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Aufstände : Die Früchte des Hungers

  • -Aktualisiert am

Wenn die Lebensmittelpreise steigen, revoltiert das Volk: Hier ein Markt in Panthapath, Dhaka, Bangladesh Bild: dpa

Knappe Nahrungsmittel provozieren Revolten. Von den bald 7 Milliarden Menschen auf der Erde hungern eine Milliarde. Die Zahl der Hungeraufstände wird steigen. Die Muster sind klar erkennbar.

          Politische Umstürze in Tunesien und Ägypten, Unruhen in Bahrein, Jordanien, Libyen und im Jemen, neue Proteste im Irak, Demonstrationen in Marokko, Nervosität in Syrien und am Golf: die gesamte arabische Welt ist in Aufruhr. Die Zeichen stehen auf Zeitenwende. Sie standen es auch schon während der Hungerrevolten 2007/2008; nur sprang da der Funke noch nicht über.

          Inge Kloepfer

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die jüngste Entwicklung hält die westliche Welt derart in Atem, dass die Auslöser der demokratischen Protestwellen der vielfach autokratisch regierten Völker kaum noch auszumachen sind: Es waren - wieder einmal - die drastisch gestiegenen Lebensmittelpreise, die die Menschen letztendlich auf die Straßen trieben und jenen nordafrikanischen Flächenbrand auslösten, in dem sich derzeit vor allem politischer Unmut entlädt.

          Es handelt sich tatsächlich um eine Art Zeitenwende - mit erheblichem politischem Sprengstoff, sagt Bettina Rudloff von der Berliner Stiftung für Wissenschaft und Politik. Und diese Zeitenwende geht vom weltweiten Nahrungsmittelmarkt aus. Dort steigt das Angebot seit längerer Zeit schon deutlich langsamer als die Nachfrage, was die Rahmenbedingungen dieses Marktes regelrecht auf den Kopf stellt. Deshalb weiß Rudloff: „Die Agrarpreise werden in Zukunft weiter steigen. Dazu wird es im Rahmen dieses globalen Trends immer wieder zu heftigen Preisausschlägen nach oben kommen.“ Also zu Phasen, in denen sich die Preise verdoppeln oder verdreifachen können. Und genau diese Phasen werden wohl auch künftig von Unruhen begleitet werden.

          Nicht jede Versorgungskrise führt zur politischen Revolution

          Ein Flächenbrand über mehrere Länder hinweg entsteht meist dann, wenn sich die Preise um einhundert Prozent erhöhen, hat der Agrarökonom Joachim von Braun, Direktor des Zentrums für Entwicklungsforschung an der Universität Bonn, ausgemacht. Derartige Ausschläge werden in Zukunft häufiger der Fall sein. So war es auch 2007/2008. Es gab Hungerrevolten in nahezu vierzig Ländern. Sie begannen in Mexiko, weil die Tortillas teurer wurden. Der Funke sprang dann über in die Maghreb-Staaten und nach Afrika.

          Ihre explosive und vor allem politisch so destabilisierende Kraft entwickeln diese Preissteigerungen allerdings nicht nur in jenen Ländern, in denen die Versorgungslage grundsätzlich schon unzureichend ist. Relevant ist nach Erkenntnis der Wissenschaftler vielmehr das Ausmaß der gefühlten, also relativen Verschlechterung. Rudloff verweist noch einmal auf die Jahre 2007 und 2008. „In der Mehrzahl der Fälle kam es in Ländern zur Aufruhr, die damals gerade nicht als extrem versorgungsgefährdet galten: in Argentinien, Ägypten, Peru, Senegal, Burkina Faso, Moçambique, Jemen, Indien, Indonesien, Pakistan, Kamerun, Trinidad und Tobago.“

          Dabei ist der Prozess von den Versorgungskrisen hin zu politischen Krisen noch vergleichsweise wenig erforscht. Der Zusammenhang, so viel ist sicher, ist jedenfalls nicht linear. Nicht jede Versorgungskrise führt zur politischen Revolution. Da muss dann schon mehr zusammenkommen.

          Einer der Gründe für den Ausbruch echter Revolten

          „Aber es gibt Muster“, sagt der Agrarökonom von Braun, Muster für den Zusammenbruch politischer Systeme in Versorgungskrisen. Die klassischen Einflussfaktoren, die dazu führen, dass aus der Versorgungskrise eine politische Krise wird, sind vielfältig: Dazu gehören neben dem Versorgungszustand des Landes das Bevölkerungswachstum und die demographische Struktur sowie die Qualität der Regierungen.

          In Ländern wie Ägypten oder Tunesien war diese nachweislich schlecht. In Libyen ist sie es auch. Genau in diesem Fällen entfalten Ernährungskrisen über kurz oder lang ihre Sprengkraft. „Besonders in Ländern mit mangelhafter Regierungsführung waren die Proteste bisher gewalttätig“, sagt der Agrar-Experte. Also dort, wo sich die politische Elite - alt und erstarrt - von einer jungen, dynamischen Bevölkerung hinreichend entfernt hat, wo Korruption und Nepotismus regieren und den jungen Menschen die Perspektive fehlt.

          Neu ist das Phänomen nicht. Der Zusammenhang hat nur lange niemanden interessiert. Schon in den neunziger Jahren haben die Wissenschaftler John Walten und David Seddon für die 70er und 80er Jahre belegt, dass zwar eine allgemeine Beziehung zwischen Hungerunruhen und Preiserhöhungen für Lebensmittel besteht, dass allerdings der Zugang zu Lebensmitteln immer nur einer der Gründe für den Ausbruch echter Revolten gewesen ist.

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