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Austrittspläne : Schotten arbeiten an einer Zukunft ohne Briten

Austrittswillig: Schottlands Ministerpräsident Alex Salmond und Deputy First Minister seine erste Ministerin Nicola Sturgeon präsentieren ein „Weißbuch“ für die Abspaltung Bild: Getty Images

Eine Abspaltung Schottlands wäre für die Briten schlimmer als ein EU-Austritt, warnen Ökonomen. Was passiert, wenn das Vereinigte Königreich nach mehr als drei Jahrhunderten zerbricht?

          Die Mitteilung des amerikanischen Ölkonzerns Chevron war kurz und bündig: Das geplante Bohrprojekt „Rosebank“ westlich der schottischen Shetland-Inseln biete angesichts der hohen damit verbundenen Kosten derzeit keinen „ausreichenden wirtschaftlichen Mehrwert“, gab Chevron vergangenen Freitag bekannt. Die jetzt auf Eis gelegte Großinvestition im geschätzten Volumen von 8 Milliarden Dollar war einer der großen Hoffungsträger für einen erhofften neuen Aufschwung in der schrumpfenden britischen Nordseeölindustrie.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Für Schottlands Ministerpräsident Alex Salmond kommt der Rückzieher des Energieriesen zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt: Am Dienstag stellte der populäre Landesvater von der Scottish National Party (SNP) seinen Plan für die Abspaltung Schottlands vom Rest Großbritanniens vor. Mit seinem fast 700 Seiten dicken „Weißbuch“ wirbt der Separatist Salmond, dessen SNP im Landesparlament in Edinburgh mit absoluter Mehrheit regiert, für ein souveränes Schottland.

          Die Uhr tickt: Kommenden September sollen die rund 5 Millionen Schotten, die nur acht Prozent der Bevölkerung Großbritanniens ausmachen, in einem Volksentscheid darüber abstimmen, ob das Vereinigte Königreich nach mehr als drei Jahrhunderten zerbricht. Die Entscheidung ist eine politische Frage – aber eine mit weitreichenden Konsequenzen für Europas drittgrößte Wirtschaftsmacht. „Die ökonomischen Implikationen für das Vereinigte Königreich und Schottland wären weit größer als wenn Großbritannien die Europäische Union verlassen würde“, warnten dieses Jahr die Volkswirte der Großbank ING in einer Analyse zum „Sexit“ – wie der drohende Ausstieg der Schotten aus dem britischen Verbund auf der Insel genannt wird.

          Das Öl ist eines der Hauptargumente Salmonds: Großbritannien ist hinter Norwegen der zweitgrößte Ölförderer in Europa und 90 Prozent des schwarzen Goldes wird vor Schottlands Küsten gefördert. Aber von den Steuereinnahmen aus dem Ölschatz von zuletzt rund 11 Milliarden Pfund im Jahr erhalten die Schotten bisher nur einen Anteil von gut 8 Prozent, entsprechend ihres Bevölkerungsanteils. Das Öl werde nach der Abspaltung Schottland allein gehören und nicht mehr Großbritannien, bekräftigte Salmond am Dienstag: „Wenn wir die Nordseeförderung berücksichtigen, wird das Einkommen je Einwohner in Schottland um fast ein Fünftel höher sein als im britischen Durchschnitt“, verspricht er.

          Schottland will Pfund als Währung behalten

          Während der Ministerpräsident den Bürgern das Bild von einem nordischen Ölstaat ausmalt, sehen Volkswirte die wirtschaftliche Bilanz eines Ausstiegs sehr viel nüchterner: Unterm Strich sei der „Sexit“ für Schottland ein finanzielles Nullsummenspiel, glaubt der ING-Ökonom James Knightley. Zwar würden die Schotten, wenn sie tatsächlich einen Großteil der noch verbleibenden Ölreserven für sich reklamieren könnten, etwa 7 Milliarden Pfund an zusätzlichen Steuereinnahmen gewinnen. Aber weil Schottland bisher je Einwohner gerechnet, einen überdurchschnittlichen Anteil der britischen Staatsausgaben erhält, droht zugleich der Verlust von Transferleistungen von ebenfalls etwa 7 Milliarden Pfund. Der wirtschaftliche Gewinn aus höheren Öleinnahmen und die Einbußen durch niedrigere Transfers würden sich derzeit also ausgleichen. Das allerdings ist nur eine Momentaufnahme, denn die schottische Ölförderung ist seit mehr als einem Jahrzehnt rückläufig. Die Vorteile der schottischen Unabhängigkeit werden somit immer kleiner.

          Große Unsicherheit würde durch eine Abspaltung auch in der Währungspolitik entstehen: Salmond kündigte am Dienstag an, ein unabhängiges Schottland wolle weiter das britische Pfund als seine Währung verwenden. Aber Großbritanniens Finanzminister George Osborne hat bereits klar gestellt, eine solche Lösung sei „höchst unwahrscheinlich“ – wer kein Vereinigtes Königreich will, soll auch auf das Pfund verzichten. Und selbst wenn die Schotten das gemeinsame Geld behalten könnten: Zeigen nicht die Wirren der Europäischen Währungsunion, dass gemeinsames Geld mehr und nicht weniger wirtschaftliche und politische Integration benötigt? Den schottischen Ministerpräsidenten ficht das nicht an: „Wir wissen, dass wir die Leute, die Fähigkeiten und die Mittel haben, um Schottland zu einem erfolgreicheren Land zu machen“, verkündete Salmond am Dienstag.

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