https://www.faz.net/-gqe-7med0

Ausländische Fachkräfte : Gekommen, um zu pflegen

Pflegende Hände gesucht: Das alternde Deutschland wirbt im Ausland um ausgebildete Fachkräfte Bild: Slesiona, Patrick

Deutschland altert und hat viel zu wenige Pflegekräfte. Zuwanderer aus Serbien oder von den Philippinen sollen die Lücke füllen. Sie heißen Vanessa oder Ruel. Wir haben sie getroffen.

          Wenn Vanessa Preclaro ihre Runde dreht, merkt man der jungen Frau kaum an, dass sie noch ein Neuling in dieser Umgebung ist. Seit Mitte Dezember arbeitet die 25 Jahre alte Filipina in der Kardiologie des Frankfurter Krankenhauses Nordwest. Bei ihren Patienten kommt die junge Asiatin gut an. Im Goethe-Institut von Manila hatte sie ihre Deutschkenntnisse auf B1-Niveau getrimmt, nun kommt die tägliche Fortbildung am lebenden Patienten dazu. Wobei Preclaro zugibt, dass der Dialekt älterer Frankfurter eine besondere Herausforderung darstellt. „Wenn ich etwas nicht verstehe, bitte ich einfach um Wiederholung“, sagt sie und lacht. „Das klappt, die meisten sind sehr freundlich.“

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          In Manila hat sie sich in vier Jahren zur Pflegekraft ausbilden lassen, danach arbeitete sie dort drei Jahre lang in einem Krankenhaus. Irgendwann habe sie „Fernweh“ verspürt, wollte eine andere Kultur kennenlernen. Warum gerade Deutschland? Mit Goethes Heimat habe sie Zuverlässigkeit verbunden und Sicherheit sowie ein pünktliches Gehalt. Außerdem sucht das alternde Deutschland händeringend Pflegekräfte, anders als in ihrer Heimat mit der jungen Bevölkerung, wo es keinen Mangel an Arbeitskräften gibt.

          Neben Preclaro sitzt ihr Landsmann und Kollege Ruel Galias. Er ist 50 Jahre alt und hat schon als Lehrer in Brunei Auslandserfahrung gesammelt. In den neunziger Jahren lernte er Deutsch und hat Freunde im Frankfurter Umland. Hier zu leben konnte er sich schon lange vorstellen. Als ihm ein Freund im vergangenen Jahr von einem Bericht im philippinischen Fernsehen erzählte, dass Deutschland um Pflegekräfte aus aller Welt wirbt, recherchierte Galias sofort im Internet und wurde rasch fündig. Nun gehört er wie Vanessa Preclaro zu den rund 250 Teilnehmern des Projektes. Beide haben es bis in das Frankfurter Krankenhaus geschafft und sind nur noch wenige Schritte vom großen Ziel entfernt: dauerhaft leben und arbeiten in Deutschland.

          Auch die Gesellschaften Südeuropas altern

          Der Begriff „Fachkräftemangel“ hat in Deutschland dank inflationärer Verwendung in den vergangenen Jahren zweifelhafte Berühmtheit erlangt. Flächendeckend kann davon heute allerdings noch keine Rede sein. Anders sieht es jedoch für einzelne Berufe aus, zeigen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit. Demnach dauert es derzeit im Durchschnitt 117 Tage, um eine offene Stelle für Krankenpfleger zu besetzen, das ist 40 Prozent länger als der Mittelwert aller Berufe. Zudem kommen auf 100 offene Stellen nur 76 Arbeitslose. Für Altenpfleger sind es sogar 131 Tage und ein Verhältnis von 100 zu 39. Damit kann eindeutig von einem Mangel gesprochen werden. „Eigentlich müsste das Verhältnis umgekehrt sein“, sagt Raimund Becker, zuständiges Vorstandsmitglied der Arbeitsagentur und warnt: „Pflegekräfte sind heute schon ein Riesenthema am Arbeitsmarkt und die Bedeutung wird noch steigen.“ Laut Bundesgesundheitsministerium wird die Zahl der Pflegebedürftigen bis 2030 um eine Million auf 3,5 Millionen Menschen steigen.

          Weitere Themen

          Ein Kampf um jede Stunde

          Tödliche Infektion : Ein Kampf um jede Stunde

          An einer Sepsis sterben jedes Jahr zehntausende Menschen. Fachleute kritisieren, dass es in Deutschland noch keine nationale Strategie gibt, um mehr Menschen retten zu können.

          Topmeldungen

          Schlechte Laune im Osten? Das stimmt nicht so ganz.

          Ostdeutschland : Woher die schlechte Laune?

          Steht es dreißig Jahre nach dem Ende der DDR wirklich so schlimm mit der deutschen Einheit und dem Osten? Nein. Die krasse Fehleinschätzung hat auch etwas mit denen zu tun, die heute die politische Meinung im Osten mitprägen.
          Ashton Applewhite

          Altersdiskriminierung : „Man kann nicht jung bleiben“

          Die Amerikanerin Ashton Applewhite kämpft gegen eine Form der Diskriminierung, über die kaum jemand spricht, obwohl sie jeden irgendwann treffen wird. Ein Gespräch über Altersdiskriminierung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.