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Atomreaktoren in Fukushima : Das Wegducken und Abwarten des Tepco-Chefs

Shimizu ist Absolvent einer Eliteuniversität in Tokio und begann seine Arbeit bei Tepco 1968 Bild: dapd

Tepco-Chef Masataka Shimizu lässt sich krank schreiben und zeigte sich nach der Katastrophe von Fukushima nur einmal in der Öffentlichkeit. Das Unternehmen ist berüchtigt, Pannen zu vertuschen und Unangenehmes zu verschweigen.

          Wenn die Lage ernst wird, wenn es statt guter Bilanzzahlen eher darum geht, der Öffentlichkeit schlechte Nachrichten zu erklären, dann ducken sich japanische Spitzenmanager gerne weg. Abwarten und hoffen, dass der Sturm schnell hinwegzieht, lautet die Devise. Wo ist in diesen Tagen der Vorstandschef von Tokyo Electric Power (Tepco), der Betreiberfirma der schwer beschädigten Atomreaktoren in Fukushima? Masataka Shimizu, seit drei Jahren an der Spitze des größten Energieversorgers Japans, bietet ein Paradebeispiel für dieses in Japan weit verbreitete Verhalten. Einmal nur ließ er sich seit Beginn der atomaren Katastrophe in Fukushima in der Öffentlichkeit sehen. Zwei Tage nachdem die japanische Regierung den atomaren Notstand ausgerufen hatte, gab Shimizu eine Pressekonferenz - ganz in der Tradition des Unternehmens, das in Japan dafür berüchtigt ist, Informationen zurückzuhalten, Pannen zu vertuschen und Unangenehmes wenn möglich zu verschweigen.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Am Mittwoch nun hat sich Shimizu offiziell aus der Verantwortung verabschiedet. Wegen Problemen mit seinem hohen Blutdruck und leichter Schwindelgefühle habe sich der Tepco-Chef am Dienstagabend in Tokio ins Krankenhaus begeben. Währenddessen riskierten im 220 Kilometer entfernten Fukushima Hunderte von Mitarbeitern, Feuerwehrmännern und Soldaten ihr Leben, um Japan vor der Atomkatastrophe und den Konzern vor dem Zusammenbruch zu bewahren.

          Erst am Sonntag hatten Sprecher des Unternehmens auf Fragen japanischer Medien, wo der Tepco-Chef denn bleibe, eingeräumt, dass Shimizu sich schon am 16. März krankgemeldet und ein paar Austage genehmigt habe. Zu den Sitzungen, auf denen Vertreter der Regierung und Tepcos über Schritte im Kampf gegen die drohende Katastrophe berieten, erschien er dann erst gar nicht mehr. Nein, an einen Tropf habe er nicht angeschlossen werden müssen, erklärte ein Sprecher damals. Shimizu fühle sich aber erschöpft, der Blutdruck sei hoch; deswegen habe er von einem Bett im Krankenzimmer des Energiekonzerns aus verfolgt, was in Fukushima geschieht.

          Einzig auf dieser Pressekonferenz zeigte sich Shimizu nach der Katastrophe in Fukushima in der Öffentlichkeit

          Überfällige Sicherheitskontrollen wurden verschleppt

          Tsunehisa Katsumata, Aufsichtsratschef des Unternehmens, hat am Mittwoch die Verantwortung übernommen und endlich das getan, was viele Japaner von Shimizu erwartet hatten. Er entschuldigte sich mit tiefer Verbeugung, stellte sich den Fragen der Medienvertreter - und er kämpfte für die Zukunft des ihm anvertrauten Unternehmens. „Wir wollen ein privates Unternehmen bleiben, und wir werden alles dafür tun“, sagte er angesichts einer drohenden Verstaatlichung. Der Vertrauensverlust Tepcos in der japanischen Öffentlichkeit ist dramatisch, weil auch in den vergangenen Tagen immer wieder Informationen zurückgehalten und Pannen vertuscht worden sind. Selbst über die ersten Explosionen in Fukushima erfuhr Japans Regierungschef Naoto Kan erst aus dem Fernsehen. Tepco ließ sich selbst danach noch Zeit, die schlechten Nachrichten zu überbringen. „Was zur Hölle ist hier los“, brüllte Kan - und ließ schon damals keinen Zweifel daran, dass er die Tage Shimizu als gezählt ansah.

          Dabei ist der 66 Jahre alte Shimizu vor drei Jahren auf dem Höhepunkt einer der vielen Vertuschungsaffären des Konzerns als Hoffnungsträger an die Spitze von Tepco gespült worden. Gefälschte Unfallberichte und Statistiken, geschönte Bilanzen, vertuschte Unfälle, die Liste der Skandale war lang, als er die Verantwortung übernahm und auf den Chefsessel des viertgrößten Energieunternehmens der Welt kam. Er versprach, mit der verkrusteten Bürokratie des Unternehmens aufzuräumen, transparenter zu informieren und Tepco auch für Anleger an der Börse attraktiver zu machen.

          Shimizu, Absolvent einer Eliteuniversität in Tokio, der seine berufliche Karriere 1968 bei Tepco begann, hat die in ihn gesteckten Erwartungen schnell enttäuscht. Die Bürokratie ist nach wie vor groß und schwerfällig, überfällige Sicherheitskontrollen wurden verschleppt, die Entscheidungswege sind noch immer undurchsichtig. Und Verantwortung für Fukushima hat er auch noch nicht übernommen.

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