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Beispielrechnung : Wohin fließen die Sozialabgaben?

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Der dickste Scheck geht an die Rentner Bild: AP

Was passiert eigentlich mit dem, was jeder Arbeitgeber monatlich für den Sozialstaat abzwackt? Das Beispiel eines Singles mit Durchschnittsgehalt zeigt, wohin die Sozialabgaben fließen und was mit ihnen gemacht wird.

          Was passiert eigentlich mit dem Unterschied zwischen Brutto und Netto? Das Beispiel eines Singles mit Durchschnittsgehalt zeigt, wohin die Sozialabgaben fließen und was mit ihnen gemacht wird.

          Die Rentenbeiträge: Den dicksten Scheck schickt der Durchschnitts-Single an die Rentner. 4087 Euro im Jahr von 41.074 Euro Jahresgehalt erhält die Rentenkasse. Nicht, damit die das Geld für ihn zurücklegt, sondern für die heutige Generation an Ruheständlern. Und morgen zahlt die nächste Generation, hoffentlich. Mit 340 Euro im Monat unterstützt der Durchschnittsverdiener den Lebensstandard ihm unbekannter Rentner, dieselbe Summe legt sein Arbeitgeber obendrauf.

          Die Krankenversicherung: Die Beiträge steigen 2007 nahe an die 15-Prozent-Grenze. Für den Gehaltszettel des Singles bedeutet ein angenommener AOK-Satz von 14,8 Prozent: minus 253 Euro für die gesetzlichen Kassen, 3039 Euro im Jahr. Das Rundum-sorglos-Paket liefern die dafür nicht: Jeder Arztbesuch im Quartal kostet extra, plus die Selbstbeteiligung an Medikamenten oder Zahnersatz. Die 253 Euro im Monat verteilen sich wie folgt: 14,93 Euro behalten die Kassen für die eigene Verwaltung. 18,47 Euro reichen sie an die Zahnmediziner weiter, 40 Euro an die restlichen Ärzte. Deren Warnung, sie stünden vor dem Ruin, wird durch die Statistik als Schwarzmalerei entlarvt: Die Honorarkurve steigt fiebrig nach oben. Auf 1000 Einwohner kommen immerhin 3,5 Ärzte.

          Den langlebigen Japanern genügen zwei pro 1000 Einwohner. Die Ärzte sind freilich nicht die einzigen Kostentreiber: 41,49 Euro von unserem Single gehen jeden Monat für Pillen und Salben drauf. 91,08 Euro für das Krankenhaus. Fast die Hälfte von dem, was der Gehaltszettel als Abgabe an die Krankenkasse ausweist, dient der Umverteilung an andere Versichertengruppen. An Familien, die gratis mitversichert werden. An Rentner, deren Ausgaben nur zu rund 50 Prozent von ihnen zurechenbaren Einnahmen gedeckt werden. Verlierer einmal mehr: Der relativ junge Angestellte mit hohem Lohn. "Breite Schultern tragen eine größere Last", sagt Ministerin Ulla Schmidt. Warum ausgerechnet die Gesundheit für die Nivellierung der Einkommen mißbraucht wird, das sagt sie nicht. Nicht mal, was oben und unten im Klassenkampf über die Kassen bedeutet, haben die Ideologen des Gesundheitswesens geklärt. Oder warum zahlt der mäßig verdienende Single die Arztbesuche für Kinder und Gattin seines Chefs?

          Gute Nachricht: Abgaben für die Arbeitslosigkeit sinken

          Die Pflegeversicherung: Der jüngste und schwächste Zweig der Sozialversicherung zwackt 1,1 Prozent des Bruttolohnes ab: 451 Euro im Jahr, inklusive 0,25 Prozentpunkte staatlich angeordnetem Strafzuschlag wegen Kinderlosigkeit.

          Die Abgaben für die Arbeitslosigkeit: Die einzige gute Nachricht zum Jahreswechsel kommt aus Nürnberg: Die Beiträge an die Arbeitslosenversicherung sinken von 6,5 auf 4,2 Prozent. Das entlastet unseren Ein-Personen-Haushalt um 472 Euro im Jahr. 71,86 Euro zahlt der Single pro Monat an die Bundesagentur für Arbeit. Nicht ganz acht Prozent behält die für sich. Zwei Drittel werden an Arbeitslose ausgeschüttet, 20 Milliarden Euro fließen insgesamt in die "aktive Arbeitsmarktpolitik". Ein Teil davon wandert unter anderem an Konzerne wie Daimler oder Siemens, wenn die ihren Stellenabbau über Transfergesellschaften abwickeln.

          Genau überblicke kein Vermittler in den Arbeitsämtern die Vielzahl der Instrumente, klagte unlängst ein Sprecher der ehemaligen Behörde. 70 bis 80 unterschiedliche Fördermaßnahmen listet die BA auf. Was sie nicht hat, sind Antworten auf die Frage: Was bringt den Arbeitslosen etwas? Deswegen könnten die Instrumente "nicht effizient eingesetzt werden", gestand der Mann von der BA. Man werde daher den "gesamten Katalog an Fördermaßnahmen durchforsten und auf ein überschaubares" Instrumentarium zusammenstutzen. Na bravo, ruft da der tapfere Beitragszahler.

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