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Bank von England : Notenbank kämpft gegen den Brexit-Schock

Helfer in der Not: Britischer Notenbankchef Mark Carney (Mitte) Bild: Bloomberg

Die Bank von England muss den Leitzins auf ein neues Rekordtief senken und die Notenpresse anwerfen, um am Finanzmarkt Anleihen zu kaufen. Sonst droht der Gesamtwirtschaft nach dem Brexit ein langfristiger Schaden.

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          Die britische Notenbank versucht mit einem weitreichenden Paket geldpolitischer Krisenmaßnahmen den wirtschaftlichen Schaden des EU-Austritts einzudämmen. Der Brexit sei ein „sehr großer Schock“ für Europas zweitgrößte Volkswirtschaft und wenn die Geldhüter nicht jetzt handelten, seien noch mehr Arbeitsplätze bedroht als ohnehin schon, sagte Mark Carney, der Gouverneur der Bank von England. Die Notenbank rechnet mit einem deutlich niedrigeren Wirtschaftswachstum als bisher.

          Marcus Theurer
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Um die Wirtschaft anzukurbeln senken die Notenbanker den Leitzins und kaufen im großen Stil Anleihen des britischen Staates und von privaten Unternehmen. Falls sich der befürchtete starke Wirtschaftsabschwung bewahrheiten sollte, seien allerdings weitere Maßnahmen wahrscheinlich, sagte Carney. Der britische Finanzminister Philip Hammond begrüßte die Maßnahmen der Notenbank umgehend. „Es ist richtig, dass die Geldpolitik genutzt wird, um die Wirtschaft in dieser Phase der Anpassung zu unterstützen“, sagte Hammond am Donnerstag.

          Geld ist so billig wie nie zuvor

          An den Finanzmärkten fiel nach den Ankündigungen der Wert des Pfunds, während die Kurse von Anleihen und Aktien stiegen. Carney warnte aber zugleich, dass die Möglichkeiten der Notenbank begrenzt seien: Trotz der Gegenmaßnahmen werde die britische Wirtschaft nach dem Brexit-Votum deutlich schwächer wachsen als bisher angenommen, sagte er. „Es werden mehr als eine Viertelmillion Jobs verloren gehen“, erwartet Carney. Die Notenbank rechnet für das Jahr 2017 nur noch mit einem Wachstum von 0,8 Prozent statt bislang 2,3 Prozent. Anders als vor dem Referendum hält sie eine Rezession aber mittlerweile für vermeidbar und ist damit optimistische als viele Bankanalysten.

          Geld ist in Großbritannien auch heute schon so billig wie nie zuvor, seit der Gründung der Bank von England im Jahr 1694. Nun halbiert die Notenbank ihren Leitzins abermals – auf nur noch 0,25 Prozent. Die Entscheidung der neun Mitglieder des geldpolitischen Rates fiel einstimmig. Der Leitzins ist der Zins, zu dem die Geschäftsbanken bei der Notenbank kurzfristige Kredite aufnehmen können und ist das zentrale Steuerungsinstrument der Geldpolitik. Carney wies die Kritik zurück, dass dadurch die Sparer erheblich bestraft würden: Der längerfristige Schaden für die Gesamtwirtschaft und damit auch für die vielen Sparer wäre zu groß, wenn die Geldhüter jetzt nicht entschlossen gegensteuerten, argumentierte er.

          Die Bank von England wirft außerdem die Notenpresse an: Binnen sechs Monaten will die Zentralbank Staatsanleihen im Volumen von 60 Milliarden Pfund und zusätzlich Anleihen britischer Unternehmen von bis zu 10 Milliarden Pfund kaufen. Die britischen Notenbanker haben, ähnlich wie später auch die Europäische Zentralbank, bereits nach der Weltfinanzkrise vor acht Jahren auf diese sogenannte „quantitative Lockerung“ gesetzt und zwischen 2009 und 2012 Anleihen im Volumen von 375 Milliarden Pfund gekauft. Sie kontrollieren mittlerweile rund ein Viertel aller umlaufenden britischen Staatsanleihen.

          Nun soll dieser Berg auf 435 Milliarden Pfund weiter anwachsen. Durch die Zinssenkung und die Anleihekäufe hoffen die Notenbanker das ohnehin schon sehr niedrige Zinsniveau weiter senken zu können, um die Kreditvergabe und damit auch die Konjunktur zu stärken.

          Maßnahmen könnten noch verstärkt werden

          Um sicherzustellen, dass die Geschäftsbanken den niedrigeren Leitzins auch an ihre Kunden weitergeben, kündigte die Bank von England außerdem ein großangelegtes neues Kreditförderungsprogramm an: Das sogenannte „Term Funding Scheme“ soll ein Volumen von bis zu 100 Milliarden Pfund erreichen, hieß es in London. Geschäftsbanken können sich dabei für bis zu vier Jahre und zu Kosten, die in etwa auf Höhe des Leitzinses liegen, direkt Geld bei der Notenbank leihen. Die Darlehen sind allerdings an Vorgaben für die Kreditvergabe der Institute geknüpft.

          Der Notenbankchef gab zugleich klar zu verstehen, dass die Geldhüter zu weiteren Schritten bereit seien. Alle am Donnerstag verkündeten Maßnahmen könnten noch einmal verstärkt werden, sagte Carney. Falls die Konjunkturdaten in den kommenden Monaten die Befürchtungen der Notenbanker bestätigten sollte, sei eine Mehrheit der Mitglieder des geldpolitischen Rates für eine weitere Lockerung, sagte Großbritanniens oberster Geldhüter demonstrativ entschlossen.

          Carney bekräftigte aber, dass er negative Leitzinsen für schädlich halte – an der Zinsschraube werden die britischen Geldhüter nach der Senkung vom Donnerstag deshalb also wohl nur noch einmal drehen können, indem sie den Leitzins auf Null setzen. Der Notenbankchef erteilte auch dem sogenannten „Helikopter-Geld“ eine klare Absage: So bezeichnen Ökonomen die direkte Kreditvergabe der Zentralbank an den Staat. „Dafür sehe ich in Großbritannien keinen Bedarf“, kommentierte Carney. Analysten hatten dagegen zuletzt über solche radikalen Maßnahmen gegen den Brexit-Schock spekuliert.

          Nach den Krisenmaßnahmen der Zentralbank richten sich nun die Augen auch auf die neue Regierung in London. Viele Beobachter erwarten, dass der Finanzminister Hammond den bisherigen Sparkurs seines Amtsvorgängers George Osborne zumindest abmildern wird, um die schwächelnde Wirtschaft zu stützen. Hammond hat aber einen Nothaushalt ausgeschlossen und will erst in seiner turnusmäßigen Halbjahresbilanz im November seine fiskalpolitischen Pläne vorstellen.

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