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Außenhandel : Die deutsche Rüstungsindustrie entdeckt Indien

Indiens Handelsminister Nath trifft Glos Bild: dpa

Indien entwickelt sich für die Rüstungsindustrie zu einem interessanten Markt. Nach der verteidigungspolitischen Eiszeit unter der rot-grünen Koalition nähern sich nun beide Seiten einander an. Minister Glos wirbt in Neu-Delhi für deutsche Waffen.

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          Indien entwickelt sich für die deutsche Rüstungsindustrie zu einem interessanten Markt. Zwar gibt es bislang keine nennenswerten neuen Aufträge, doch nach der verteidigungspolitischen Eiszeit unter der rot-grünen Koalition treiben nun beide Seiten die Annäherung voran.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          "Indien ist zu einer anerkannten Friedensmacht in der Region und weltweit geworden. Das erlaubt uns neue Formen der Zusammenarbeit, die unsere sehr leistungsfähigen Produkte und Firmen mit einbeziehen können", sagte Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) am Dienstag bei einem Treffen mit Indiens Handelsminister Kamal Nath in Neu-Delhi. Vertreter der Rüstungskonzerne EADS, Rheinmetall, Diehl und Atlas Elektronik besuchten gemeinsam mit Glos Verteidigungsminister Pranab Mukherjee.

          Rüstungswettlauf in neuer Phase

          Es geht um den Zugang zu einem Milliardenmarkt. "Spätestens seit die Amerikaner Pakistan die Lieferung von F-16- Kampfjets zugesagt haben, tritt der Rüstungswettlauf in der Region in eine neue Phase", sagt der indische Verteidigungsanalyst Sandeep Unnithan. Im vergangenen Jahr haben die Inder für rund 6 Milliarden Dollar Waffen eingekauft. Innerhalb von sieben Jahren hat Indien seinen Verteidigungshaushalt verdoppelt. Im Haushaltsplan für das Fiskaljahr bis Ende März 2007 hat die Regierung in Neu-Delhi ihn um weitere 7 Prozent auf 890 Milliarden Rupien (14 Milliarden Euro) angehoben - 41 Prozent dafür stehen für Einkäufe bereit.

          In einer Studie für den amerikanischen Kongreß hieß es vor knapp einem Jahr, Indien sei mit einem Einkaufsvolumen von 15,7 Milliarden Dollar zwischen 1996 und 2004 vor Saudi-Arabien und China zum größten Waffenkäufer unter den Entwicklungsländern geworden. Als Lieferant stand bislang Rußland im Mittelpunkt. Gerade erst haben die Inder drei russische Fregatten für 1,2 Milliarden Dollar erworben. Nach China ist Indien der zweitgrößte Abnehmer russischer Waffenexporte mit einem Anteil von etwa 40 Prozent. Allerdings wird in Indien vor allem über den Service der gekauften Systeme geklagt. Israel, die ehemalige Kolonialmacht Großbritannien und Frankreich haben auch deshalb Boden gutgemacht.

          Indien als Gegengewicht zu China

          Dank des Abkommens zur Unterstützung beim Aufbau der zivilen Nutzung der Atomkraft rückt allerdings Indiens neuer Verbündeter Amerika mehr und mehr in den Vordergrund. Im Juni hatte Präsident George Bush Pakistan zudem die Lieferung von 36 Kampfflugzeugen F-16 von Lockheed Martin Corp. zugesagt. Branchenkenner schätzen das Gesamtpaket auf einen Wert von rund 5 Milliarden Dollar. Einerseits gerät Indien damit unter Druck, sich gegen seine Nachbarländer und Kriegsgegner Pakistan und China zu behaupten. Andererseits kann es Kapital daraus schlagen, daß vor allem die Amerikaner daran interessiert sind, Indien politisch und wirtschaftlich zu stützen - auch als Gegengewicht zu China.

          Aus deutscher Sicht hilfreich für die Industrie dürfte das Rahmenabkommen zur bilateralen Verteidigungszusammenarbeit sein, das Mukherjee bei seinem Besuch in Berlin vom 6. September an unterzeichnen will. Es solle die vor Jahren geschlossene strategische Partnerschaft mit Leben füllen, heißt es in Verhandlungskreisen. Waffenkäufe sind in das Abkommen zwar nicht direkt einbezogen. Doch dürfe es die Grundlage dafür deutlich verbessern.

          Deutsche lockern die Exportkontrollen

          Unter der rot-grünen Bundesregierung war Indien als Rüstungskäufer aufgrund seiner Auseinandersetzungen mit Pakistan um die Region Kaschmir strengen Exportkontrollen unterworfen. Diese werden nun gelockert, obwohl die Einzelfallprüfungen unter den Rüstungsexportrichtlinien erhalten bleiben werden. So sieht man beispielsweise bei EADS keinerlei politische Einschränkungen mehr für den Verkauf der eigenen Produkte, vom Eurofighter über Hubschrauber bis hin zu unbemannten Drohnen. Die Lieferung von Handfeuerwaffen oder Waffen zur Aufstandsbekämpfung indes dürften weiterhin Ausfuhreinschränkungen unterliegen, hieß es in diplomatischen Kreisen in Delhi. Glos allerdings lobte auch Indiens Engagement im "Kampf gegen den Terrorismus". Dieser wird im Land freilich oft als Kampf gegen den pakistanischen Widerstand unter anderem in Kaschmir begriffen.

          EADS nutzt die offene Tür, um eine engere Verzahnung mit Indien zu suchen. "Indien hat als Markt für uns Vorrang", sagte der Chief Executive Officer von EADS, Tom Enders, am Dienstag. Rund zwei Milliarden Euro wird das Unternehmen bis 2020 in ein Technologiezentrum und in die Auftragsvergabe an dortige Zulieferer stecken. Im Militärwesen steht langfristig ein Großauftrag um die Auftragsvergabe für 126 Kampfflugzeuge im Mittelpunkt, dessen Wert die Amerikaner auf rund 10 Milliarden Dollar schätzen. Neben EADS rechnen auch Frankreich (Rafale), Schweden (Gripen), Rußland (MiG) und Amerika (F-16 oder F-18) damit, von den Indern zu einem Angebot aufgefordert zu werden. Gegen den amerikanischen Konzern Bell tritt EADS bei der Auftragsvergabe für 197 Mehrzweckhubschrauber an.

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