https://www.faz.net/-gqe-12ti2

Bayern-LB-Chef Michael Kemmer : „Brauchen nicht zwingend eine Bundes-Bad-Bank“

  • Aktualisiert am

Michael Kemmer Bild: AP

Der Vorstandsvorsitzende der Bayern LB gibt sich im F.A.Z.-Interview gelassen - auch wenn der politische Druck hoch ist. Denn Michael Kemmers Institut hat 2008 mit mehr als 5 Milliarden Euro den höchsten Verlust aller Landesbanken gemacht.

          6 Min.

          Die Bayern LB hat 2008 mit mehr als 5 Milliarden Euro den höchsten Verlust aller Landesbanken gemacht. Vorstandschef Michael Kemmer lässt Zweifel anklingen, dass die Rückkehr zu einem Gewinn schon in diesem Jahr gelingt. Er will mit Hilfe der bayerischen Landesregierung die Bank bis 2013 sanieren. Ob Brüssel ihm so lange Zeit lässt, ist allerdings fraglich. Die Wettbewerbshüter drängen auf einen schnellen Ausstieg des Freistaats.

          Herr Kemmer, wie lange werden Sie noch Vorstandsvorsitzender der Bayern LB sein?

          Sie gehen offenbar davon aus, dass nach den Beschlüssen der Bundesregierung nun die Konsolidierung der Landesbanken erfolgen und die Bayern LB bald verschwunden sein wird. Wenn die Eigentümer das so wollten, wäre es ihr gutes Recht. Ich kann dafür aber keine Anzeichen erkennen. Sicher geht die Bayern LB derzeit durch eine schwierige Phase. Aber wir können auf unserem harten Sanierungsweg schon jetzt erste Erfolge nachweisen. Im Übrigen: Ich habe mir abgewöhnt, meine berufliche Karriere länger zu planen. Ich bin mit Freude Vorstandsvorsitzender der Bayern LB, und ich konzentriere mich auf meine Aufgabe.

          Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer wollte Sie vor Weihnachten schon entlassen. Wie groß ist die Gefahr, dass Politiker Sie bald wieder zur Disposition stellen?

          Als Chef einer großen Bank ist man in diesen unruhigen Zeiten nie dagegen gefeit. Doch seit diesen Tagen ist ein Vertrauensverhältnis zum bayerischen Ministerpräsidenten gewachsen. Mein Eindruck ist: Das passt.

          Der Chefsessel einer Landesbank ist in der Finanzkrise ein Schleudersitz. Wissen Sie eigentlich, dass Sie mit 15 Monaten Dienstältester von sieben Landesbank-Chefs sind?

          Das ist wohl so.

          Siegfried Jaschinski musste kürzlich bei der LBBW seinen Posten räumen. Werden Sie Jaschinskis Nachfolger als Präsident des Verbandes öffentlicher Banken?

          Das Amt ist wichtig, gerade in diesen Zeiten des Umbruchs, keine Frage. Aber ich tue gut daran, mir nicht zu viel aufzuladen. Der Umbau der Bayern LB verlangt meine volle Aufmerksamkeit.

          Die Bundesländer sind zur Neuordnung der Landesbankenszene bereit. Die Bayern LB auch?

          Die Politik und die Wirtschaftskrise üben Druck auf den Landesbankensektor aus, sich zu konsolidieren. Ich rate dazu, einen kühlen Kopf zu bewahren und abzuwägen. Richtig ist: Die Zahl der Landesbanken ist nicht in Stein gemeißelt. Durch die Zusammenlegung gerade der Sparkassen-Zentralbankfunktionen und der Aktivitäten im Ausland ließen sich auch Kosteneinsparungen erzielen. Auf der anderen Seite gilt: Die Klumpenrisiken bei den Krediten nehmen in fusionierten Bankbilanzen zu. Und die Refinanzierung eines größeren Bankengebildes ist schwieriger als die von mehreren kleinen Banken. Diese beiden Risiken einer Fusion sind in einer Finanzkrise höher zu bewerten als sonst.

          Das heißt, die Bayern LB steht jetzt für Zusammenschlüsse nicht bereit?

          Landesbankfusionen sind vor allem eine Frage des Timings. Jede Landesbank muss zunächst ihre Hausaufgaben machen. Und im Übrigen ist dies eine Angelegenheit der Eigentümer.

          Was halten Sie von einer Landesbanken-Holding?

          Ob Holding oder etwas anders ist eine Frage der technischen Ausgestaltung der Zusammenführung, die ich nicht auf dem öffentlichen Marktplatz diskutieren will. Ziel muss sein, eine ausgewogenere Landesbankenstruktur zu schaffen. Ob funktional oder regional - hier ist der Stein der Weisen noch nicht gefunden.

