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Artenschutz : Millionen für Molche

Die Kleine Hufeisennase hat den Bau der umstrittenen Waldschlößchenbrück vorübergehend gestoppt Bild: dpa

Der Artenschutz wird absurd. Molche bekommen teure Tunnel, Feldhamster verzögern Gewerbegebiete, und Fledermäuse verhindern ganze Autobahnen. Auch mit Windrädern im Meer könnte es bald vorbei sein. Wegen der Schweinswale.

          Ende Mai dieses Jahres begannen die Bauarbeiten für das sechs Kilometer lange Teilstück der Autobahn A 44, das die nordhessischen Orte Helsa und Hessisch Lichtenau miteinander verbinden wird. Für Ingenieure ist der Abschnitt eine Herausforderung. Denn vier von sechs Kilometern werden durch einen Tunnel geführt.

          Einen Vier-Kilometer-Tunnel gibt es in Hessen noch nicht, und er ist Amphibien zu verdanken. Ursprünglich hatten die Planer auch nur zwei kurze Tunnel vorgesehen und nicht einen langen. Dann stieß man auf eine Kolonie von Molchen. Um deren Lebensraum zu schützen, werden die Tunnel nun verbunden. Die Steuerzahler kostet diese Verbindung 50 Millionen Euro - ein Fünftel der geplanten Tunnelkosten. Weil die Molchkolonie rund 5000 Mitglieder zählt, wie man aus umfassenden gutachterlichen Aktivitäten weiß, gibt der Steuerzahler für jeden Molch 10 000 Euro aus, rechnet der hessische Verkehrsminister Dieter Posch grimmig vor.

          Man könnte sagen: Der Molch ist kein Einzeltier. Mal sind es Feldhamster oder Wachtelkönige, mal Kreuzkröten und Fledermäuse, die sich neuen Straßen, Schienen und sogar Windrädern in den Weg stellen.

          Besonderer Ruhm kommt der Großtrappe zu, für sie ließ die Bahn Erdwälle an der ICE-Stracke Hannover-Berlin aufschichten

          Besonderer Ruhm kommt dabei der Großtrappe zu. Für diesen fast ausgestorbenen Vogel ließ die Bahn an der ICE-Strecke Hannover-Berlin sieben Meter hohe Erdwälle auf sechs Kilometer Länge aufschichten. Die 20 Millionen Euro zeigen Wirkung: Die Trappen erholen und vermehren sich, wobei auch Aufzucht- und Auswilderungsprogramme helfen. Rund 100 Großtrappen werden jetzt gezählt, anstelle der 50 Mitte der neunziger Jahre. 20 Millionen Euro geteilt durch 100 Trappen ergeben 200 000 Euro je Tier.

          Schnell sucht man die Schuld bei Ämtern, die sinnenthoben teure Auflagen erlassen und für Zukunftsprojekte Hürden errichten. Doch die Genehmigungsbehörden müssen auf strengen Artenschutz achten, seit die Umweltgesetze in den vergangenen zehn Jahren verschärft worden sind. Früher hatten die Ämter den Gesetzesauftrag, die Umweltschäden durch neue Straßen, Brücken oder Bahnen zu vermeiden, zu minimieren und auszugleichen. Sie hatten Spielraum, konnten abwägen zwischen menschlichen Wünschen und tierischen Bedürfnissen. Heute ist es schlicht verboten, das Leben bedrohter Tierpopulationen erheblich zu beeinträchtigen. Es gibt keinen Spielraum, wenn Tiere wie die Bechstein-Fledermaus betroffen sind. Das kann gravierende Konsequenzen haben.

          Bei den Planungen für die A 44, wurde ein Quartier dieser Fledermäuse entdeckt, genauer gesagt: vier Bäume. Die ursprüngliche Trasse der A 44 hätte das Quartier durchschnitten. Nun hat man eine Route gefunden, die zumindest juristisch unbedenklich ist: Die Trasse wird an den Ort Kaufungen herangerückt. Die Bewohner verschwinden hinter 6,50 Meter hohen Lärmschutzwänden, der Asphalt wird offenporig gehalten, damit er den Krach schluckt. Manchmal gewinnt eben das Tier. Und Minister Posch seufzt in stiller Stunde: Ach, hätte es sich doch nicht um ein Fledermaus-Quartier gehandelt, sondern um einen Bauernhof. Den Bauernhof hätte man einfach umgesiedelt.

          Das Artenschutzgesetz hat bemerkenswerte Nebeneffekte: Es wirkt wie ein Konjunkturprogramm für das Gutachterwesen. Denn die entlastende Aussage, das Lebensgefühl des Wachtelkönigs oder Spechts sei durch das neue Baugebiet ungetrübt, bedarf akribischer Untersuchungen. Wie wirken der Lärm, der Verkehr, das Bauwerk auf das Wesen? Tauchen Schadstoffe auf? Wird ein Tierwechsel durchschnitten? Viele Fragen, viele Gutachter, denn was weiß der Brutvogelexperte über Fledermäuse und Kreuzkröten? Auch der Botaniker muss konsultiert werden.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

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