https://www.faz.net/-gqe-12dnp

Autos : Plötzlich kriegen alle das große Wracksausen

  • -Aktualisiert am

Letzte Ruhe Bild: dpa

Manche beschworen schon das Ende des Autozeitalters. Vorbei. Der Deutsche kauft wieder neue Autos. Am liebsten mit der Abwrackprämie vom Staat. Szenen aus einem Land, das von und mit dem Auto lebt, das ohne Auto kaum kann, es aber nicht mehr zu lieben schien.

          Der Verkäufer des weitläufig angelegten VW-Autohauses hat Tränen in den Augen. Er wischt sich mit einem Taschentuch die Feuchtigkeit weg. Dann setzt er die Brille wieder auf und sagt nicht ohne Rührung, das habe er noch nie erlebt.

          Dann berichtet er von dem großen Sturm. Dabei ist der Mann eher ein Veteran des Verkaufs als ein Anfänger. Er hat noch die letzten Käfer verkauft und dann den ersten Polo mit der Pappe in den Türen und den Golf I, von dem manche Partien schon im Prospekt zum Rosten neigten. Aber die Erfahrung aus den vergangenen vier, fünf Wochen, die möchte er nicht missen. Bis Ende Januar konnte er sich mit zwei Kollegen in dem properen Verkaufsraum neben müden Topfpflanzen für den Aufbaukurs „Russisch 2“ an der Volkshochschule vorbereiten. Kunden kamen keine. Dann sprach sich die Gewährung der Verschrottungsprämie herum, und vorbei war es mit Ruhe und Russisch.

          Die Leute kaufen sogar den Fox - den wollte vorher keiner

          „Wir haben neue Wartezonen für die Kunden eingerichtet, mit bequemen Stühlen und einem Automaten für Getränke, wir haben zehn Stunden am Tag verkauft, Formulare ausgefüllt und Preise berechnet, und als unser Bestand an Neu- und Vorführwagen knapp wurde, da haben wir mit Reservierungen gearbeitet, von befreundeten Händlern die Autos aus Italien und aus Frankreich zurückgeholt“, sagt der Mann und schaut über die Schulter zurück in den Verkaufsraum, wo, mit Einkaufstüten bewaffnet, zwei Frauen stehen, die erste Anzeichen von Ungeduld zeigen.

          Jetzt noch schnell ins Autohaus des Vertrauens

          „Wir könnten noch mehr absetzen“, sagt der Mann, „aber wir sind leer geräumt. Wir haben jetzt keine Autos mehr. Aber wir kriegen bald neue, die Leute nehmen uns sogar den Fox ab, den wollte vorher keiner haben, aber der alte Polo, das ist der Renner, der Basis-Golf ist auch ausverkauft, die stärker motorisierten Modelle laufen noch nicht so toll“, das sagt der Mann, und dann wagt er einen Scherz, um sich wieder seinen Kunden zu widmen: „Alle kriegen jetzt das große Wracksausen.“

          Manchen Kunden kommen beim Abschied die Tränen

          Wer aus dem Fenster auf den Hof hinter dem Verkaufsraum blickt, mag auf den ersten Blick nicht an den Mangel glauben. Alles ist voll mit Autos. Aber es sind alte Kaleschen. So wie viele andere Autohändler, hat auch dieser in der süddeutschen Kleinstadt seinen privaten Schrottplatz hinter dem Werkstattgebäude. Ein kleiner Friedhof mit den vergessenen Träumen auf Rädern. Alles Autos, die gestern noch über die Straßen rollten. Jetzt sind sie verraten und verkauft. Reif für die Schrottpresse, die in wenigen Minuten aus einem lebenden Auto einen toten Materialwürfel macht. Mitunter kämen den Kunden beim Abschied die Tränen, berichtet der Verkäufer noch kurz und entschuldigt sich dann, weil seine Kollegen verzweifelt um Hilfe winken.

          Das sind Szenen aus einem Land, das von und mit dem Auto lebt, das ohne Auto kaum kann, es aber nicht mehr zu lieben schien. Einsame Verkäufer in Autosalons, stürzende Statistiken zu Neuzulassungen und verzweifelte Autobosse, die um Arbeitsplätze, Boni und Margen bangten. Die Autokritiker sahen sich in ihren Mahnungen bestätigt, das Ende des Autozeitalters wurde beschworen.

          Nun ist nicht alles, aber doch vieles ganz anders

          Nun ist nicht alles, aber doch vieles ganz anders: Die Neuzulassungen explodieren mitten in einem wirtschaftlichen Umfeld, das wenig Anlass zum Optimismus gibt. Automodelle werden den Händlern aus den Händen gerissen, die noch vor wenigen Wochen auf dem Weg ins Depot des Vergessens waren. Die unerwartete Nachfrage zeigt allen Autokritikern die Rote Karte: Denn die angenommene Krise des Autos war eine reale Krise der Kunden.

          Weitere Themen

          Trübe neue Autowelt

          Zeitenwende in der Branche : Trübe neue Autowelt

          Lange Zeit kannte die Autoindustrie nur eine Richtung – bergauf. Das ist zum diesjährigen Beginn der IAA anders. Demonstranten protestieren, allseits herrscht Unsicherheit. Für die Branche sind die fetten Jahre vorbei.

          Drohnen-Angriff sorgt für Ölpreis-Anstieg Video-Seite öffnen

          Saudi-Arabien : Drohnen-Angriff sorgt für Ölpreis-Anstieg

          Nach den Drohnenangriffen auf zwei Ölanlagen in Saudi-Arabien wird mit einem Anstieg der Ölpreise gerechnet. Die Angriffe verschärfen die angespannte Lage in der Golfregion und führten zum Einbruch der Ölproduktion in Saudi-Arabien.

          Topmeldungen

          TV-Kritik: Anne Will : Klimawandel und Professionalisierung

          In dieser Woche will die Bundesregierung ihre klimapolitischen Pläne festschreiben. Vorher schärfen alle Akteure noch einmal ihr Profil. Das gelang gestern Abend auch dem AfD-Politiker Björn Höcke, während es bei Anne Will um die Autoindustrie ging.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.