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Belastung weiter gestiegen : Trotz Umweltzonen mehr Feinstaub

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Trotz vieler Luftreinhaltepläne fliegen die Rußpartikel weiter frei umher Bild: ZB

Die Feinstaubwerte in deutschen Städten und Gemeinden sind in den vergangenen beiden Jahren weiter gestiegen - trotz der Fahrverbote für ältere Autos. Auch das Wetter vermiest die Bilanz der Umweltzonen.

          Obwohl die meisten deutschen Städte vor mehr als zwei Jahren Umweltzonen mit Fahrverboten für ältere Autos eingerichtet haben, ist die Feinstaubbelastung in dieser Zeit gestiegen. Schon im Jahr 2010, als in vielen Städten Fahrverbote in Kraft traten, wurde an mehr Tagen als im Vorjahr der zulässige Grenzwert für Feinstaub überschritten.

          Der Trend war auch 2011 nicht aufzuhalten. „Die Werte liegen höher als 2010“, sagte Arno Graff, Fachmann vom Umweltbundesamt, dieser Zeitung. Genaue Zahlen will die Behörde gegen Monatsende veröffentlichen.

          Grüne Plakette dank Rußpartikelfilter

          20 Städte haben nun am 1. Januar die dritte Stufe der Umweltzonen umgesetzt. Dort dürfen nur noch Fahrzeuge unterwegs sein, die mit einer „grünen Plakette“ ausgestattet sind. Diese Plakette erhalten die meisten Autos, wenn nachträglich ein Rußpartikelfilter eingebaut wird. Etwa 10 Prozent der Last- und rund 15 Prozent der Personenkraftwagen lassen sich Schätzungen zufolge jedoch nicht umrüsten.

          Wieder regt sich Protest: Zu Beginn der Woche meldeten sich die Busunternehmer zu Wort. Sie wollten eine Ausnahmeregelung, sagte der Präsident des Internationalen Bustouristik Verbandes, Richard Eberhardt. Rund 4500 deutsche Busunternehmen setzen nach seinen Angaben 41000 Busse ein, von denen bislang nur 40 Prozent eine grüne Plakette haben.

          Grenzwertüberschreitungen in den vergangenen Jahren Bilderstrecke

          Verglichen mit der politischen Debatte, die vor zwei Jahren losbrach, ist es dennoch ruhig geworden um die Umweltzone. Damals hatten etwa Abgeordnete der CSU und der Autoverband ADAC angesichts der Kostenzumutungen für Eigentümer älterer Autos von „Enteignung“ gesprochen. Dass die Feinstaubwerte seit Januar 2010 sogar wieder steigen, könnte neues Wasser auf ihren Mühlen sein. Nach Informationen dieser Zeitung lagen die durchschnittlichen Feinstaubkonzentrationen aller deutschen Messstationen auch im Jahr 2011 wieder deutlich über den Werten der vergangenen vier Jahre.

          Das muss aber nicht heißen, dass die Einrichtung der Umweltzonen ein Misserfolg war. Denn viele andere Faktoren haben einen größeren Einfluss auf die Feinstaubkonzentration als die Autoabgase: der Wind, Niederschlagsmengen, die Härte der Winter. Autoabgase tragen laut einer Studie des Berliner Senats nur knapp ein Fünftel zum Feinstaubgehalt der Luft bei. Rund 50 Prozent der winzigen Partikel in der Berliner Luft wurden nach dieser Studie gar nicht in der Stadt selbst verursacht - viel Feinstaub wehte etwa von Polen aus heran, und auch die russischen Waldbrände führten zu stark erhöhten Werten.

          Anstieg aufgrund der zuletzt harten Winter

          All diese Faktoren rechneten Wissenschaftler der Berliner Senatsverwaltung für Umwelt heraus und kamen zum Ergebnis, dass die Einrichtung der Umweltzonen zur Reduzierung des Feinstaubs beigetragen habe: Die von Autos verursachten Emissionen an Rußpartikeln gingen um gut die Hälfte zurück. Dürften heute noch Diesel-Fahrzeuge ohne Partikelfilter fahren, wäre die Feinstaubbelastung um 7 Prozent höher. Der abermalige Anstieg ist auch auf die zuletzt harten Winter zurückzuführen. Die Menschen haben mehr geheizt, und die Heizaktivität ist zum Beispiel in Berlin für rund 8 Prozent der Emissionen ursächlich. Eigentlich hatte das Umweltbundesamt sich von der Einführung der Umweltzonen versprochen, dass dadurch die Tage mit Grenzwertüberschreitungen um 25 gesenkt würden, die durchschnittliche Belastung um 10 Prozent.

          Feinstaub sind winzige Teilchen, die lang in der Luft schweben. Sie einzuatmen ist ungesund. Wie wenig Feinstaubwerte durch bürokratische Maßnahmen zu steuern sind, zeigt das Beispiel eines Dorfes in Brandenburg: In Hasenholz in Brandenburg wurde im Vorjahr der Grenzwert an mehr als 35 Tagen überschritten - wegen seiner Nähe zu Polen und der vielen Tage mit Ostwind.

          Nach einer EU-Richtlinie darf der Grenzwert von 50 Mikrogramm Feinstaub je Kubikmeter Luft an maximal 35 Tagen im Jahr überschritten werden. Viele Kommunen und Bundesländer arbeiteten daher „Luftreinhaltepläne“ aus.

          Abgesehen von den Auswirkungen auf die Umwelt, wirkte die Einführung der Umweltzonen als ein Konjunkturprogramm nicht nur für die Autoindustrie, sondern auch für viele kleine Werkstätten. Allein in Berlin wurden bislang 60000 Autos mit Partikelfiltern nachgerüstet. Fast 80 Prozent der deutschen Nutzfahrzeuge - rund 2,3 Millionen Autos - hatten zuletzt nur eine gelbe Plakette. Damit dürfen sie seit Januar nicht mehr in Städte wie Frankfurt, Stuttgart oder Berlin fahren, es gibt aber noch Ausnahmegenehmigungen - etwa für relativ neue, aber nicht umrüstbare Autos oder „Härtefälle“ wie finanzschwache Gewerbetreibende oder Behinderte. Einen wichtigeren Beitrag zu Emissionsverringerung als staatliche „Luftreinhaltepläne“ dürfte auch künftig der steigende Benzinpreis haben: Weil viele Menschen öfter ihr Auto stehenließen, ging der Verkehr in Berlin um rund 10 Prozent zurück.

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