https://www.faz.net/-gqe-10398

Ausländische Staatsfonds : 3700 Milliarden Dollar Vermögen

Abu Dhabi ist die Heimat des größten Staatsfonds Bild: picture-alliance/ dpa

Die Sorgen über die Macht von Staatsfonds haben sich nicht verflüchtigt. Im Gegenteil: Am Mittwoch hat das Bundeskabinett Abwehrmaßnahmen gegen ausländische Staatsfonds beschlossen. Diese investieren auf der Suche nach hohen Renditen immer mehr Geld in Aktien.

          Ende 1974 sorgte die Familie Quandt für erhebliche Aufregung in der deutschen Öffentlichkeit: Sie verkaufte über ihre Hausbank, die Dresdner Bank, ein 14 Prozent schweres Paket am Fahrzeughersteller Daimler-Benz für geschätzte 800 Millionen D-Mark an den Staatsfonds von Kuweit. Das Geschäft löste in Wirtschaft und Politik Sorgen vor einem unerwünschten Einfluss ausländischer Aktionäre auf Kernunternehmen der deutschen Industrie aus.

          „Wer immer an ein Geschäft mit den Ölländern denkt, sollte sich seiner politischen wie gesamtwirtschaftlichen Verantwortung in dieser Frage bewusst sein“, hieß es damals warnend in einem Leitartikel in der F.A.Z., dessen Verfasser sich beunruhigt zeigte über das, „was die Quandts durch den Verkauf ihres Aktienpakets an Kuweit der Daimler-Benz AG angetan haben“. 34 Jahre später ist der kuweitische Staatsfonds immer noch an Daimler beteiligt, und niemals in diesem langen Zeitraum hat es Klagen über eine politische Einflussnahme der Araber auf den Fahrzeughersteller gegeben.

          Prüf- und Vetorecht der Regierung

          Die Sorgen über die Macht von Staatsfonds haben sich dennoch nicht verflüchtigt. Im Gegenteil: Am Mittwoch will das Bundeskabinett das neue Außenwirtschaftsgesetz zum Schutz deutscher Firmen vor ausländischen Investoren verabschieden. Es sieht ein Prüf- und Vetorecht der Regierung für den Fall vor, dass bei einer maßgeblichen Beteiligung eines ausländischen Staatsfonds an einem deutschen Unternehmen die übergeordneten Interessen des Landes verletzt werden könnten.

          Das Unbehagen über die Staatsfonds hängt wesentlich mit deren rasch wachsender finanzieller Schlagkraft zusammen. Nach Berechnungen der DZ Bank, die eine Reihe von Studien über diese Fonds erstellt hat, verfügen diese Anleger zusammen über Vermögensgegenstände im Wert von geschätzt 3700 Milliarden Dollar. Anders als bei Hedge-Fonds, von denen mehrere tausend existieren, ist das Vermögen der Staatsfonds konzentrierter: Es gibt nur etwa 50. Ihre Anlagen wachsen mit Jahresraten von durchschnittlich 8 bis 9 Prozent und damit etwa doppelt so schnell wie Anlagen anderer institutioneller Investoren.

          Neue Investitionsregeln

          Staatsfonds lassen sich in zwei Typen unterscheiden. Da gibt es zum einen Fonds, die gegründet wurden, um Einnahmen aus dem Verkauf von Rohstoffen, überwiegend Öl, zu verwalten. Unter ihnen befinden sich mit Fonds aus Abu Dhabi, Kuweit und Norwegen die größten der Welt. Angesichts der gestiegenen Rohstoffpreise sind diese Fonds innerhalb weniger Jahre stark gewachsen.

          Das gilt auch für das öl- und gasreiche Russland: Die russischen Erdöleinnahmen speisen seit Februar zwei unterschiedliche Fonds: den Reservefonds, der maximal 10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreichen darf. Das restliche Geld fließt in den sogenannten Wohlfahrtsfonds. Derzeit darf das Geld nur in Anleihen erstklassiger Schuldner (Staaten und internationale Organisationen) angelegt werden.

