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Beitragserhöhungen : 29 Kassen kassieren mehr

  • Aktualisiert am

Viele Kassen verlangen mehr Geld Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Millionen Mitglieder der Gesetzlichen Krankenversicherung müssen erhöhte Beiträge zahlen. Während im Durchschnitt deutlich mehr verlangt wird, gibt es auch sechs Krankenkassen, die ihre Tarife senken.

          3 Min.

          Rund 4,6 Millionen Mitglieder der Gesetzlichen Krankenversicherung werden am Monatsende weniger Geld von ihrem Arbeitgeber erhalten, weil ihre Krankenkassen die Beitragssätze erhöht haben. Das hatten die großen Kassen AOK Hessen, Rheinland, Saarland und Schleswig Holstein sowie einige Betriebskrankenkassen schon Ende Dezember angekündigt.

          Still und heimlich haben auch andere Kassen zum ersten Januar erhöht. Insgesamt sind es 28 und die BKK Bergisch Land wird im März nachziehen. Das hat eine Umfrage des Dienst für Gesellschaftspolitik ergeben. Immerhin sechs Kassen werden günstiger, allerdings profitieren davon weniger als 100.000 Mitglieder, weil diese Kassen relativ klein sind.

          Beitragssatz um 0,8 Prozentpunkte angehoben

          Die Beitragserhöhungen sind bei einigen Kassen minimal, andere wie die AOK Schleswig-Holstein langen kräftig zu. Sie erhöht den Beitragssatz um 0,8 Prozentpunkte auf 14,4 Prozent. Mitglieder, die mehr als 3562 Euro (Beitragsbemessungsgrenze) verdienen, bekommen von nun an rund 15 Euro weniger für ihre Arbeit überwiesen. Bei einem durchschnittlichen Verdienst beträgt der zusätzliche Abzug immerhin 10 Euro pro Monat.

          Die AOK Schleswig Holstein begründet die Beitragserhöhung mit den erhöhten Arzneimittelausgaben. Sie seien im vergangenen Jahr um 18 Prozent auf 306 Millionen Euro gestiegen. Das sei durch den Risikostrukturausgleich nicht aufgefangen worden. Allerdings dürften die höheren Ausgaben für Medikamente auch das Budget aller anderen Krankenkassen belastet haben. Peter Klink, Vorstand der BKK der Thüringer Energieversorgung, hat den Beitrag für seine rund 8000 Mitglieder dennoch gesenkt. Er erklärt das unter anderem mit den niedrigen Verwaltungskosten. Sie betragen jährlich rund 90 Euro pro Versichertem.

          Bei der AOK Schleswig-Holstein ist dieser Wert in den vergangenen zwei Jahren um 8 Prozent gefallen, liegt aber immer noch doppelt so hoch. Zudem setze seine BKK auf Vorsorge, sagt Peter Klink. Es würden zum Beispiel jedes Jahr 400 der rund 10.000 Versicherten auf Hautkrebs untersucht, in etwa 40 Fällen könnte dabei eine Vorstufe oder ein frühes Stadium der Krankheit entdeckt werden. Die Heilung sei dann relativ leicht, was hohe Folgekosten vermeide.

          AOK Berlin und Saarland am teuersten

          Die steigenden Beitragssätze einiger Kassen erhöhen den Anreiz zum Wechsel, zumal die Unterschiede zwischen teuren und günstigen Krankenkassen zum Teil mehr als zwei Prozentpunkte betragen. Die höchsten Beiträge, 14,6 Prozent des Arbeitseinkommens. verlangen derzeit AOK Berlin und AOK Saarland. Hinzu kommen, wie auch bei allen anderen Kassen, 0,9 Prozent für den sogenannten Sonderbeitrag. Insgesamt beträgt der Beitragssatz also 15,5 Prozent. Die günstigsten bundesweit zugänglichen Kassen verlangen dagegen nur 12 Prozent, zuzüglich des Sonderbeitrags also 12,9 Prozent.

          Mitglieder mit hohen Einkommen können mit einem Wechsel also bis zu 400 Euro im Jahr sparen. Die großen Kassen weisen zwar zu Recht daraufhin, daß der Preis nicht das einzige Entscheidungskriterium sein sollte. Zusätzliche Leistungen, Bonus- und Vorsorgeprogramme sowie Kooperationen mit Ärzten könnten Unterschiede in der Beitragshöhe rechtfertigen. Doch sind mehr als 95 Prozent der Leistungen der Krankenkassen gesetzlich vorgeschrieben. Sie müssen also auch von Kassen mit besonders niedrigen Beitragssätzen erbracht werden.

          Mitglieder haben das Recht, bei einer Erhöhung des Beitrages oder aber nach einer Wartezeit von 18 Monaten in eine andere gesetzliche Krankenkasse zu wechseln. Das Risiko eines Fehlgriffs bei einem Wechsel ist also auf eine relativ kurze Zeit beschränkt. Aus diesem Grund wird die Zahl der Wechsler immer größer. Nach Daten des Dienstes für Gesundheitspolitik haben in den vergangenen zwei Jahren mehr als zwei Millionen der rund 50 Millionen Beitragszahler der Gesetzlichen Krankenversicherung von diesem Recht Gebrauch gemacht.

          Sparerfolge aufgezehrt

          Der Dienst weist außerdem darauf hin, daß der durchschnittliche Beitragssatz nun auf 13,35 Prozent gestiegen sei. Rechne man den zum 1. Juli eingeführten Zwangsbeitrag von 0,9 Prozent hinzu, liege er heute bei 14,25 Prozent. Die damalige rot-grüne Regierung habe das Jahr 2005 mit einem durchschnittlichen Satz von 14,19 Prozent begonnen. Damit seien die Sparerfolge der jüngsten Gesundheitsreform inzwischen vollständig aufgezehrt.

          Wer unter solchen Vorzeichen sich durch einen Wechsel der Krankenkasse eine kleine Entlastung verschaffen will, kann seiner derzeitigen Kasse mit einer Frist von zwei Monaten kündigen. Innerhalb von zwei Wochen sollte die Kündigungsbestätigung eingehen. Danach hat der Wechselwillige zwei Monate Zeit, um sich eine neue Kasse zu suchen. Ist der Beitritt zur neuen Kasse vollzogen, muß nur noch der Arbeitgeber informiert werden (siehe F.A.Z. vom 28. Dezember).

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