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Atomkraft aus Krümmel : Vattenfall-Kunden zum Wechsel aufgefordert

  • Aktualisiert am

Der Europa-Chef von Vattenfall, Tuomo Hatakka muss in Kiel Fragen beantworten, Ministerpräsident Carstensen wirkt entnervt Bild: dpa

Kurz nach der Panne in Krümmel sind auch neue Probleme mit schwedischen Kernreaktoren des Vattenfall-Konzerns bekanntgeworden. Dessen Stromkunden sollten den Anbieter wechseln, fordern rot-grüne Politiker.

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          Nach der neuen Panne im Atomkraftwerk Krümmel bei Hamburg haben Politiker von SPD und Grünen die Kunden des Betreibers Vattenfall zum Wechsel des Stromanbieters aufgefordert. „Dieser Pannen-Konzern muss spüren, dass man ihm nicht mehr vertraut“, sagte die Grünen-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Renate Künast, dem Berliner „Tagesspiegel“. „Die Kunden von Vattenfall sollten den Atomausstieg vorziehen und zu einem Ökostromanbieter wechseln.“ Der Vize-Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Ulrich Kelber, sagte der Zeitung: „Vattenfall-Kunden, die das Verhalten des Konzerns für inakzeptabel halten, können zwischen Dutzenden anderen Stromanbietern wählen und dadurch Druck machen.“

          Ein Trafo-Kurzschluss hatte am Wochenende zur Schnellabschaltung des Reaktors geführt. Nach Angaben des Betreibers sollen beide Transformatoren nicht mehr repariert, sondern durch neue ersetzt werden. Krümmel werde daher nach jetzigem Stand zehn Monate stillstehen. Der Atommeiler war erst vor zwei Wochen wieder ans Netz gegangen, nachdem er wegen einer ähnlichen Panne im Sommer 2007 zwei Jahre keinen Strom liefern konnte.

          Technische Probleme in Schweden

          Kurz nach der Panne in Krümmel sind auch neue Probleme mit schwedischen Kernreaktoren des Vattenfall-Konzerns bekanntgeworden. Wie der Rundfunk in Stockholm am Dienstagabend berichtete, droht Schwedens Strahlenschutzbehörde nach 60 Berichten über kleine oder mittlere Pannen im Atomkraftwerk Ringhals mit einer verschärften Aufsicht. Zwei der Zwischenfälle seien als sehr ernst eingestuft worden, hieß es weiter.

          Vattenfalls Kraftwerksleiter muss gehen

          In Deutschland hat Vattenfall inzwischen Fehler eingeräumt und erste personelle Konsequenzen gezogen. Er entband den bisherigen Kraftwerksleiter Hans-Dieter Lucht von seinen Aufgaben. Vattenfall gestand, dass eine Messeinrichtung des Transformators vor dem Wiederanfahren des Atomkraftwerks vor rund zwei Wochen nicht installiert worden war.

          Die neuerliche Panne soll an diesem Mittwoch auch die Hamburger Bürgerschaft in einer Aktuellen Stunde beschäftigen. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) räumte dem Betreiber noch einen „letzten Versuch“ ein, die Probleme mit dem Kraftwerk in den Griff zu bekommen. „Wenn es dort wieder zu einer solchen Situation kommt, dann kümmere ich mich darum, dass dieses Kernkraftwerk abgeschaltet wird“, sagte er nach einem Gespräch mit Vattenfall-Chef Tuomo Hatakka in Kiel.

          Laut „Berliner Zeitung“ hat die Bundesregierung in Antworten auf parlamentarische Anfragen der Grünen 2006 und 2007 eingeräumt, dass Atomkraftwerke älterer Bauart wie Krümmel oder Biblis technisch rückständig seien. „Die neueren Siedewasserreaktoren sowie die Druckwasserreaktoren der dritten oder vierten Generation haben grundsätzlich bessere Sicherheitseigenschaften“, heiße es darin unter anderem. Die älteren Meiler „entsprechen nicht dem aktuellen Stand von Wissenschaft und Technik“.

          RWE-Vorstandschef Jürgen Großmann verteidigte in einem Interview der „Bild“-Zeitung die Sicherheit der deutschen Kernkraftwerke. „Die Kernkraftwerke in Deutschland arbeiten alle auf höchstem internationalem Niveau“, sagte er dem Blatt. „Es ist kein einziges Kraftwerk in Betrieb, das nicht sicher ist. Auch ältere Kernkraftwerke in unserem Land sind auf Top-Niveau. Ohne Abstriche.“ Im internationalen Vergleich seien die „alten Anlagen“ in Deutschland noch jung. Anderswo liefen sie doppelt so lange. Zudem würden die deutschen Kernkraftwerke so streng überwacht wie sonst nirgends.

          Der Grünen-Politiker Jürgen Trittin warf Vattenfall Pfusch vor. „Unsere Atomanlagen entsprechen ohnehin nicht mehr dem aktuellen Stand von Wissenschaft und Technik.“

          Atomare Kraft für den Wahlkampf?

          Auf einen Atomwahlkampf hat die CDU nicht eben gewartet. Umso aggressiver hat die SPD das Thema nach den Pannen beim Kernkraftwerk Krümmel aufgegriffen. Trittin kritisierte in der F.A.Z., die SPD fische mit der Kritik am Kernkraft-Kurs der Union in grünen Gewässern und schielt dabei auf rot-grüne Wechselwähler. (Debatte nach Krümmel: SPD schielt auf rot-grüne Wechselwähler).

          Der frühere Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement warnte seine einstige Partei SPD derweil davor, mit dem Thema Atompolitik in den Wahlkampf zu ziehen. „Für die SPD als Arbeitnehmerpartei ist das sehr problematisch“, sagte er der Tageszeitung „Die Welt“. „Bei der Atomenergie in Deutschland geht es um 40.000 Arbeitsplätze.“ Außerdem könne man „ohne die Atomenergie die Herausforderungen des
          Klimawandels nicht bestehen“.

          Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) dringt angesichts des neuen Störfalls in Krümmel darauf, die acht ältesten Atomkraftwerke in Deutschland abzuschalten und die Restlaufzeit auf neuere zu übertragen.

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