keine andere Möglichkeit. Im privaten Umfeld äußert er sich davon überzeugt, dass er mit seiner bisherigen Geldpolitik den Vereinigten Staaten die Wiederholung der tiefen Depression der dreißiger Jahre erspart habe. Die Rezession betrachtet er als unausweichlich.

          Das Gefahrenpotential deutlich unterschätzt

          Ökonomen tun sich nicht leicht, Bernankes Handeln an der Spitze der Fed zu beurteilen. Überwiegend positiv wird sein tatkräftiges und schnelles Handeln in der Krise bewertet, aber eine Kritik lautet, Bernanke vergesse über seiner Rolle als kurzfristig orientierter Problemlöser die langfristigen Konsequenzen seiner Politik, die zur Inflation führen könne. Bernanke teilt diese Kritik allerdings nicht.

          Außerdem geben einige Ökonomen zu bedenken, dass Bernanke an der Entstehung der Krise beteiligt gewesen sei. Denn er habe die Niedrigzinspolitik seines Vorgängers Alan Greenspan, die als eine Ursache der Krise gilt, mitgetragen und das Gefahrenpotential, das sich am amerikanischen Immobilienmarkt zusammenbraute, ebenfalls deutlich unterschätzt. Beklagt wird auch, dass Bernanke dazu tendiere, das Risiko einer Deflation zu überschätzen. In den Banktürmen an der Wall Street findet man Bernankes Politik hingegen ganz hervorragend.

          „Der Magier der Geldpolitik“ - mittlerweile fragwürdig

          In seiner Außenwirkung ist Bernanke der Gegensatz zu seinem Vorgänger Greenspan, mit dem ihn jedoch nicht nur ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein und die Liebe zur Musik verbindet. Greenspan liebte es, durch mysteriöse Andeutungen über seine Geldpolitik öffentliche Diskussionen zu erzeugen, so wie er seinen mittlerweile etwas fragwürdigen Beinamen „Der Magier der Geldpolitik“ schätzte. Bernanke ist weniger ein Mann des schwungvollen öffentlichen Auftritts, sondern ein äußerst disziplinierter Arbeiter, der lieber hinter verschlossenen Türen wirkt. Außerdem neigt er eher zur Teamarbeit als sein Vorgänger.

          Geboren wurde Ben Bernanke vor 55 Jahren in Augusta/Georgia. Er galt früh als hochintelligent und reüssierte schon in jungen Jahren als Wissenschaftler. Bevor Bernanke zur Fed wechselte, zählte er zu den angesehensten monetären Ökonomen der Welt. Allerdings liebte er es schon damals nicht, sich an den vielen Ökonomen nicht fremden ideologischen Debatten zu beteiligen. Ebenso wenig begnügte er sich damit, mathematische Modelle ohne praktische Relevanz zu kultivieren. Nun muss er sich in der aktuellen Krise als Praktiker bewähren.

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