          Ein Hebel für den Bund, die Bayern LB bis Ende 2010 unter eine Holding zu zwingen, ist das erweiterte Bad-Bank-Gesetz. Braucht die Bayern LB zur Umsetzung von EU-Auflagen eine Bundes-Bad-Bank-Anstalt?

          Kredite von Geschäftszweigen, die nicht mehr im Fokus stehen, auszulagern kann eine reizvolle Konstruktion sein. Es hätte den Charme, so unser Eigenkapital von Rating-Verschlechterungen bei Wertpapieren und Kunden zu entlasten und die Refinanzierung durch die Verkleinerung der Bank zu erleichtern. Allerdings sind die Konditionen, die der Bund für die Auslagerung zum verständlichen Schutz der Steuerzahler verlangt, prohibitiv. Wichtig ist: Wir haben keinen Druck. Die Bayern LB hat Ende vergangenen Jahres eine Risikoabschirmung über 4,8 Milliarden Euro von den Eigentümern bekommen. Deshalb brauchen wir eine Bundes-Bad-Bank-Anstalt nicht zwingend.

          Die Risikoabschirmung und die 10 Milliarden Euro Eigenkapitalzufuhr der Eigentümer gelten als staatliche Beihilfe. Wie hart werden die Auflagen der EU?

          Wir haben nach vier Monaten konstruktiver Gespräche mit der EU auf Arbeitsebene im April einen Umstrukturierungsplan für die Bayern LB in Brüssel eingereicht. Unsere Ziele sind gleichgerichtet. Brüssel verlangt in der Regel eine Fokussierung der Geschäfte und eine deutliche Verringerung der Bilanz. Wir haben selbst gesagt, dass wir 70 Milliarden Euro an Anlagen in einer internen Restrukturierungseinheit bündeln und abbauen wollen. Das ist ein Drittel unserer Risikoaktiva.

          Seehofer hat in Brüssel gesagt, ein Verkauf von Teilen der Bank bis 2011 käme für den Freistaat Bayern zu früh.

          Ja, eindeutig. Wenn Sie jetzt etwas ins Schaufenster stellen, locken Sie nur Schnäppchenjäger an. Damit würden wir Wert vernichten. Wir brauchen definitiv eine längere Frist, um nicht unter Wert zu verkaufen.

          Verlangt die EU von Ihnen den Verkauf des Osteuropa-Geschäfts und der Privatkundenbank DKB, also bisherige Alleinstellungsmerkmale Ihrer Bank?

          Das kann ich nicht ausschließen. Ohnehin sind unter den 70 Milliarden Euro an abzubauenden Risikoaktiva auch Aktivitäten in Osteuropa. Wir haben gesagt, dass wir unsere Tochtergesellschaften in Osteuropa bis 2013 kapitalmarktfähig machen wollen und damit sämtliche Optionen erschließen, die wir benötigen. Die DKB hingegen ist ein Kernbestandteil des Konzerns, für den dies nicht gilt.

          Wird die Bayern LB nach dem Umbau statt einer „Osteuropa LB“ nur noch eine größere Sparkasse für Bayern sein?

          Eindeutig nein. Wir werden das Mittelstandsgeschäft ausbauen. Dafür werden wir auch noch ein neues Vorstandsmitglied an Bord nehmen. Im mittelständischen Firmenkundengeschäft sehen wir in Bayern und anderen Regionen Deutschlands noch gute Chancen, Marktanteile zu gewinnen. Aber klar ist auch, wir bleiben eine internationale Bank und werden nicht zu einer bayerischen Regionalbank. Das ist für unsere Firmenkunden, die im Ausland aktiv sind, wichtig.

          Sie ziehen sich aus Asien zurück, verkleinern die Standorte New York und London. Wie wollen Sie unter diesen Umständen eine internationale Bank führen?

          Wir haben gerade in diesem Jahr gute Fortschritte im Kundengeschäft gemacht, insbesondere mit Kapitalmarktprodukten. Große internationale Unternehmen bleiben auch weiterhin unsere Zielkunden.

          S&P hat überraschend das Rating der Bayern LB massiv auf „BBB+“ herabgestuft. Früher wäre die Bayern LB damit nicht überlebensfähig gewesen. Wie groß sind heute die Refinanzierungsnachteile?

          Sie sind derzeit fast gar nicht feststellbar. Das liegt an der allgemeinen Markterholung und unserem guten Ruf gerade im Inland, aber sicherlich auch daran, dass die Rating-Agenturen in der Finanzkrise völlig zu Recht an Reputation verloren haben. Der Markt erkennt, dass die Agenturen nach ihrem Versagen vor der Krise nun dazu neigen, in die andere Richtung zu übertreiben. Zudem hat sich das Ratinggefüge von Banken insgesamt nach unten verschoben. Im Übrigen haben wir bei den anderen Ratingagenturen Moody's und Fitch ein A+ beziehungsweise A1. Trotzdem nehmen wir das Downgrading von S&P ernst und arbeiten daran, wieder nach oben zu kommen. Mit der Restrukturierung ist die Bayern LB

          Sie haben zuletzt Risikovorsorge im Wesentlichen für Kredite von 1,7 Milliarden Euro getroffen und im ersten Quartal einen hohen Gewinn gemacht. Macht die Bayern LB auch im Gesamtjahr 2009 wieder Gewinn?

