https://www.faz.net/-gqe-1133f

Atomkraft in Frankreich : Wenn der Reaktor läuft und läuft

Mindestens 50 Jahre will die Electricité de France ihre Kraftwerke laufen lassen Bild: AFP

Frankreichs Atomreaktoren werden immer älter, sollen aber nicht abgeschaltet werden. Kernkraftgegner erinnern an Sicherheitsvorfälle. Und die in ihrer Mehrheit weiterhin sehr atomfreundlichen Franzosen kommen ins Grübeln.

          Es waren bewegte Zeiten am Oberrhein in den siebziger Jahren. Die Kernkraftgegner demonstrierten wöchentlich; es wurden Stromleitungen gekappt und falsche Nuklearalarme verkündet. Sieben Menschen traten in Hungerstreik, und ein Kommando namens „Ulrike Meinhof - Puig Antich“ verübte einen Anschlag auf die Baustelle des französischen Atommeilers Fessenheim. Doch seine Inbetriebnahme im Jahr 1977 konnten die Proteste nicht verhindern.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Heute ist Fessenheim der älteste Atommeiler Frankreichs und wirft ein Schlaglicht auf die lange Betriebsdauer des französischen Kraftwerkparks. Im Durchschnitt sind die 58 Reaktoren Frankreichs an 19 Standorten 22 Jahre alt. Manche wie Fessenheim laufen schon mehr als 30 Jahre. Die Kernkraftwerksgegner meinen, das sei zu lang, und verlangen, die ältesten Reaktoren zu schließen. Doch sie werden ihr Anliegen nicht so bald durchsetzen.

          Selbst Fessenheim werde bei der nächsten größeren Überprüfung im kommenden Jahr und 2010 voraussichtlich nicht geschlossen, sagte vor wenigen Tagen der Präsident der Autorité de Sûreté Nucléaire (ASN), André-Claude Lacoste, vor Journalisten. Die ASN ist eine Art von Gendarm der französischen Nuklearindustrie, der nach eigenen Angaben unabhängig von Regierungsanweisungen und Industrieinteressen arbeitet - eine Einschätzung, in der sich Atomkraftgegner und Befürworter wie fast in allen Fragen diametral gegenüberstehen. Auf jeden Fall hat die ASN in der Frage der Betriebsdauer das letzte Wort und hält es laut Lacoste für möglich, dass die Lebenszeit um „weniger als 10 Jahre“ verlängert wird, vielleicht aber auch um weitere 20 Jahre.

          „Die Unfälle sind gravierender geworden“

          Während die Kernkraftwerksgegner diese Aussicht entsetzt, verweist der staatliche Kraftwerksbetreiber Electricité de France (EdF) auf die Vereinigten Staaten. Dort hätten die Druckwasser-Reaktoren, die auch in Frankreich im Einsatz sind, kürzlich eine Verlängerung von 40 auf 50 Lebensjahre genehmigt bekommen, manche sogar auf 60 Jahre, sagt eine Sprecherin. EdF hat in diesem Jahr ein Forschungsinstitut eingerichtet, das die Unbedenklichkeit solcher lebensverlängernder Maßnahmen beweisen soll. Es gibt in Frankreich keine gesetzliche Obergrenze der Lebensdauer, in den technischen Dossiers ist festgehalten, dass die Reaktoren mindestens 40 Jahre laufen können. Eine Parlamentarierkommission und die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) haben aber schon auf gründlichere wissenschaftliche Erkenntnisse gedrängt. Daher mobilisiert EdF nun 150 Forscher, die zusammen mit genauso vielen Experten der staatlichen Atombehörde CEA die Lebensverlängerung prüfen sollen.

          Kernkraftgegner wie Roland Desbordes vom unabhängigen Nuklearlabor Criirad halten dies für einen gewaltigen Irrtum. „In jüngster Zeit sind die Unfälle zwar nicht zahlreicher, aber gravierender geworden. Ein Grund dafür ist das zunehmende Alter der Reaktoren.“ Zudem bemängelt er, dass die Atommeiler für technische Überprüfungen aus Kostendruck immer kürzer abgeschaltet werden und EdF billigere Zulieferer und Vertragsfirmen mit weniger Erfahrung einsetze. Ein Vorwurf, den EdF weit von sich weist. Bei der Sicherheit gehe man keine Kompromisse ein. Durchschnittlich werde jeder Reaktor in Frankreich jeden Tag von staatlichen Prüfern untersucht, erklärt eine EdF-Sprecherin.

