https://www.faz.net/-gqe-74xwx

BA-Chef Weise im Gespräch : „Wir sehen derzeit keine Massenentlassungen“

  • Aktualisiert am

Nein, denn eines ist sicher: Wir haben in Deutschland auf Grund der Demographie auf mittlere und lange Sicht einen hohen Bedarf an Fachkräften. Deshalb muss man solche Zuwanderungsprogramme weiterlaufen lassen, auch wenn es wirtschaftlich mal schwieriger wird. Es wird keine Konkurrenz zu den Arbeitslosen geben.

Werden nicht dieselben Fehler gemacht wie mit der Anwerbepolitik des vergangenen Jahrhunderts?

Die Sorge ist berechtigt. Die misslungene Integration von Zuwanderern ist gerade in den Städten heute deutlich sichtbar. Deshalb müssen wir es heute besser machen als in den siebziger Jahren. Wir werben gezielt Menschen mit den Qualifikationen für offene Stellen, die wir nicht mehr besetzen können. Von Anfang an wird überlegt, wie diese Fachkräfte in die Gesellschaft integriert werden können, um Spannungen zu verhindern. Wir beraten Arbeitgeber, die überlegen, im Ausland Personal zu suchen. Gibt es Partner, die eine Stelle brauchen? Kinder, die Krippenplätze oder eine Schule benötigen? Integration ist aber vor allem eine Aufgabe der Kommunen und ihrer Bürger.

EU-Arbeitsmarktkommissar Andor fordert eine Beschäftigungsgarantie für junge Leute. Wie soll das in den von Massenarbeitslosigkeit heimgesuchten südeuropäischen Ländern funktionieren?

Eines weiß ich: Was nicht funktioniert, ist, wenn junge Menschen ihre erste Berufserfahrung mit Arbeitslosigkeit machen und keine Perspektive haben. Das ist hochgefährlich für eine Gesellschaft. Diese Länder haben die Pflicht, sich um die Menschen zu kümmern und Angebote zu machen. Und wenn die Botschaft lautet: Geht mal eine zeitlang nach Deutschland. Andors Vorschlag ist ein guter Anstoß für eine wichtige Diskussion.

Der deutsche Arbeitsmarkt hat sich in den vergangenen Jahren komplett gedreht: von der Massenarbeitslosigkeit hin zur Fachkräfteproblematik. Brauchen wir noch eine Bundesagentur für Arbeit?

Ja, denn es wird selbst bei bester Konjunktur Menschen geben, die unsere Unterstützung brauchen, um Arbeit zu finden. Wir werden auch zunehmend benötigt, um Fachkräfteengpässe zu bekämpfen. Wir müssen die nötige Transparenz herstellen, damit sich die finden, die sich finden sollen. Dafür muss sich unsere Kommunikation ändern, weil wir etwa junge Leute heute schon vor allem über soziale Medien erreichen. Wir haben all das in einem Positionspapier mit dem Namen „BA 2020“ zusammengefasst, das die Entwicklungslinien für die kommenden Jahre vorgibt.

Steht darin auch, dass Deutschlands größte Behörde schrumpfen muss?

Wir haben heute über 1000 Niederlassungen, und ich halte das für notwendig, um nahe bei den Menschen zu bleiben. Aber die Tätigkeit unserer Mitarbeiter wird sich verändern. Durch moderne Informationstechnologie brauchen wir weniger klassische Verwaltungsarbeit, dafür mehr Fachleute. Früher haben die meisten Mitarbeiter im Innendienst gearbeitet, heute hat der Großteil Kundenkontakt. Wir werden viel mehr beratend tätig werden, dafür die Vermittlung auf bestimmte Gruppen konzentrieren. Die Zahl unserer Mitarbeiter werden wir dafür weiter reduzieren. Damit haben wir schon begonnen.

Sie haben den Abbau von 17000 Stellen beschlossen. Wie weit sind Sie?

Wir haben bereits 8000 Stellen weniger und damit die Marke von 100000 Beschäftigten unterschritten. Bis Ende 2015 werden wir das Programm umgesetzt und weniger als 90000 Mitarbeiter haben.

Darüber hinaus gibt es keine Pläne?

Nein, aber wir werden die Strukturen permanent an die Aufgaben anpassen und damit auch das Personal. In der Tendenz werden wir in Zukunft weniger Mitarbeiter brauchen.

Wollen Sie die Behörde unabhängiger machen?

Was wir in dem Positionspapier vorschlagen, ist eine längerfristige Finanzplanung. Wenn ich heute Geld dafür ausgebe, dass junge Leute ihren Abschluss nachholen, dann zahlt sich das später aus, wenn sie eine Arbeit finden und durch ihre Beiträge meine Einnahmen steigen. Aber das System der Kameralistik blendet solche Effekte aus. Deshalb reden wir mit unserem Verwaltungsrat über dreijährige Planungszeiträume. Die Signale aus der Politik sind ebenfalls positiv.

Wollen Sie die Bundesagentur privatisieren?

Nein, wir sind eine Bundesbehörde und werden das bleiben. Aber wenn ich Investitionen rechtfertigen will, dann muss ich belegen, dass sie sich lohnen. Außerdem muss ich auch Risiken bewerten. Das kann ich nur mit betriebswirtschaftlichen Berechnungen. So erfülle ich den sozialen Auftrag am besten.

Das Gespräch führte Sven Astheimer.

Weitere Themen

Topmeldungen

Koalitionsgipfel im Kanzleramt : Ist die Lösung in Sicht?

Rund 20 Stunden ringen die Spitzen der Koalition im Kanzleramt schon um die Klimastrategie der Bundesregierung – jetzt scheint sich eine Einigung anzudeuten. Die Verhandlungen über einen CO2-Preis seien „auf der Zielgerade“, sagte Unions-Fraktionsvize Jung.
Betreuung boomt: 90 Prozent aller Eltern schicken ihre Kinder in die Kita.

Kita-Ausbau : Erfolg und Scheitern liegen nah beieinander

Mehr Geld, mehr Plätze, mehr Arbeit: Der Kita-Ausbau ist ein sozialstaatliches Mammutprojekt. Kann Betreuung dabei pädagogisch wertvoll bleiben? Ein Gastbeitrag.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.