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Ökonom Atkinson im Gespräch : „Eine zivilisierte Gesellschaft braucht hohe Steuern“

  • -Aktualisiert am

„Ich wünschte die Geheimdienste wüssten so viel über unsere Konten wie über unser Privatleben“, sagt Tony Atkinson. Bild: Theiner, Micha

Die Armut nimmt überhand, sagt der Ungleichheits-Forscher Tony Atkinson. Was kann man dagegen tun? Er plädiert für höhere Steuern – und für ein „Mindesterbe“, das jeder zum 18. Geburtstag bekommt.

          Herr Atkinson, den Menschen in Deutschland geht es gut. Warum sollten sie sich Gedanken über Ungleichheit machen?

          Die Ungleichheit wächst in letzter Zeit auch in Deutschland. Das ist besorgniserregend. Wenn es zu viel Ungleichheit in einer Gesellschaft gibt, hat das irgendwann Folgen für den wirtschaftlichen Erfolg. Sogar die IWF-Chefin Christine Lagarde macht sich mittlerweile Sorgen, dass Ungleichheit das Wachstum mindert. Außerdem sinkt die Lebenserwartung, und Probleme wie Fettleibigkeit nehmen zu, wenn eine Gesellschaft ungleicher wird.

          Und außerdem?

          Es ist auch eine Frage der Gerechtigkeit. Wollen Sie wirklich in einem Land leben, in dem sich einige Leute Tickets für Reisen ins Weltall leisten können, während andere ihr Essen von der Suppenküche beziehen müssen, obwohl sie Arbeit haben? Außerdem legen mittlerweile die meisten Leute Wert auf Chancengleichheit.

          Aber selbst wenn alle am Anfang die gleichen Chancen haben, machen sie doch nicht alle das Gleiche daraus.

          Ich habe auch gar nichts dagegen, wenn jemand einen neuen Impfstoff erfindet und dafür gut bezahlt wird. Ungleichheit zu bekämpfen bedeutet nicht, alle Unterschiede zwischen den Leuten abzuschaffen. Aber in unseren Gesellschaften haben die Menschen im Moment nicht einmal annähernd gleiche Chancen, einen Impfstoff zu erfinden. In einer ungleichen Gesellschaft gibt es auch keine Chancengleichheit.

          Warum hat die Ungleichheit zugenommen?

          Nach dem Zweiten Weltkrieg haben viele europäische Länder erfolgreich Maßnahmen ergriffen, um die Ungleichheit zu reduzieren. Das wurde in den letzten Jahren zurückgedreht.

          Welche Maßnahmen meinen Sie?

          Zum Beispiel hat man progressive Einkommen- und Erbschaftsteuern eingeführt, um die Konzentration von Vermögen zu reduzieren. Außerdem gab es durch den Ausbau des Sozialstaats sehr effektive Transferleistungen, die armen Menschen zugutekamen. Die Spitzensteuersätze sind heute viel niedriger als vor 30 Jahren, Sozialleistungen werden in vielen Ländern gekürzt.

          Also hat Thomas Piketty recht: rauf mit den Steuern für die ganz Reichen - und das Geld verteilen?

          Ganz so einfach ist es nicht. Piketty interessiert sich sehr für die Superreichen. In der Debatte um sein Buch geht es vor allem um die Frage, wie man ihnen am besten Geld abknöpfen kann. Weniger darum, wie man Menschen am unteren Rand helfen kann. Das halte ich für falsch.

          Es ist also kein Problem, wenn ein paar wenige Menschen Milliarden horten?

          Das würde ich nicht sagen. Der Anteil, den die oberste Schicht an Einkommen und Vermögen hält, hat in den vergangenen Jahren enorm zugenommen. Bis vor kurzem galt: Man muss die Superreichen gar nicht beachten, weil es so wenige sind. Heute sind sie schon deswegen wichtig, weil ihre Besteuerung mehr Einnahmen verspricht.

          Die Superreichen sind nur wichtig, weil man ihr Vermögen umverteilen kann?

          Zumindest im angloamerikanischen Raum nehmen sie auch gefährlich viel Einfluss auf die Politik. Es ist schlecht für die Demokratie, wenn Leute mit ihrem Geld eine politische Agenda verfolgen - meist ohne dass die Öffentlichkeit etwas davon mitbekommt. Aber es ist nicht das größte Problem der Ungleichheit.

          Was dann?

          Die schlimmste Folge von Ungleichheit ist Armut - und die gesellschaftliche Marginalisierung armer Menschen. Dagegen wird zu wenig getan. Außerdem glaube ich, dass in allen wichtigen politischen Fragen unserer Zeit die Ungleichheit zwischen den Generationen eine Rolle spielt: von der Bekämpfung des Klimawandels über den Schuldenabbau bis zu den Pensionslasten in westlichen Gesellschaften. Und die nach wie vor bestehenden Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern kommen bei Piketty nicht mal am Rande vor.

          Das sind teilweise sehr moderne Probleme. Meinen Sie wirklich, die kann man mit den Mitteln von vorgestern lösen - hohe Steuern, mehr Sozialleistungen?

          Ich halte es für notwendig, dass das Steuersystem wieder progressiver gestaltet wird. Aber natürlich muss man dabei beachten, dass sich die Welt verändert hat.

          Inwiefern?

          Nun, der Arbeitsmarkt zum Beispiel. Da gibt es eine merkwürdige Rückwärtsbewegung. Der heutige Arbeitsmarkt mit seinen Teilzeitmodellen und Selbständigen ähnelt viel mehr dem 19. als dem 20. Jahrhundert. In den siebziger Jahren hatte man entweder Arbeit oder nicht, dazwischen gab es nichts. Heute gibt es dazwischen sehr viel.

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