          Bis September will die Regierung aber neue Investitionsregeln aufstellen. Finanzminister Aleksei Kudrin hat vorgeschlagen, dass 40 Prozent des Kapitals im Wohlfahrtsfonds auch in Aktien angelegt werden sollen. Der Anteil eines einzelnen Emittenten soll aber nicht 5 Prozent des Fondsvolumens übersteigen. Zunächst sollen ausländische Aktien, in wenigen Jahren auch russische Titel gekauft werden können.

          Verzerrungen der Wechselkurse

          Die zweite Gruppe von Staatsfonds wurde zur Anlage von Währungsreserven gegründet. Hierzu zählen die Fonds aus China und Singapur. Die Existenzgrundlage dieser Fonds bilden im Grunde Verzerrungen der Wechselkurse: Die riesigen Währungsreserven asiatischer Länder sind das Ergebnis einer künstlichen Unterbewertung dieser Währungen vor allem gegenüber dem Dollar. Die wegen der Unterbewertung entstehenden Überschüsse in den asiatischen Leistungsbilanzen mehren deren Dollarbestände.

          Die Anlagepolitik der Staatsfonds, die früher ganz überwiegend im Dollarraum investiert waren, ist von einer zunehmenden Streuung gekennzeichnet. Nach den Berechnungen der DZ Bank halten jene Fonds, die Angaben über ihr Vermögen machen, derzeit zwischen 50 und 60 Prozent ihrer Anlagen in Dollar und rund 30 Prozent in Euro. Auf Investments in Pfund, Yen und Schwellenländer entfallen jeweils rund 5 Prozent.

          Veränderungen ergeben sich auch bei den Anlageklassen. Hatten die Staatsfonds früher überwiegend Zinspapiere (Anleihen und Pfandbriefe) erworben, so entfällt auf diese Kategorie heute noch ein Anteil von rund 50 Prozent. Aktien machen dagegen mittlerweile schon 40 Prozent aus.

          Gesamtvolumen von 57.000 Milliarden Dollar

          Im Zuge der Finanzmarktkrise haben Staatsfonds in Bedrängnis geratenen Großbanken mit Eigenkapitalzuschüssen unter die Arme gegriffen. So hält die GIC aus Singapur an der schweizerischen UBS eine Beteiligung im Wert von rund 18 Milliarden Dollar. Staatsfonds aus Singapur und Kuweit halten daneben Aktienpakete an der Citigroup über rund 10 Prozent, während sich der Wert des Anteils eines Fonds aus Abu Dhabi an der Citigroup auf 7,5 Milliarden Dollar beläuft.

          Trotz des raschen Wachstums der Staatsfonds erwartet die DZ Bank keine bedeutenden Reaktionen an den Märkten als Folge der Umschichtungen. So hält sie es zwar für möglich, dass Staatsfonds ihre Anleihenbestände um bis zu 880 Milliarden Dollar reduzieren. Der Betrag klingt zunächst gewaltig, relativiert sich aber angesichts eines Gesamtvolumens der Anleihemärkte von 57.000 Milliarden Dollar.

          Weitere Themen

          Als die Grenze fiel Video-Seite öffnen

          August 1989 : Als die Grenze fiel

          Die Welt hat lange stillgestanden an der ungarisch-österreichischen Grenze. Bis zum 19. August 1989. Dann, vor 30 Jahren, platzte zwischen Fertörákos und Mörbisch eine Nahtstelle des Eisernen Vorhangs – mit weitreichenden Folgen für die Region und ganz Europa.

          Topmeldungen

          Der britische Premierminister Boris Johnson

          Brief an Tusk : Johnson will Brexit-Deal neu verhandeln

          Bisher wollte der britische Premier sein Land auch ohne Deal aus der EU führen. Nun schreibt er an EU-Ratspräsident Tusk, ein Austrittsabkommen habe „oberste Priorität“. Zugleich fordert er, die Backstop-Regelung zu streichen – und schlägt Alternativen vor.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.