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Aus für penible EU-Auflagen : Jetzt darf die Gurke wieder krumm sein

Gurken im Spreewald Bild: dpa

Wenn es um Obst und Gemüse geht, war Brüssel in der Vergangenheit sehr penibel. Jetzt aber streicht die Europäische Union detaillierte Auflagen für 26 Sorten. Die Bürger freut's, Landwirte und Händler weniger: Die wollen weiterhin klare Vorgaben.

          Zwei Jahrzehnte hat sie ein europäisches Schattendasein gefristet. Nun soll die Gurke mit dem Segen der Europäischen Kommission im alten Glanz erstrahlen dürfen: schön krumm. Ähnlich soll es 25 anderen Obst- und Gemüsesorten gehen, für die Mitte kommenden Jahres ebenfalls die zum Teil penibel formulierten EU-Auflagen für Vermarktung verschwinden werden.

          Hendrik Kafsack

          Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.

          Michael Stabenow

          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Beneluxländer.

          Von Äpfeln und Birnen, Trauben und Tomaten

          Im sogenannten Verwaltungsausschuss, in dem Regierungsvertreter über Wohl und Wehe von Gurken, Blumenkohl, aber auch Zuchtpilze, Kirschen oder Melonen zu befinden haben, konnten am Mittwoch auch die insbesondere in Südeuropa, aber auch in Polen beheimateten glühenden Befürworter des jetzigen Regelwerks nichts mehr ausrichten: EU-Landwirtschaftskommissarin Mariann Fischer-Boel, die sich vor längerer Zeit an die Spitze der Bewegung der krummen Gurke und der schrumpeligen Karotten gesetzt hatte, konnte frohlocken. „Es ist vollkommen sinnlos, perfekte Produkte wegzuwerfen, nur weil sie die als falsch empfundene Form haben“, sagte die dänische Politikerin. Skeptiker argwöhnen freilich, dass es vor allem um Symbolpolitik gehe.

          Krümmungsgrad okay? Als Bundesagrarminister soll Horst Seehofer einen Referenten versetzt haben, weil der es versäumt habe, sich bei der EU-Kommission für eine Rücknahme der umstrittenen Gurken-Verordnung einzusetzen.

          Nur für zehn Obst- und Gemüsesorten, die allerdings rund 75 Prozent des gesamten Marktvolumens entsprechen, soll es bei den herkömmlichen EU-Vorschriften mit der Einteilung in die traditionellen Handelsklassen geben. Dazu zählen Äpfel, Birnen, Zitrusfrüchte, Kiwi, Pfirsiche, Pflaumen, Tafeltrauben, Erdbeeren und Tomaten. Doch selbst hier wird Europa künftig fünfe gerade sein lassen: Auch Produkte, die den EU-Standards nicht entsprechen, dürfen künftig in die Geschäfte kommen. Voraussetzung ist, dass der Kunde darauf hingewiesen wird. Mit solcherlei Auflagen sollen sich aber insbesondere Gurkenzüchter, -händler und -konsumenten nicht mehr herumplagen müssen.

          Die Gurke fehlt in keiner Tirade gegen die „Eurokraten“

          Seit zwei Jahrzehnten galt, wie in der Verordnung 1677 aus dem Jahr 1988 festgehalten, folgendes Schönheitsideal für Gurken: Sie sollten im Idealfall „gut geformt und praktisch gerade sein (maximale Krümmung 10 mm auf 10 cm Länge)“. Zwischen vier Klassen (“Extra“ sowie „I“ bis „III“) wurde seither unterschieden und genau definiert, welche Farb- und Formfehler Gurken haben dürfen und welchen Krümmungsgrad.

          Seither fehlt die Gurke in keiner Tirade gegen die vermeintliche Regulierungswut weltfremder Eurokraten. Der steten Kritik müde, hat die Kommission sich zunächst zögernd, aber dann mit zunehmendem Eifer, dazu durchgerungen, die Normen für die Vermarktung von Gurken zu streichen - und gleichzeitig auch die für 25 andere Obst- und Gemüsesorten. Schließlich hat sich die Kommission den Kampf gegen die Bürokratie auf die Fahnen geschrieben, und weil der ansonsten nicht vorankommt, soll wenigstens das Symbol „Krümmungsgrad der Gurke“ fallen.

          „Jeder weiß, was eine Gurke ist“, sagt Edmund Stoiber

          „Jeder weiß doch, was eine Gurke ist“, sagt auch der Vorsitzende der Anti-Bürokratie-Gruppe der Kommission, Edmund Stoiber. Das indes sehen diejenigen, die in der EU Gurken anbauen und vermarkten, anders. 36 Vermarktungsnormen gibt es in der EU. Das reicht von Erdbeeren über Haselnüsse und Knoblauch bis hin zu Wassermelonen (nicht allerdings für die ebenfalls häufig zitierte Banane).

          Jede Obst- und Gemüsesorte hat nach Ansicht von Bauern wie Einzelhandel ihre Berechtigung, auch der Krümmungsgrad der Gurke. „Die klaren Vorgaben stellen sicher, dass die Gurken effizient verpackt werden können, dass der Händler weiß, was er geliefert bekommt, und dass die Kunden sicher sein können, dass sie eine bestimmte Qualität erhalten“, sagte der beim deutschen Bauernverband für Obst- und Gemüsefragen zuständige Hans-Dieter Stallknecht.

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