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Ausländische Fachkräfte : Gekommen, um zu pflegen

Im Krankenhaus Nordwest werden noch einige außertarifliche Zulagen gezahlt, sagt die Pflegedirektorin Margarete Post. Das Haus hat fast 600 Betten und rund 1.000 Mitarbeiter. Im Jahr benötigt Post bis zu 50 neue Krankenpfleger, um den Bestand zu halten. Es kommen aber nur rund 30 Bewerbungen, zwei Drittel davon erhalten eine Einladung für ein Gespräch. Davon sind wiederum nicht alle geeignet. „Wir haben Schwierigkeiten, Pflegekräften familienfreundliche und schichtunabhängige Dienstzeiten anzubieten“, sagt Post. Die Personalnot ist also groß.

Die einheitliche Grundausbildung für Pflegekräfte soll kommen

Deshalb ist die Krankenhausmanagerin froh über die Projektteilnehmer, auch wenn die Vermittlungsgebühr von 3.700 Euro je Kandidat hoch sei. GIZ-Vertreter Beier verteidigt die Gebühr damit, dass sie lediglich die Kosten für Anwerbung und Sprachschulung deckten. Private Vermittler bieten ihre Dienste schon ab 2.000 Euro an, weiß Post. Aber hier stimme häufig die Qualität nicht. Oft müssten die Kandidaten in solchen Fällen auch einen Teil ihres Einkommens als Gebühr abführen. Solche Maklercourtagen müssen die Projektteilnehmer nicht bezahlen.

Eine Hürde müssen aber alle Kandidaten nehmen: die Anerkennung ihres Berufsabschlusses. Jahrzehntelang galt Deutschland als „Anerkennungsdschungel“ für Ausländer. Im Dickicht von Behörden, Kammern, Verbänden und anderen Trägern sowie unklarer Verfahrensabläufe verhedderten sich Generationen von Zuwanderern. Viele gaben frustriert auf und nahmen irgendeine Arbeit an, meist unter ihrer Qualifikation. Mit dem Anerkennungsgesetz schlug die schwarz-gelbe Vorgängerregierung eine erste Schneise in diesen Dschungel. Dennoch stellen sich in der Praxis immer noch viele Probleme. Viele resultieren aus der Besonderheit des dualen Ausbildungssystems in Deutschland, dass es so ähnlich nur in Österreich und der Schweiz gibt.

Zudem ist Deutschland das einzige Land, in dem es drei verschiedene Pflegeausbildungen gibt. Anderswo findet die Spezialisierung erst nach einer einheitlichen Grundsausbildung statt. Das erschwert den Zugang für Zuwanderer ungemein. Mittlerweile ist auch die Politik hellhörig geworden. Gesundheitsminister Hermann Gröhe hat angekündigt, den Wechsel zwischen Kinder-, Kranken- und Altenpflege zu erleichtern, indem auch in Deutschland eine gemeinsame Grundausbildung eingeführt werden soll.

Auch das Essen ist noch gewöhnungsbedürftig

„Häufig fehlt Zuwanderern die nötige Praxiserfahrung“, berichtet Margarete Post. In ihren Heimatländern sammeln sie diese erst im Beruf. Deshalb holen Preclaro, Petković und die anderen jetzt rund 800 Praxisstunden nach. Auch Altenpfleger müssen für die Anerkennung Krankenhausdienst leisten, erklärt Raimund Becker von der Arbeitsagentur. Dann müsse eine Altenpflegeeinrichtung dafür zahlen, dass ihr Mitarbeiter anderswo arbeitet – eine hohe Investition.

Von den 250 Triple-Win-Teilnehmern haben mehr als 100 ihre Anerkennung schon erhalten, dem Rest steht die Abschlussprüfung noch bevor. Weitere 250 Kandidaten stehen in ihren Heimatländern zur Vermittlung in den Startlöchern. Eigentlich sollten bis zum Ende dieses Jahres bis zu 2.000 Pflegekräfte vermittelt werden. Aber wegen der langwierigen Prozesse wird die Marke nicht erreicht werden, räumt Christoph Beier ein. „Mal sehen, wo wir am Ende landen werden.“ Über die Zukunft des Projektes werde im Laufe des Jahres entschieden.

Für Samira Medić spielen diese Zahlen keine Rolle. Die alleinerziehende Mutter ist nach Frankfurt gekommen, um ihrer 12 Jahre alten Tochter eine bessere Zukunft zu bieten. Ende Januar erst siedelte die Pflegerin vom bosnischen Bihac an den Main um. Die Technik ist moderner, als sie es kennt, sagt die 42 Jahre alte Frau, bevor sie ihre erste Schicht antritt. Alles ist noch neu, doch die Eingewöhnung gehe voran. Nur das Essen in Deutschland, sagt Samira Medić, „das ist zu süß“.

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