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Ausbildung : Nicht jeder benötigt eine Lehrstelle

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Bild: F.A.Z.

Die Lehrstellenlücke scheint laut DIHK deutlich geringer zu sein als bisher angenommen. Schuld daran ist vor allem die ungenaue Ausbildungsstatistik der Arbeitsagenturen.

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          Die Lehrstellenlücke ist aus Sicht des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) deutlich geringer als bisher angenommen. Ein Drittel der Jugendlichen ohne Lehrstelle habe an den Nachvermittlungsveranstaltungen der Kammern und Arbeitsagenturen kein Interesse gezeigt und sich auf die Einladungen der Kammern nicht gemeldet. Das sagte der Projektverantwortliche für den Ausbildungspakt beim DIHK, Günter Lambertz, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Vor einer Woche hatte bereits der Handwerksverband moniert, daß im Schnitt nur rund 57 Prozent der unvermittelten Jugendlichen zu den Nachvermittlungsaktionen erschienen seien. Mehr als 40 Prozent der Jugendlichen, die in der BA-Statistik geführt würden, zeigten demnach kein ernsthaftes Interesse an einer betrieblichen Ausbildung.

          Am Ball bleiben

          "Die geringen Teilnehmerzahlen verwundern schon, weil in dem Schreiben deutlich gemacht wurde, daß die Jugendlichen bei einer Nichtteilnahme möglicherweise nicht mehr als Bewerber registriert werden", sagte Lambertz. Die Berufsberater der Arbeitsagenturen meldeten sich jetzt noch einmal bei den nicht erschienenen Kandidaten und strichen sie bei tatsächlich fehlendem Interesse aus der Statistik.

          Am Wochenende hatte DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben darauf hingewiesen, daß die Wirtschaft alles in Bewegung setze, damit allen Jugendlichen im Rahmen des Ausbildungspaktes eine Lehrstelle oder ein Beschäftigungsangebot gemacht werde. "Die Wirtschaft erwartet jetzt aber auch von der Jugend, daß sie am Ball bleibt", sagte Wansleben. Eltern und Schulen müßten deutlich machen, daß es nicht nur den einen Traumjob gebe.

          Ungenaue Statistik

          Nach den Worten des DIHK-Ausbildungsfachmanns Lambertz könne man dem einzelnen Jugendlichen jedoch keinen Vorwurf machen. Viele meldeten sich lediglich ausbildungssuchend, um beispielsweise das Kindergeld zu sichern. Außerdem seien die Jugendlichen - anders als arbeitslose Leistungsbezieher - nicht verpflichtet, die Arbeitsagenturen zu informieren, wenn sie auf anderem Wege eine Stelle gefunden oder sich umentschieden hätten. Die Ausbildungsstatistik weise damit weitaus größere Ungenauigkeiten auf als die Arbeitslosenstatistik. "Es kann aber nicht sein, daß die überhöhte Zahl von nichtvermittelten Bewerbern in der Statistik uns zur Last gelegt wird", kritisierte Lambertz.

          Nach jüngsten Angaben der Bundesagentur für Arbeit hatten Ende Oktober rund 35.400 Jugendliche keine Lehrstelle. Gleichzeitig zählte die Behörde 9.500 unbesetzte Ausbildungsplätze. Gegenüber Ende September habe sich die Lehrstellenlücke somit um 5.300 auf 25.900 verringert, hieß es. Dies sei ein stärkerer Abbau als im Vorjahr mit etwa 1.600.

          Jeder kriegt ein Angebot

          Mit dem Ausbildungspakt hatten Regierung und Wirtschaft eine von der SPD geforderte Zwangsabgabe für ausbildungsunwillige Unternehmen abgewendet. Die Wirtschaft hatte sich verpflichtet, jährlich 30.000 neue Lehrstellen anzubieten und 25.000 mehrmonatige Einstiegspraktika für schwer vermittelbare Jugendliche zu schaffen.

          In einer gemeinsamen Stellungnahme hatten sich Ministerien, Verbände, Kammern und die Bundesagentur für Arbeit zuversichtlich gezeigt, daß jeder ausbildungswillige und ausbildungsfähige Jugendliche bis zum Jahresende ein Angebot erhalten werde - entweder für eine offene Lehrstelle, eine Einstiegsqualifizierung oder eine Maßnahme der Arbeitsagenturen. Die Nachvermittlungsaktion für Lehrstellensuchende haben am 30. September begonnen.

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