          2009 wird es für uns sehr schwierig sein, wieder in die schwarzen Zahlen zu kommen. Wir haben in unserer Risikovorsorgeplanung zwar schon eine deutliche Abkühlung der Konjunktur eingebaut. Doch erst im Herbst wird sich zeigen, wie groß die Einschläge aus der Realwirtschaft auf unser Kreditportfolio sein werden. Aber klar ist: Die Risikovorsorge wird nennenswert sein. Zudem wird uns der notwendige Restrukturierungsaufwand belasten. Wir bleiben vorsichtig.

          Aber gerade die Landesbanken sind doch von der Politik in die schlechten Risiken getrieben worden . . .

          . . . im Moment wird in der Öffentlichkeit viel von Kreditausfällen geredet, gesehen habe ich davon bisher wenig. Das wird aber noch kommen. Und dass wir hineingetrieben wurden, möchte ich so nicht stehenlassen. Wir sind für unsere Entscheidungen schon selbst verantwortlich.

          Die Bayern LB musste beispielsweise die Verluste für ein schlecht ausgelastetes Hotel auf dem Obersalzberg übernehmen . . .

          Wir sollten schon korrekt bleiben. Fakt ist, dass die Bayern LB vor einer Reihe von Jahren die Verantwortung für den unternehmerischen Betrieb übernommen hatte. Der wirtschaftliche Betrieb ist noch nicht profitabel, aber wir befinden uns insgesamt auf einem guten Weg.

          Dann mal etwas größer: Die Bayern LB ist Hausbank von Arcandor.

          Wir sind eine von mehreren Banken. Die Politik versucht bei Arcandor, mit ihren Mitteln eine Lösung zu finden, und das ist richtig. Es geht um viele tausend Arbeitsplätze. Aber für die Beurteilung unseres Kreditengagements kann dies nicht allein entscheidend sein.

          Die Bayern LB hat eine Kernkapitalquote von 9,6 Prozent. Wie viel Eigenkapital-Puffer haben Sie für Kreditausfälle?

          Wir sind im Moment gut kapitalisiert. Die von uns definierte Zielquote des Kernkapitals ist 8 Prozent. Grob gesagt, würde ein voll gegen das Kernkapital laufender Verlust von 2 Milliarden Euro in etwa 1 Prozent der Quote ausmachen. Demnach hätten wir einen Puffer für knapp 4 Milliarden Euro Verlust. Allerdings ist dabei zu berücksichtigen, dass nach Basel II auch Rating-Verschlechterungen das Kernkapital belasten. Und in einer Wirtschaftskrise ist mit solchen Verschlechterungen zu rechnen.

          Werden Sie noch einmal Geld vom bayerischen Steuerzahler brauchen?

          Aus heutiger Sicht nein! Unser Restrukturierungskonzept bis zum Jahr 2013 ist so angelegt, dass wir mit dem jetzt vorhandenen Eigenkapital auskommen. Auch in einem pessimistischen Szenario werden wir nach Lage der Dinge keine Probleme haben.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Vor der Wahl in Amerika : Welcome to Trumpland

          In Pennsylvania steht im Garten eines Hauses eine überdimensionale Trump-Figur. Sie ist ein Besuchermagnet für eingefleischte Fans des Präsidenten. Über einen Ort voller Enthusiasmus, Hoffnung und bedingungsloser Liebe.

          Neue Corona-Maßnahmen : Treffen unter dramatischen Vorzeichen

          Vor zwei Wochen konnten sich die Ministerpräsidenten nicht einigen. Jetzt sind die Infektionszahlen kaum noch kontrollierbar. Vor dem Treffen mit Merkel fordern immer mehr Politiker und Wissenschaftler harte Einschnitte mit strikten Kontaktbeschränkungen.
          Weil die Schnelltests dann am sichersten sind, wenn die Viruslast bereits hoch und der Infizierte wirklich infektiös ist, sind Antigentests sogar besonders geeignet, akute Risiken schnell zu erkennen: Ein Mädchen in Delhi lässt sich testen

          Viren-Schnelltests als Chance : Raus aus dem Schlamassel!

          Weniger Lockdown-Streit, mehr Pragmatismus wagen in der Pandemie: Wieso Schnelltests rasch helfen sollten, das Leben mit dem Virus erträglich und sicherer zu machen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.