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Nepal nach dem Erdbeben : Hilfs-Wettlauf mit Hintergedanken

Schlange stehen: Viele Nepalesen müssen nach der Katastrophe lange warten um eine Essensration zu bekommen. Bild: Getty

China und Indien stehen bereit, ihrem vom Erdbeben schwer getroffenen Nachbarn zu helfen. Das Ganze geschieht nicht nur aus Nächstenliebe. Sie wollen die Katastrophe nun nutzen, um ihren Einfluss auf Nepal zu sichern. Es geht um Wasser – und um Sicherheitsinteressen.

          Während die Zahl der Opfer in Nepal weiter steigt und die Vereinten Nationen warnen, acht Millionen Menschen seien vom Erdbeben am Samstag betroffen, wächst hinter den Kulissen die Sorge um die ökonomische Zukunft des Landes. Zum einen wäre ein längerfristiges Ausbleiben von Touristen aus Angst vor weiteren Katastrophen eine immense Belastung für den Himalajastaat. Zum anderen fehlt es ihm an Institutionen, um die erwartete Flut von Hilfsgeldern sinnvoll einzusetzen. Währenddessen schlägt die Stunde der beiden großen Nachbarländer China und Indien. Beide ringen seit Jahren um einen stärkeren Einfluss in Nepal.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Die Bedeutung des Tourismus kann für Nepal kaum überschätzt werden. Er steht offiziell für rund 8 Prozent seiner Wirtschaftsleistung. Mehr als eine Million Arbeitsplätze hänge an dem Geschäft mit den Gästen, die in der Regel wandern wollen oder an der Kultur interessiert sind. Einzelne Gruppen der Gesellschaft, wie etwa die Sherpa, verdienen einen großen Teil ihres Einkommens mit den Touristen.

          Der Einsturz der Weltkulturerbestätten dürfte einen negativen Einfluss auf die Buchungszahlen haben. Irina Bokova, die Generalsekretärin der Unesco, sprach davon, dass es zu „ausufernden und irreparablen Zerstörungen“ an einigen der sieben Standorten der Weltkulturerbe im Tal von Kathmandu gekommen sei. Die drei Durbar-Höfe in Kathmandu, Bhaktapur und Patan seien „fast völlig zerstört“. Bokova ist „schockiert“. Das Geschäft mit den Kulturreisenden bringt nicht nur viel Geld, es stärkt auch den Ruf des kleinen Landes.

          Nepal muss Projekte aufschieben

          Während es immer wieder zu Nachbeben kommt, ist es noch zu früh, den Gesamtschaden des Erststoßes vom Samstag zu beziffern. Deshalb liegen erste Berechnungen auch noch weit auseinander. Der amerikanische Geological Survey schätzt, die Verluste könnten die jährliche Wirtschaftsleistung des armen Nepals von rund 20 Milliarden Dollar übertreffen.

          Die Analysten von IHS rechnen mit Wiederaufbaukosten von etwa 5 Milliarden Dollar, gestreckt über fünf Jahre. Hinzu kommen längerfristige Nachteile, wie das nun notwendige Aufschieben großer Infrastrukturprojekte, beispielsweise den Bau von Staudämmen im Himalaja. Das Kathmandu-Tal steht für rund ein Drittel der gesamten Wirtschaftsleistung Nepals.

          Regierungen und Hilfsorganisationen versprechen derzeit im Stundenrhythmus finanzielle Unterstützung für den Wiederaufbau. Dabei kann es um immense Summen gehen: Die Hilfszahlungen an die Philippinen nach dem Taifun Haiyan 2013 erreichen inzwischen 844 Millionen Dollar. In Haiti, das 2010 von einem Erdbeben getroffen wurde, belaufen sich die Hilfszahlungen mittlerweile auf 3,5 Milliarden Dollar.

          Nicht nur Geld – auch Fähigkeiten

          Und doch sind die Gelder nur ein Tropfen auf den heißen Stein: Die Schäden, die Haiyan anrichtete, werden auf 12 bis 15 Milliarden Dollar geschätzt. Die bislang teuerste Katastrophe war das Erdbeben in Japan 2011 mit der folgenden Katastrophe im Atomkraftwerk Fukushima. Die Weltbank beziffert die Schäden auf 235 Milliarden Dollar. In einem armen Land wie Nepal wird die Schadenssumme nur einen Bruchteil dessen ausmachen. Allerdings dürften die meisten Schäden auch in keiner Weise versichert sein.

          In Nepal wird sich, wie schon in Haiti, besonders die Frage stellen, wie die Hilfe genutzt werden kann. Das Land zählt sowieso zu den größten Empfängern von Entwicklungsgeldern. Zugleich weist es, wie seine südasiatischen Nachbarn, eine schlechte Bilanz im Umsetzen von Projekten aus. Nur rund 70 Prozent der verabschiedeten Projekte werden tatsächlich in Angriff genommen. Eine mögliche Geldschwemme nach der notwendigen Soforthilfe dürfte auf fehlende Kapazitäten treffen, sie zu nutzen.

          „Man braucht nicht nur Geld zum Wiederaufbau, sondern auch menschliche Fähigkeiten und eine funktionierende Regierung. Nepal zählt zu einer Kategorie von Ländern, in denen es unklar ist, ob die Kraft für den Wiederaufbau ausreichen wird“, warnt der Ökonom Ilan Noy von der Victoria-Universität im neuseeländischen Wellington, der sich mit den Kosten von Katastrophen beschäftigt.

          Ringen um Wiederaufbau – und Einfluss

          Das eröffnet Chancen für die beiden großen Nachbarländer. Sowohl Indien wie auch China buhlen um das Bergland mit seinen großen Wasservorkommen. China hat Indien als größter Auslandsinvestor in Nepal im vergangenen Jahr erstmals überrundet. Sein Handelsvolumen ist seit 2006 auf das 17-fche dessen zwischen Nepal und Indien gestiegen. China hat Militärflüge mit Hilfsgütern entsandt. Zugleich bietet es milliardenschwere Investitionen zum Wiederaufbau und Ausbau der Infrastruktur an.

          Aber auch Anurag Gupta, der Leiter des indischen Katastrophenschutzes, erklärt: „Wir haben die Kraft, Tonnen und Tonnen an Material zu schicken und die Infrastruktur wieder aufzubauen.“ Keine Frage, der Wettlauf der beiden großen Nachbarn kommt den leidenden Nepalesen zugute. Aber er hat seine Gründe. Beide wollen Einfluss ausüben, beide Sympathien im strategisch wichtigen Nachbarland gewinnen. „Indien und China ringen miteinander um die Chancen für den Wiederaufbau – auf lange Sicht geht es um Sicherheitsinteressen“, sagt der indische Politologe Pramod Jaiswal.

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