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Armutsstatistiken : Das Land der sieben Millionen armen Schlucker

Flaschensammler gehören hierzulande längst zum Alltag. Doch so viel Armut, wie es der Datenreport suggeriert, gibt es in Deutschland nicht Bild: dpa

Das Statistische Bundesamt meldet: 16,1 Prozent der Erwerbsfähigen sind von Armut bedroht. Braucht Deutschland nun Care-Pakete? Zur Problematik des relativen Armutsbegriffs.

          Deutschland wird immer ärmer. Diesen Eindruck muss die Öffentlichkeit gewonnen haben, nachdem die Bundeszentrale für Politische Bildung den Datenreport 2013 für die Bundesrepublik vorgelegt hat.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Die wichtigste Aussage in dem umfangreichen Konvolut lautet, dass 16,1 Prozent der Erwerbsfähigen in Deutschland armutsgefährdet seien. Das sind umgerechnet 6,7 Millionen Menschen. Schlimmer noch: Das Armutsrisiko sei in den letzten Jahren gestiegen, heißt es in den Zeitungen vom 27. November. Und das trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs, den dieses Land erlebt. Das deutsche Beschäftigungswunder geht an den armen Schluckern vorbei, ist vereinfacht die Quintessenz.

          Der Datenreport setzt fort, was sich in der Sonderberichterstattung seit einigen Jahren eingebürgert hat. Man arbeitet mit einem politisch deformierten Armutsbegriff. Von der vom gesunden Menschenverstand produzierten Idee, dass arm ist, wer sich seine lebensnotwendigen Bedürfnisse nicht erfüllen kann, hat sich der Begriff längst entfernt.

          Nach der offiziellen Definition gilt als armutsgefährdet, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens (Median) eines Landes verdient. Vereinfacht gesprochen stellen die Statistiker für die Ermittlung des Medians alle Leute in eine Reihe und picken den heraus, der genau in der Mitte steht. Dessen Einkommen ist der Median, wer davon weniger als 60 Prozent bezieht, gilt als armutsgefährdet. Das ausgerechnet von hier an die Armut beginnen soll, ist letztlich eine Konvention, man hätte vielleicht auch 55 Prozent argumentieren können oder noch weniger. Oder noch ganz anders.

          Weniger Reiche wären besser für die Statistik

          60 Prozent vom mittleren Einkommen entsprachen in Deutschland 2011 für eine allein lebende Person 980 Euro im Monat und für zwei Erwachsene mit zwei Kindern unter 14 Jahren 2058 Euro im Monat. Staatliche Sozialleistungen sind in den Einkommen enthalten, Steuern und Sozialabgaben sind abgezogen.

          Der Median eignet sich nur schlecht für die Bestimmung der Armut. Er zeigt nicht die Armut, sondern den Grad der Ungleichheit in einem Land. Das konstruierte Beispiel dazu: Ein Aufschwung, der zum Beispiel jedem einzelnen Bürger in Deutschland 1.000 Euro im Monat zusätzlich bescherte, würde an der Armutsquote nichts ändern.

          Okay, werden die Verteidiger des Armutsindikators argumentieren: blanke Theorie. Das stimmt aber nicht, wie der Dortmunder Statistikprofessor Walter Krämer überzeugend dargelegt hat. In den Jahren zwischen 2005 und 2010 ist in Deutschland das monatliche Medianeinkommen eines Haushalts mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern von 2.575 Euro auf 2.892 Euro gestiegen. Entsprechend ist das Einkommen, von dem an ein Haushalt als armutsgefährdet bezeichnet wird, in dieser Zeitspanne von 1.545 auf 1.735 Euro gestiegen. Die Armutsgefährdungsquote verringerte sich jedoch im gleichen Zeitraum kaum: von 14,7 Prozent auf 14,5 Prozent. Im Grund hatten alle Haushalte im gleichen Maße vom Aufschwung profitiert, die „Armen“ sogar etwas stärker als der Rest.

          So ist das eben bei einem solchen relativen Armutsbegriff: Er erfasst Fortschritte kaum, er soll es auch nicht. Denn solange Armut statistisch dargestellt werden kann, gibt es eine Legitimation für den Ausbau des Sozialstaats.

          Noch ein anderes konstruiertes Beispiel zeigt die Schwächen des Indikators: Wenn die oberen Einkommenbezieher Deutschland verlassen, dann würde die Armutsschwelle sinken, viele eben noch arme Schlucker wären es wie durch Zauberhand nicht mehr. Reiche rauswerfen zur Armutsbekämpfung wäre, statistisch betrachtet, vielversprechend.

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