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Armutseinwanderung : Alarm im Getto Dortmund-Nord

Noch dürfen Menschen aus Rumänien und Bulgarien nur dann in Deutschland arbeiten, wenn sie selbständig sind. Gleich neben dem Dortmunder Arbeitsstrich stand lange ein „Bauunternehmen“ mit allerlei Geschäftsführern, es bestand aus einem Raum mit einem Zettel im Fenster. Wer es bis zum selbständigen Asbestkratzer nicht geschafft hat, steht auf dem Arbeitsstrich. Nicht selten handelt es sich um faktische Sklaven. Die 50 Euro für die Fahrt müssen beim Schlepper abgearbeitet werden. Die 200 Euro für die Matratze: abzuarbeiten. Die 150 Euro für den Gang zum Einwohnermeldeamt, den der Schlepper dafür übernimmt, werden als Schulden verbucht. Um die Ecke liefern die Prostituierten den Zuhältern die Einnahmen ab. Dealer gehen ihrer Tätigkeit nach.

Das Getto gedeiht weiter

Kindergeld ist das eine, der Verfall eines Viertels das andere. In Dortmund liegt das Maklerbüro von Marita Hetmeier mittendrin. Zum Arbeitsstrich sind es ein paar Meter. Hetmeier vermietet 70 Wohnungen in Dortmund, auch im Quartier. „Ins Elend will ich nicht ziehen“, sagen die deutschen Kunden. Hetmeier wohnt gerne hier. Für ihr Viertel und die SPD saß sie im Stadtrat. Wenn sich mehr Roma in der Nordstadt ansiedelten, werde das Viertel irgendwann kippen, fürchtet die SPD-Frau: „Die werden hier gettoisiert.“

Die Logik von Gettos ist: Armut zieht Armut hinterher. Eigentlich ist die Nähe der Nordstadt zum Dortmunder Zentrum unschlagbar. Es gibt viele Altbauten im Viertel. Doch die Studenten, die bei Hetmeier nach Wohnraum suchen, haben die Gettogrenzen längst markiert: „In Frage kommt nur westlich der Schützenstraße.“

Das Getto gedeiht weiter. Ab Januar gilt für Rumänen und Bulgaren die volle Freizügigkeit in Europa: Unter bestimmten Voraussetzungen haben die Einwanderer dann nicht nur Anspruch auf Kindergeld wie bisher, sondern auch auf Hartz IV. Der Berliner Migrationsforscher Klaus Jürgen Bade rechnet damit, dass ab diesem Zeitpunkt ganze „Familienverbände“ aus Rumänien und Bulgarien jenen hinterher ziehen, die schon in Berlin, Mannheim, Dortmund leben.

„Geschieht nichts, wird es Tote geben“

Vielleicht zieht es sie auch ins Duisburger „Problemhaus“, in das mehr als tausend Rumänen eingezogen sind, von denen Sozialarbeiter Eduard Pusic im Büro nebenan sagt: „Es geht nicht um Rumänen oder Bulgaren. Es geht um Roma.“ Die Problemhaus-Bewohner wohnen zu zehnt auf 55 Quadratmeter, gemeldet ist nur einer. Der Plattenbau, der einem Geschäftsmann aus dem Rotlichtmilieu gehört, ist völlig überfüllt, die Verhältnisse sind menschenunwürdig. Es riecht. Es gibt Ratten und Ungeziefer, das vom Müll angezogen wird, der aus dem Fenster fliegt. Oder in der Wohnung verbleibt. Im Treppenhaus ist das Geländer abgerissen.

Handyvertreter – mit deutschem, türkischem und Roma-Hintergrund – kommen gerne in die Roma-Straßen, um den unwissenden Zuwanderern Verträge aufzuschwatzen, für zwanzig Euro bar auf die Hand. Das Viertel Rheinhausen war einst das Krupp-Viertel, auf der Hinfahrt grüßt die „Brücke der Solidarität“. Der Ruhrpott hat stets für sich in Anspruch genommen, Migranten offen gegenüberzustehen, schließlich ist hier fast jeder einer. Jetzt demonstrieren Duisburger Deutsche mit Duisburger Türken gegen den Roma-Zuzug. Im Park sollen angeblich menschliche Exkremente liegen. Die Polizei spricht von Klau-Banden, die strafunmündige Kinder vor schicken. Auch in Dortmund spricht die Sozialdezernentin von „kriminellen Strukturen“.

Der Migrationsexperte Klaus Bade fürchtet das Schlimmste. Er will nicht den Zuzug der Roma verhindern wie Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich droht, schließlich kann man Rumänien und Bulgarien nicht wieder aus der EU werfen oder das Prinzip der Freizügigkeit kippen. Der einzige Weg sei, in anstrengender Kleinarbeit die Roma aus den überfüllten Häusern zu holen und die Familienanführer zu überreden, die Kinder in die Schule zu schicken. Dafür müsse der Bund einen dreistelligen Millionenbetrag geben. „Geschieht nichts, wird es Tote geben“, sagt der Professor.

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