          Wirtschaftlich spricht alles für eine Verlängerung

          Die in ihrer Mehrheit weiterhin sehr atomfreundlichen Franzosen beunruhigte im Juli eine Kette von Unfällen mit weitreichenden Folgen. In der Anlage Tricastin, wo die Areva-Tochtergesellschaft Socatri Nuklearabfall behandelt, trat eine große Menge von Flüssigkeit mit 75 Kilogramm Uran aus und kontaminierte hundert Arbeiter. Wenige Tage später kam es zu ähnlichen, wenn auch kleineren Vorfällen in Tricastin und anderswo. Umwelt- und Energieminister Jean-Louis Borloo ordnete daraufhin eine Untersuchung des Grundwassers an allen Reaktorstandorten an. Sie erbrachte das Ergebnis, dass keine Gesundheitsbedrohung für die Bevölkerung vorliege. Die ASN hatte im Umfeld von Tricastin im Sommer freilich unerklärlich hohe Werte radioaktiver Verschmutzung im Grundwasser gefunden. Experten vermuten, dass dies auf Rückstände aus vergrabenem Rüstungsmaterial zurückgeht. Dies freilich fällt in Frankreich unter das Militärgeheimnis und darf nicht weiter überprüft werden.

          In dieser Woche hat die ASN wieder die Atomindustrie kritisiert. EdF gehe im Kernkraftwerk Cruas-Meysse nicht streng genug gegen das Explosionsrisiko vor. Rohre, die Wasserstoff transportieren, seien verrostet und nicht entsprechend der Sicherheitsbestimmungen gekennzeichnet, urteilte die Behörde. EdF will das nun in drei Monaten in Ordnung bringen. Wirtschaftlich spricht alles dafür, die Anlagen zu verlängern - solange nichts schiefgeht. Weil sie abgeschrieben sind, können sie billig Atomstrom produzieren und belasten zudem das Klima nicht mit Kohlendioxid. Gleichzeitig will Frankreich die Erneuerung seines Kraftwerksparks nicht vernachlässigen. Im Juli kündigte Präsident Sarkozy an, den Bau eines zweiten EPR 3 zu prüfen.

          Weitere Themen

          Söder will Negativzinsen verbieten

          Gesetzesvorstoß : Söder will Negativzinsen verbieten

          Bayerns Ministerpräsident will ein Gesetz in den Bundesrat einbringen, um Bankeinlagen von Normalsparern bis 100.000 Euro vor Strafzinsen zu schützen. Allerdings haben Gerichte bereits juristische Grenzen für Minuszinsen auf Kontoguthaben gezogen.

          Als die Grenze fiel Video-Seite öffnen

          August 1989 : Als die Grenze fiel

          Die Welt hat lange stillgestanden an der ungarisch-österreichischen Grenze. Bis zum 19. August 1989. Dann, vor 30 Jahren, platzte zwischen Fertörákos und Mörbisch eine Nahtstelle des Eisernen Vorhangs – mit weitreichenden Folgen für die Region und ganz Europa.

          Topmeldungen

          Kommt heute nach Berlin: Boris Johnson

          Johnson besucht Berlin : Warten auf ein erstes Blinzeln

          Der britische Premierminister Boris Johnson droht der EU mit einem harten Brexit und lockt mit vagen Zugeständnissen – doch in Brüssel und Berlin wächst nur das Unverständnis.

          Kindesmissbrauch : Kardinal Pell bleibt hinter Gittern

          Der ehemalige Finanzchef des Vatikans hat in den neunziger Jahren zwei Chorknaben in Melbourne missbraucht. Die Vorsitzende Richterin spricht von einem Prozess, der ihr Land gespalten habe

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.