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Kommentar : Selbst zum auskömmlichen Lohn

  • -Aktualisiert am

Es liegt in der Hand jedes Einzelnen, welche Qualifikationen er sich für den Arbeitsmarkt verschafft. Schlecht Bezahlte haben somit vielfältige Möglichkeiten. Sie müssen allerdings auch bereit sein, sie zu nutzen.

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          Wer Vollzeit arbeitet, soll von seinem Lohn auskömmlich leben können. Solche Forderungen gehören zu den Standardargumenten von Verteilungspolitikern und Gewerkschaftsführern. Die Schuld daran, dass nicht alle Erwerbstätigen genug zum Leben verdienen, wird gern ausbeuterisch handelnden Unternehmen zugeschoben. Diesem Zustand müsse ein Ende bereitet werden. Niedrige Wochenlöhne müssten heraufgesetzt werden.

          Ausbeutung ist freilich nicht der Regelfall. Sie wird auf vielerlei Weise wirksam bekämpft. Wenn der Wochenlohn nicht zum Leben reicht und nach Abhilfen gesucht wird, sollte zunächst der Frage nachgegangen werden, warum Vollzeitarbeitende unterschiedlich entlohnt werden. Dann trifft man auf die Tatsache, dass Arbeitende unterschiedlich gut qualifiziert sind, Unterschiedliches leisten, ihre Tätigkeit eine unterschiedlich hohe Arbeitsproduktivität aufweist und die Nachfrage nach Arbeitskräften unterschiedlich hoch ist. Knappe Arbeitskräfte werden gut bezahlt.

          Es liegt in der Hand jedes Einzelnen, welche Qualifikation er sich verschafft. Das beginnt schon in der Schule, setzt sich in der Ausbildungszeit fort und hängt maßgeblich auch von der Leistungsbereitschaft ab. Versäumnisse in der Vergangenheit können dank eines reichen Angebots von Aus- und Fortbildungsmaßnahmen ausgeglichen werden. Allein von Unternehmen werden hierfür im Jahr mehr als 25 Milliarden Euro ausgegeben. Hinzu kommen Aus- und Weiterbildungsangebote der Bundesagentur für Arbeit.

          Schlecht Bezahlte haben vielfältige Chancen. Sie müssen allerdings bereit sein, sie zu nutzen. Dazu bedarf es der Initiative, des Fleißes und der Leistungsbereitschaft. Der Weg von Niedriglöhnen weg und zu besser bezahlten Tätigkeiten hin ist offen, wie zahlreiche Beispiele beweisen. Das gilt auch für Zuwanderer. Der seit Jahrzehnten anhaltende strukturelle Wandel der deutschen Wirtschaft wäre ohne die Neuorientierung von Millionen Beschäftigten nicht möglich gewesen.

          Der Zweitjob wird oft verteufelt

          Wer den schlecht Bezahlten wirksam helfen will, täte gut daran, an Eigenleistungen der Betroffenen zu appellieren. Davon ist in der Öffentlichkeit kaum etwas zu hören. Es ist einfacher, für die Betroffenen bequemer und für die Wählergunst vorteilhafter, wenn ohne Gegenleistung Forderungen an andere gestellt werden. Das hat fatale Folgen. Es liegt nahe, auf mühsame eigene Anstrengungen zu verzichten, wenn Politiker und Gewerkschaftsführer ständig verkünden, Lohnerhöhungen für schlecht Bezahlte seien auch ohne Eigeninitiative möglich.

          Ein anderer Ausweg für die Geringverdiener wird oft verteufelt: der Zweitjob, der nicht nur in Schwellen- und Entwicklungsländern, sondern auch in Industrieländern durchaus üblich ist. Wenn der Marktwert der eigenen Arbeitsleistung gering ist, gibt es - besonders bei niedrigen Wochenarbeitszeiten - viele Möglichkeiten, etwas dazuzuverdienen. Dieses Verhalten wird staatlich sogar mit dem Verzicht auf Abgaben belohnt.

          Rezept der Niedriglohnkritisierer kann nicht aufgehen

          Wer aus freien Stücken mehr verdienen will, als es seiner derzeitigen Qualifikation entspricht, kann sein Einkommen aufstocken. Diejenigen, die sich vom Erreichen eines besser bezahlten Arbeitsplatzes nichts erhoffen, können sich selbst helfen und tun dies auch in Hunderttausenden Fällen. Den „Aufstockern“ ist nicht gedient, wenn die Zuerwerbsmöglichkeiten durch staatliche Eingriffe erschwert werden.

          Das gilt umso mehr, als das Rezept der Niedriglohnkritisierer langfristig nicht aufgehen kann. Einfache, gering bezahlte Arbeit kann, wenn sie spürbar verteuert wird, leicht durch Mechanisierung und Automatisierung ersetzt werden. In großem Umfang sind niedrig bezahlte Arbeitsvorgänge zudem ins Ausland verlagert worden. Erwiesen ist auch, dass die vor allem durch Sockellohnvereinbarungen und durch das Streichen der unteren Lohntarifgruppen geschaffenen steigenden Lohnuntergrenzen gerade die Arbeitsplatzchancen Geringqualifizierter erheblich verschlechtert haben.

          Welcher Weg kann beschritten werden?

          Lohnerhöhungen - auch in Form von Arbeitszeitverkürzungen mit vollem Lohnausgleich - haben die Arbeitsmärkte zum Nachteil von Geringverdienern verändert. Wer bei dem Erwerb besserer beruflicher Qualifikationen nicht mithalten konnte, ist oft auf Dauer arbeitslos geworden und auf kollektive Hilfe angewiesen. Das sollten diejenigen bedenken, die Politikern und Gewerkschaftsführern auf dem falschen Weg zu auskömmlichen Löhnen für Vollzeitarbeit zu folgen bereit sind. Bequemlichkeit ist keine erfolgversprechende Strategie in der Arbeitswelt.

          Welcher Weg kann also beschritten werden, wenn der Lohn von Geringverdienern erhöht werden soll? An erster Stelle ist nicht die Schröpfung öffentlicher oder privater Kassen zu nennen. Vielmehr muss entschieden auf Selbsthilfe gesetzt werden. Für Qualifizierungsanstrengungen gibt es ein breites, kostenloses Angebot der Arbeitsverwaltung und der Unternehmen. Wer seinen Fleiß oder seine Ausdauer oder seine beruflichen Erfolgsaussichten zu gering einschätzt, sollte sich auf einen Hinzuverdienst konzentrieren. Flexible Arbeitsmärkte können sich dabei als hilfreich erweisen. Hier wartet eine lohnende Aufgabe für Arbeitsmarktpolitiker und nicht in der Setzung langfristig fatal wirkender überhöhter Lohnuntergrenzen.

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