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Arbeitsmarkt : Der Mindestlohn schadet nicht so sehr

Noch bei der Arbeit: Eine Kellnerin in Sachsen Bild: dpa

Die Löhne in Deutschland steigen schnell. Besonders Geringverdiener profitieren vom Mindestlohn – und sie verlieren nicht mal so viele Arbeitsplätze.

          Kurz vor Weihnachten hat das Statistische Bundesamt eine für Arbeitnehmer erfreuliche Nachricht veröffentlicht: Die Löhne in Deutschland steigen weiter. Im dritten Quartal legten sie real zum Vorjahreszeitraum um 2,4 Prozent zu, teilten die Statistiker am Montag mit. Ein Vollzeitbeschäftigter verdiente im dritten Quartal im Durchschnitt brutto 3624 Euro im Monat. Das bedeutet zwar eine etwas geringere Steigerung als im ersten Halbjahr, im mehrjährigen Vergleich sind 2,4 Prozent aber noch immer ein sehr hoher Zuwachs. Besonders profitierten Geringqualifizierte: Ungelernte Arbeitnehmer verdienten im Spätsommer fast 4 Prozent mehr als vor einem Jahr. Erheblichen Anteil daran dürfte der zu Jahresbeginn eingeführte flächendeckende Mindestlohn von 8,50 Euro je Stunde haben.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Die Kehrseite der Lohnzuwächse sind höhere Kosten für die Arbeitgeber und damit möglicherweise negativen Auswirkungen für deren Wettbewerbsfähigkeit. Nachdem die Löhne in Deutschland viele Jahre langsamer gestiegen sind als in den meisten anderen Ländern im Euroraum, hat sich diese Entwicklung inzwischen verkehrt.

          Die Lohnstückkosten – ein gängiger Indikator für die Wettbewerbsfähigkeit – werden auch in den kommenden beiden Jahren um etwa 2 Prozent steigen, prognostiziert die Bundesbank in ihrem am Montag veröffentlichten Monatsbericht. Oliver Holtemöller, Konjunkturchef des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), sorgt sich dennoch nicht um die Konkurrenzfähigkeit der Unternehmen. „Der Lohnanstieg ist eher Ausdruck der Knappheit auf dem Arbeitsmarkt, insbesondere in wirtschaftsstarken Regionen“, sagte Holtemöller.

          Die schlimmsten Befürchtungen zum Mindestlohn haben sich nicht bewahrheitet

          Knapp ein Jahr nach Einführung des Mindestlohns scheint sich damit herauszustellen, dass sich zumindest die besonders pessimistischen Prognosen zu den Folgen der Reform bislang nicht bestätigen. Das Münchener Ifo-Institut hatte etwa im März 2014 gewarnt, der Mindestlohn gefährde bis zu 900.000 Arbeitsplätze in Deutschland – darunter viele geringfügige Beschäftigungsverhältnisse, „in Vollzeit-Stellen entsprechen die gesamten Verluste in etwa 340.000 Arbeitsplätzen“, teilte das Ifo mit. Einen solcher Verlust sehen Fachleute nicht. „Die sichtbaren Folgen sind eher gering, auch wegen der guten Konjunktur “, sagt IWH-Forscher Holtemöller.

          Forscher tun sich allerdings schwer damit, die Auswirkungen des Mindestlohns genau zu beziffern – denn niemand weiß, ob sich der Arbeitsmarkt in Deutschland ohne die Reform noch besser entwickelt hätte. Auf Grundlage von Modellschätzungen geht Holtemöller davon aus, dass der Mindestlohn unter dem Strich Arbeitsplätze „im fünfstelligen Bereich“ gekostet hat.

          Am sichtbarsten sind die Folgen bei den geringfügig Beschäftigten. Im Juni dieses Jahrs gab es rund 190.000 solcher Beschäftigungen weniger als ein Jahr zuvor. Dieser Rückgang entspricht ziemlich genau einer Vorhersage der führenden Forschungsinstitute in ihrer Gemeinschaftsprognose aus dem Frühjahr 2014. „Ein Teil dieser Stellen wurde in sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse umgewandelt. Ein Teil ist verloren gegangen“, sagt Holtemöller.

          Forscher hatten vor allem davor gewarnt, dass in Ostdeutschland, wo rund jeder fünfte Arbeitnehmer vor Jahresbeginn weniger als 8,50 Euro je Stunde verdient hatte, viele Arbeitsplätze verloren gehen würden. Doch offenbar ist es dort Dienstleistern und Gaststätten gelungen, ihre höheren Kosten an die Kunden weiterzugeben. In Sachsen seien in „vom Mindestlohn mutmaßlich besonders stark betroffenen Bereichen zum Teil erhebliche Preissteigerungen festzustellen“, schreibt das Ifo-Institut in einer kürzlich veröffentlichten Konjunkturprognose für Ostdeutschland. Die Inflationsrate habe in der ersten Hälfte dennoch nicht höher gelegen als im Vorjahr. Für das kommende Jahr sind die Ifo-Forscher zuversichtlich: „Im Prognosezeitraum dürfte sich die Arbeitsmarktdynamik wieder beschleunigen.“

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