https://www.faz.net/-gqe-7iy6p

Ausbildungsmarkt : Lehrstellen und Bewerber finden schwerer zusammen

Auszubildender bei BMW in München Bild: dpa

Tausende Bewerber finden keine Lehrstelle. Allerdings gibt es noch mehr unbesetzte Stellen. Wer hat hier versagt? Der Kampf um die Deutungshoheit ist entbrannt.

          3 Min.

          Die Bilanz am deutschen Ausbildungsmarkt spricht noch eine ziemlich klare Sprache. Obwohl der Arbeitsmarkt insgesamt in guter Verfassung ist und viele Unternehmen aufgrund ihrer alternden Belegschaften eigentlich Nachwuchs ausbilden müssten ist das vergangene Berufsberatungsjahr schwächer ausgefallen als in den Vorjahren. Ende September gab es noch 21000 junge Bewerber, die keine Ausbildungsstelle gefunden hatten. Das bedeutet gegenüber dem Vorjahr einen Zuwachs um 5400. Allerdings standen dem auch 33500 offene, unbesetzte Lehrstellen in ganz Deutschland gegenüber (plus 300 im Jahresvergleich), für die Unternehmen keine geeigneten Bewerber finden.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          „Es ist schwieriger geworden, Bewerber und Ausbildungsstellen zusammenzubringen“, sagte Raimund Becker, zuständiges Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit, während der Vorstellung der Bilanz am Mittwoch in Nürnberg. Das heißt: Die Bewerber sind oft nicht dort, wo es die Stellen gibt. Und die Anforderungsprofile entsprechen oft nicht den Vorstellungen der Kandidaten. Lehrstellen als Bäcker, Verkäufer oder Fleischer fänden viele Jugendliche wenig attraktiv, sagte Becker. Im Bundesdurchschnitt kommen auf eine Lehrstelle knapp 1,2 Bewerber. Die regionalen Unterschiede seien groß. Während sich in Nordrheinwestfalen, Berlin oder Hessen relativ viele Interessenten auf ein Angebot meldeten, seien die Chancen für Bewerber in Bayern, an der Ostseeküste oder in Teilen Sachsen deutlich günstiger.

          Um die Deutungshoheit der Bilanz am Ausbildungsmarkt ist wie üblich ein Kampf zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern entbrannt. Aus Sicht der Arbeitnehmervertreter ist die Sache eindeutig. „Der Ausbildungsmarkt nimmt krisenhafte Züge an“, findet Elke Hannack, die stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Sie sieht vor allem kleine und mittlere Unternehmen aus der Ausbildung fliehen. Die IG Metall warnt vor „Schönfärberei beim Ausbildungspakt“. Weniger als 22 Prozent aller Unternehmen bildeten überhaupt noch aus, dies sei ein Rekordtief. „Insbesondere die Ausbildungschancen von Jugendlichen mit niedrigen Schulabschlüssen sind schlecht, die Hälfte von ihnen ist von Ausbildungsberufen quasi ausgeschlossen“, sagte Vorstandsmitglied Hans-Jürgen Urban. Der freiwillige Ausbildungspakt der Wirtschaft müsse beendet werden, forderte Urban. Jeder Jugendliche mit einem Schulabschluss müsse zudem einen Rechtsanspruch auf eine Lehrstelle erhalten. Als Drittes forderte er eine gemeinsame Initiative mit der Politik zur Förderung geringqualifizierter Jugendlicher.

          Die Wirtschaft wies die Vorwürfe umgehend zurück. „Mangelnde Ausbildungsreife lässt sich nicht durch Rechtsanspruch aus der Welt definieren“, sagte Oliver Zander, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall. Auch sei die Ausbildungsbereitschaft deutlich höher als von der Gewerkschaft dargestellt, weil die IG Metall auch Unternehmen mitzähle, die gar nicht ausbilden dürften. In Wirklichkeit böten vier von fünf Arbeitgebern in der Metall- und Elektroindustrie Lehrstellen an.

          „Den Betrieben gelingt es immer öfter nicht, Azubis zu finden“, nannte Achim Dercks, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), einen aus seiner Sicht wichtigen Grund für die derzeitigen Probleme. In allen Branchen und Berufen gebe es unbesetzte Lehrstellen. Die tatsächliche Zahl liege sogar noch deutlich über den offiziellen 33500, glaubt Dercks, denn längst nicht jedes Unternehmen melde seine offenen Stellen.

          Mit Blick auf die derzeitigen Koalitionsverhandlungen über einen allgemeinen Mindestlohn warnten der Verband der Jungen Unternehmer vor den Forderungen der SPD. „Keine Unternehmer zahlt einem Azubi im ersten Lehrjahr 8,50 Euro“, sagte deren Bundesvorsitzende Lencke Wischhusen. Viele Ausbildungsplätze würden dann einfach wegfallen.

          Insgesamt wurden bis Ende September mehr als 504000 Lehrstellen gemeldet. Das waren 2,4 Prozent weniger als vor einem Jahr. Die Zahl der Bewerber blieb mit rund 561000 nahezu konstant. In Industrie und Handel wurden knapp 310000 Lehrverträge (minus 4,1 Prozent zum Vorjahr) abgeschlossen, auf das Handwerk entfielen 131000 (minus 5 Prozent) und auf die freien Berufe gut 42000 (minus 1 Prozent). Agenturvorstand Becker sagte, dass man in den kommenden Wochen versuche, die unversorgten Bewerber noch zu vermitteln. Angesichts der demografischen Entwicklung rief er alle Arbeitgeber zur Ausbildung auf. Derzeit werde dieser Effekt durch doppelte Abitursjahrgänge noch kaschiert.

          Weitere Themen

          Das nächste Youtube

          Twitch : Das nächste Youtube

          Internet-Stars nehmen sich immer weniger Zeit für Youtube. Stattdessen übertragen sie ihr Leben live auf einer anderen Plattform: Twitch. Das bringt ihnen Millionen.

          Topmeldungen

          Demo am 1. August in Berlin

          „Querdenken 711“ : Und wieder die Politiker!

          Eine Initiative peitscht Bürger in der Corona-Pandemie auf, um sie zu ihren Demos zu locken. Doch angebliche Belege sind gefälscht, Fotos aus dem Zusammenhang gerissen.

          Neuer und Flick mahnen : Die gefährliche Lage beim FC Bayern

          Vor den entscheidenden Spielen in der Champions League herrscht beim FC Bayern große Zuversicht. Doch es gibt auch kritische Töne. Torhüter Manuel Neuer äußert sich derweil zu seinem umstrittenen Urlaubsvideo.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.