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Barentsee : Am Pol der guten Hoffnung

Russische Fischtrawler: Im Hafen von Kirkenes in Nordnorwegen Bild: Sebastia Balzter

Die Erdgasreserven in der Barentssee wecken große Erwartungen am nördlichen Rand Europas. Die Aussicht auf den Aufschwung hat Wunder gewirkt. Doch nicht zuletzt der Nachbar Russland macht die Zukunft der Region unvorhersehbar.

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          Eis? Eivind Gade-Lundlie schaut über den Fjord Richtung Norden, dann schüttelt er den Kopf. „Nach industriellen Maßstäben ist das kein Eis.“ Auf knapp 20 Grad unter null ist die Temperatur in der Nacht gefallen, für die Finnmark zu dieser Jahreszeit kein außergewöhnlicher Wert. Jetzt ist die Wasseroberfläche am Hafen von Kirkenes gefroren, gesplittertes Eis säumt die Kaimauer, die unter russischer Flagge fahrenden Fischtrawler bleiben im Hafen vertäut. „Aber nur, weil sie hier auf eine Reparatur oder eine neue Fangerlaubnis warten“, beschwichtigt Gade-Lundlie, der Hafenchef von Kirkenes.

          Sebastian Balzter
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          An seiner Interpretation darf kein Zweifel aufkommen, schließlich ist der eisfreie Hafen der große Trumpf der kleinen Stadt in Norwegens nordöstlichem Zipfel. Die russische Grenze ist kaum zehn Kilometer entfernt, bis zum Gasfeld Schtokman in der Barentssee sind es rund 340 Seemeilen. Wenn die künftigen Betreiber, Gasprom aus Russland, Statoil aus Norwegen und Total aus Frankreich, dort den ersten Kubikmeter Erdgas aus der Tiefe des Meeresbodens holen, versichert der Hafenchef, wird Kirkenes bereit sein, dem Golfstrom sei Dank. „Das Eis wird hier eigentlich nie so fest, dass es die Schifffahrt ernstlich behindern könnte.“

          Schon die Aussicht auf den Aufschwung hat Wunder gewirkt in der Stadt, die kaum 5000 Einwohner zählt: Auf 1,4 Prozent ist die Arbeitslosenquote gefallen. Jetzt gönnt sich die Gemeinde ein neues Schul- und Kulturzentrum und ein neues Krankenhaus. Auch für Wohnhäuser werden Neubaugebiete ausgewiesen, am Hafen sind vor kurzem ein Hotel und die aus Glas und Stahl errichtete VW-Niederlassung eingeweiht worden. „Kirkenes in Pole Position“ steht selbstbewusst auf den neuen Prospekten aus dem Rathaus.

          Wenn die russischen Schätzungen stimmen, enthält Schtokman allein genug Gas, um Deutschland 40 Jahre lang komplett zu versorgen. Und die Geologen vermuten, dass viel größere Vorkommen bislang noch unentdeckt sind. So zeigt sich die arktische Natur, mit Kälte und Winterdunkelheit für die Bewohner bislang eine alltägliche Herausforderung, plötzlich gnädig. Und die Geschichte, die Kirkenes im vergangenen Jahrhundert zuerst eine deutsche Besatzung, dann ein sowjetisches Bombardement und schließlich die Frontstellung im Kalten Krieg gebracht hat, spendiert dazu steigende Rohstoffpreise: Auf bis zu 9 Billionen Dollar taxieren die Experten den Wert der Bodenschätze in der Arktis.

          „Ich bin die Spaßbremse hier“

          Auch deshalb ist Norwegens Königin Sonja samt Außenminister und Kommunalministerin an den Rand ihres Reichs gereist, um die Kirkenes-Konferenz zu eröffnen. Lange vorher schon waren Hotels und Flüge ausgebucht, denn die Rednerliste ist illuster besetzt mit Politikern, Analysten, Wissenschaftlern, Unternehmern und Lobbyisten; Konferenzsprachen sind Russisch und Norwegisch. Kaum ein Beitrag kommt ohne den Verweis auf den im November unterzeichneten Vertrag aus, der nach mehr als vier Jahrzehnte dauernden Verhandlungen den Grenzverlauf zwischen Russland und Norwegen in der Barentssee festgelegt hat. Die noch ausstehende Zustimmung der Parlamente halten die meisten Beobachter für eine bloße Formalie auf dem Weg zur langersehnten Rechtssicherheit.

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