https://www.faz.net/-gqe-7becg

Ausbau der Stromtrassen : Alarm, Bürgerdividende!

Überall in Deutschland müssen neue Stromleitungen her. Bild: Berthold Steinhilber/laif

Die Bundesregierung verspricht Anrainern der neuen Stromtrassen fünf Prozent Rendite, wenn sie sich an der Finanzierung beteiligen. Doch damit werden Bürger in riskante Spekulationsgeschäfte gejagt.

          5 Min.

          Der Wutbürger André Tesch wohnt im Paradies. Wälder, Auen, Wiesen: Das Privatgrundstück des Anwalts nahe der schleswig-holsteinischen Kreisstadt Heide liegt mitten in freier Natur. Und mitten in der deutschen Energiewende. Bald könnte hinter Teschs Haus ein 80 Meter hoher Stahlmast gen Himmel ragen, der 380-Volt-Stromkabel zu tragen hat. Über eine Strecke von 150 Kilometern soll der Strom, den die Windräder an der Nordseeküste erzeugt haben, gen Süden fließen.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Tesch mag das nicht. Er will keine Leitungen hinterm Haus. Der Familienvater sorgt sich, dass die Hochspannung seine Kinder verstrahlt. Er wird gegen den Mast klagen, wie Hunderte weitere Anwohner. Vor ein paar Wochen schrieb ihm deshalb die niederländische Firma Tennet, die das Stromnetz baut. Insgesamt bekamen 160.000 Haushalte in den Kreisen Dithmarschen und Nordfriesland Post aus Holland, all jene, die links und rechts der geplanten Stromautobahn wohnen.

          „Liebe Anwohner“, schrieb Tennet, „gemeinsam die Energiewende umzusetzen heißt auch, gemeinsam davon zu profitieren.“ Deshalb habe der Konzern eine Anleihe aufgelegt, „mit der Sie sich direkt an der Erweiterung des deutschen Energienetzes finanziell beteiligen und von attraktiven Renditemöglichkeiten profitieren können“. Fünf Prozent pro Jahr soll es geben, deutlich mehr, als sichere Anlagen derzeit an Zinsen abwerfen.

          Die „Bürgerdividende“ soll fünf Prozent betragen

          Bürgerdividende“ hat Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) die Idee genannt: Jene, die sich von Großprojekten wie dem Bau der Stromnetze betroffen fühlen, sollen von diesen Vorhaben finanziell profitieren. Das klingt nach einem Friedensangebot an jene Bewegung, die während der vergangenen zwei Jahre in Politik und Wirtschaft für Angst und Schrecken gesorgt hat: die Wutbürger, die gegen die Stromleitungen in ihren Gärten Widerstand leisten. Ein „garantierter Zinssatz von etwa fünf Prozent“ auf die Beteiligung an der Hochspannungsleitung hinterm Haus, verkündet Altmaier seit einem Jahr landauf, landab, soll die Bürger gefügig machen und beweisen: Die Republik ist doch zukunftsfähig.

          Der Bürger investiert, und der Staat garantiert - ein genialer Einfall. „Die Geldanlage ist sicher“, warb Altmaier, als er die Idee vor einem Jahr im Interview mit der F.A.S. vorstellte. In Zeiten, in denen nichts mehr sicher ist, klingt das nach einem verheißungsvollen Versprechen. Fünf Prozent Rendite pro Jahr: Das sind stattliche 3,5 Prozentpunkte mehr, als sich derzeit mit zehnjährigen Bundesanleihen erzielen lässt.

          Erbitterte Gegner der überirdischen Stromtrassen, die gerne die Kabel unter die Erde verlegt sehen möchten, werde man mit der Bürgeranleihe nicht überzeugen, sagt der Dithmarscher Landrat Jörn Klimant, der den Bürgern vor Ort die Anleihe schmackhaft macht. Wer durch die Strahlung um Leib und Leben der Familie fürchte, lasse sich nicht kaufen. Doch bei einem Trassenbau über eine Strecke von 150 Kilometern gebe es reichlich weitere Gelegenheiten für Widerstand - bis hin zur Kleingemeinde, die sich querstellt, wenn Schwertransporter die brüchige Dorfstraße befahren wollen. Da bewirke eine schöne Rendite als Anreiz Wunder, glaubt Klimant: „Eine Bürgerbeteiligung kann die Grundstimmung gegenüber dem Leitungsbau positiv beeinflussen.“

          Weitere Themen

          Dax steigt auf Rekordhoch Video-Seite öffnen

          Trotz Corona : Dax steigt auf Rekordhoch

          Der Höhenflug an den Aktienmärkten hält an. Befeuert von soliden Firmenbilanzen stieg der Dax bis zum Freitagnachmittag um 1,2 Prozent auf ein Rekordhoch von 15.431,09 Punkten.

          Topmeldungen

          Sieht sich als Volkstribun: Markus Söder (CSU, l.), hier am 11. April mit Armin Laschet (CDU) in Berlin

          Söders Ambitionen : Die Zerstörung der CDU?

          Macron in Frankreich, Kurz in Österreich und Trump in Amerika haben vorgemacht, wie man jenseits der etablierten Parteistrukturen an die Macht kommt. Manches spricht dafür, dass Bayerns Ministerpräsident etwas Ähnliches vor hat.
          Moderne Demokratie: Was hört er aus der CSU? Jawoll, Chef! Dein Wille geschehe!

          Fraktur : Unionsvölker, hört die Signale!

          Nach Söders Diagnose ist die CDU-Führung taub wie eine Nuss. Die Schwesterpartei der CSU braucht eine Abteilung Horch und Guck.
          Nie wieder Zettelchaos versprechen die digitalen Helfer.

          Im Vergleich : Das sind die besten Notiz-Apps

          Klassischer Klebezettel oder doch eine App? Es gibt viele Wege, Herr über das Chaos im Büro zu werden. Wir haben sechs beliebte virtuelle Helfer getestet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.