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Baden-Württemberg : Die Wirtschafterinnen fürs Ländle

  • -Aktualisiert am

Die designierten Ministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU, Wirtschaft) Bild: dpa

Winfried Kretschmann ist nun im Amt. In seiner neuen Regierung kümmern sich zwei Frauen um Wirtschaft und Finanzen. Einer wird sogar noch viel mehr zugetraut.

          Den liebevollen Spitznamen „Cleverle“ verbindet man in Baden-Württemberg mit Lothar Späth: Er war ein Ministerpräsident, der ständig vor Ideen sprühte und viel in Bewegung brachte, oft auf ganz unkonventionelle Weise. „Er hat mich begeistert“, sagt Nicole Hoffmeister-Kraut, die neue baden-württembergische Wirtschaftsministerin. Sie hat den CDU-Politiker aus nächster Nähe erlebt, viele Jahre lang, weil er eine entscheidende Rolle im Unternehmen der Familie Kraut spielte, dem Waagenspezialisten Bizerba, der sich in Balingen am Fuße der Burg Hohenzollern nun schon 150 Jahre behauptet.

          Mitte der neunziger Jahre übernahm Lothar Späth, der damals schon nicht mehr Ministerpräsident, sondern Chef von Jenoptik war, bei Bizerba die Rolle des Aufsichtsratsvorsitzenden und auch die des Verhandlers bei der Neuordnung der Eigentumsverhältnisse. „Ich könnte ihn jetzt gut gebrauchen“, sagt die heute 43 Jahre alte Hoffmeister-Kraut voll Respekt über den erst vor wenigen Wochen verstorbenen CDU-Politiker. Dann fügt sie hinzu: „Ich habe aber viele andere, die mich unterstützen.“ Und: Sie könne sich schnell in neuen Situationen zurechtfinden.

          „Sie weiß, was sie will, und ist ziemlich hart in der Durchsetzung“

          In der Wirtschaft ist ihre Nominierung jedenfalls schon einmal positiv aufgenommen worden, was keineswegs selbstverständlich ist. Den CDU-Spitzenkandidaten Guido Wolf haben gleich mehrere Arbeitgeber- und auch Gewerkschaftsvertreter als Wirtschaftsminister verhindert, weil dieser ihnen wenig kompetent und ziemlich leidenschaftslos erschien. Dagegen geht Nicole Hoffmeister-Kraut in das Amt mit einer Menge Vorschusslorbeer. Von einer „Idealbesetzung“ ist gar die Rede. Sie wisse, worauf es ankomme, was die Wirtschaft in Baden-Württemberg voranbringen könne, was die wichtigen Themen für die Beschäftigten seien – eben weil sie aus einer Unternehmerfamilie stamme. Bei Bizerba, wo mittlerweile ihr Bruder Andreas Kraut die Führung übernommen hat, ist sie seit zwei Jahren Aufsichtsratsmitglied, ein Posten, der in Familienunternehmen mehr bedeutet als das Beobachten und Ratgeben aus der Ferne. Abgesehen davon, ist sie promovierte Betriebswirtin, hat nach dem Studium in London bei Morgan Stanley gearbeitet und dann bei Ernst & Young als Beraterin im Bereich Übernahmen.

          Als dreifache Mutter war Nicole Hoffmeister-Kraut dann in Schulen und Kirche auch ehrenamtlich engagiert, und seit 2009 sitzt sie für die CDU im Gemeinderat. Politisch interessiert sei sie immer schon gewesen, sagt sie. Doch erst im vorigen Sommer wurde der Weg in die Landespolitik bereitet: Da setzte sie sich im dritten Wahlgang als CDU-Kandidatin für den Zollernalbkreis durch. Im März holte sie dort das Direktmandat – allerdings nur mit gut 300 Stimmen Vorsprung gegenüber dem Grünen-Kandidaten. „Man braucht ein dickes Fell“, sagt sie.

          „Sie weiß, was sie will, und ist ziemlich hart in der Durchsetzung“, urteilt einer aus dem Arbeitgeberlager über die neue Wirtschaftsministerin. Er hätte das Gleiche auch über die neue baden-württembergische Finanzministerin sagen können: Edith Sitzmann, bisher Fraktionsvorsitzende der Grünen, wird genau mit solchen Sätzen häufig beschrieben. „Sie hat das Verhandeln so in den Genen, dass es den Schwarzen manchmal ganz anders wurde“, sagte Ministerpräsident Winfried Kretschmann über Edith Sitzmann, nachdem der grün-schwarze Koalitionsvertrag ausgehandelt war.

          Langweilig oder auch blass

          Während Nicole Hoffmeister-Kraut ihre Fähigkeiten im optimalen Fall dafür einsetzt, dass die Unternehmen im Land dank guter Geschäfte noch mehr Steuern zahlen können und noch mehr Mitarbeiter beschäftigen können, die dann ihrerseits den Staatssäckel füllen, wird Edith Sitzmann das Geld zusammenhalten. Studiert hat die 53 Jahre alte Politikerin Geschichte und Kunstgeschichte, doch mit Finanzen befasst sie sich schon, seit sie 2002 für die Grünen in den Landtag kam. In der grün-roten Koalition hat sie die Fraktion auf Haushaltskonsolidierung eingeschworen und sich mit den Beamten angelegt, die nicht Opfer des Sparzwangs werden wollten. Doch längst hat sie genau erkundet, wo die Stellschrauben sind, die den Haushalt des eigentlich reichen Landes Baden-Württemberg strukturell entlasten könnten.

          Die designierte Ministerin im baden-württembergischen Landtag (Bündnis 90/Die Grünen, Finanzen), Edith Sitzmann

          Wer mit Begehrlichkeiten zu Edith Sitzmann kommt, wird damit rechnen müssen, dass er eine harte Nuss zu knacken hat. Mit öffentlichen Schlachten ist aber eher nicht zu rechnen. Sitzmann ist keine, die sich in Rage redet oder flammende Plädoyers hält. Sie agiert nüchtern und pragmatisch und kontrolliert, so sehr, dass ihr von Journalisten regelmäßig beschieden wird, sie sei langweilig oder auch blass.

          Der Posten als Finanzministerin ist tendenziell dazu geschaffen, solche Urteile zu zementieren. Das ist kein Amt, in dem man häufig in Kameras lächeln darf, weil eine neue Straße oder ein neues Forschungszentrum der Öffentlichkeit vorgestellt wird. Ein Mauerblümchendasein will Edith Sitzmann aber dann doch nicht fristen. Sie kennt ihre Stärken. Mit fast 40 Prozent der Wählerstimmen hat sie ihr Direktmandat in Freiburg gewonnen, das schafft Selbstbewusstsein. Und als Fraktionsvorsitzende der Grünen hat sie eine Aufgabe erfüllt, die traditionell auf Höheres vorbereitet: Fraktionsvorsitzende gelten als Nachfolgekandidaten für amtierende Regierungschefs. Dass der Name Sitzmann in öffentlichen Spekulationen über die Kretschmann-Nachfolge bisher nicht fiel, muss wenig bedeuten. Es ist ja noch Zeit. Am heutigen Donnerstag muss Kretschmann erst einmal wieder als Ministerpräsident vereidigt werden.

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