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Arzneimittelgesetz : Nutztiere sollen weniger Antibiotika bekommen

  • -Aktualisiert am

Ein Huhn hustet, alle bekommen Antibiotika: So soll es künftig nicht mehr sein Bild: dpa

Agrarministerin Aigner will das Arzneimittelgesetz ändern, damit Hühner, Schweine und Rinder weniger Medikamente bekommen. Umweltschützer warnen vor resistenten Keimen.

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          In der Tiermast sollen in Zukunft weniger Antibiotika eingesetzt werden. Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) will diese Woche einen entsprechenden Entwurf zur Änderung des Arzneimittelgesetzes vorlegen. Die Vorschriften sollen verschärft werden, um den Einsatz von Antibiotika „auf das zur Behandlung von Tierkrankheiten absolut notwendige Mindestmaß“ zu beschränken, sagte Aigners Sprecher am Montag in Berlin. Dazu sollen die Überwachungsbehörden der Länder mehr Befugnisse bekommen. Das Ministerium betonte, für Kontrollen seien die Länder zuständig. Der Bund sorge nun dafür, dass sie ihre Aufgaben effektiver erfüllen können.

          Unter anderem bekommen die Landesbehörden einen leichteren Zugriff auf Daten zu den abgegebenen Antibiotikamengen; Tierärzte müssen den Ämtern alle Daten dazu übermitteln. Geplant ist auch, die Nutzung von Antibiotika aus der Humanmedizin in der Tiermast einzuschränken. Sie sollen nur noch unter besonderen Voraussetzungen außerhalb ihrer Zulassung eingesetzt werden. Auch der Informationsfluss zwischen den Behörden - etwa zwischen denen, die Tierschutz und Lebensmittelhygiene kontrollieren, und denen, die für die Arzneimittelüberwachung zuständig sind - soll verbessert werden. Außerdem wird die Zeitspanne vor der Schlachtung, in der jeder Arzneimitteleinsatz dokumentiert werden muss, verlängert. Aigners Sprecher kündigte an, dass Mitte des Jahres erstmals Daten zum Tierarzneimitteleinsatz in ganz Deutschland vorliegen werden.

          96 Prozent haben Antibiotika erhalten

          Zuletzt war herausgekommen, dass in Nordrhein-Westfalen 96 Prozent der getesteten Masthühner Antibiotika erhalten hatten, in Niedersachsen wurden in 82 Prozent der Mastbetriebe Antibiotika verabreicht. Sobald es Daten für ganz Deutschland gebe, werde erkennbar, in welchen Regionen besonders viele Antibiotika an die Tierärzte geliefert würden, sagte Aigners Sprecher. Der Bauernverband wies darauf hin, dass die Landwirte schon heute jeden Antibiotikaeinsatz dokumentieren müssten. Die Daten hätten längst ausgewertet werden können, sagte Helmut Born, Generalsekretär des Verbands, dieser Zeitung. Auch die Bauern hofften, dass der Einsatz von Antibiotika zurückgehe. Sie arbeiteten deshalb an Haltungsformen, bei denen nicht alle Puten behandelt werden müssen, wenn eine erkrankt.

          Von den deutschlandweiten Daten erhofft sich die Regierung Aufschluss über den Zusammenhang zwischen dem Antibiotikaeinsatz bei Tieren und antibiotikaresistenten Keimen, die dem Menschen gefährlich werden können. Letztlich geht es nämlich genau darum: ob durch die Antibiotikavergabe vermehrt Keime entstehen, gegen die herkömmliche Medikamente wirkungslos sind. Sogenannte multiresistente Bakterien bereiten den Ärzten schon länger Probleme. Sie treten meist im Umfeld von Krankenhäusern auf, wo Schätzungen zufolge im Jahr mehrere zehntausend Menschen an den Folgen einer Ansteckung sterben. Besonders bei immunschwachen oder chronisch kranken Menschen kann die Infektion tödliche Folgen haben. Laut Bundesinstitut für Risikobewertung spielen „nutztierassoziierte“ multiresistente Keime demgegenüber „eine sehr untergeordnete Rolle“. Beim Garen von Fleisch sterben die Keime ab.

          „Einen Riegel vorschieben“

          Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) veröffentlichte am Montag eine Stichprobe, nach der in 11 von 20 untersuchten Hähnchenfleischproben antibiotikaresistente Keime gefunden wurden. Gekauft wurde das Fleisch in Supermärkten in fünf deutschen Städten. Der Vorsitzende des BUND, Hubert Weiger, sprach von „erschreckenden Folgen des fortgesetzten Antibiotika-Missbrauchs“ und forderte die Halbierung bis 2015. Der Medikamenteneinsatz in der Tierzucht sei auch „ein Warnsignal vor den Kollateralschäden der industriellen Tierhaltung“. Weiger kritisierte, dass die Haltung von vielen Tieren auf engstem Raum nur mit Medikamenten möglich sei. Aigner müsse deshalb der industriellen Tierhaltung „einen Riegel vorschieben“. Tierärzte müssten zudem den genauen Keim ermitteln, statt Breitbandantibiotika zu verschreiben. Auch dürften sie nicht an der Verschreibung und dem Verkauf von Antibiotika verdienen.

          Wissenschaftliche Studien, die schon lang auf das Problem hinweisen, ergeben eine geringere Quote von keimbelastetem Fleisch als diese Stichprobe. Demnach ist auch Biofleisch nicht frei von multiresistenten Keimen. Die vom BUND namentlich genannten Geflügelproduzenten kritisierten die Veröffentlichung - wie auch die Forderung, keimbelastetes Fleisch aus dem Handel zu verbannen, als „unseriös“. Das Vorkommen resistenter Keime auf Geflügelfleisch sage nichts über die gesundheitliche Gefährdung für den Verbraucher aus, sagte der Geschäftsführer des Zentralverbandes der Geflügelwirtschaft Thomas Janning. Keime seien natürliche Bestandteile der Umwelt: „Insofern werden auf Geflügelfleisch immer Keime zu finden sein.“ Der zur Unternehmensgruppe Sprehe gehörende Fleischerzeuger Astenhof ließ seine Rechtsanwälte mitteilen, die Funde resistenter Keime seien „nicht überraschend“, da auf allen naturbelassenen Lebensmittel Keime zu finden seien.

          In den kommenden fünf Jahren will die Geflügelwirtschaft den Antibiotikaeinsatz freiwillig um 30 Prozent senken. Das Unternehmen Wiesenhof teilte mit, seine Landwirte verbrauchten seit Jahre rückläufige Mengen an Antibiotika. Die Einsatzmenge sei in den vergangenen 20 Jahren halbiert worden. Der Großteil der Landwirte komme ohne Behandlungen aus. Diese Aussage steht in Widerspruch zu den Daten des Landes Niedersachsen, wonach massiver Antibiotikaeinsatz in der intensiven Tierhaltung üblich ist.

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