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Deutschlands oberste 10 Prozent : Reich schon mit 3009 Euro netto

Wohnen in einem Frankfurter Neubaugebiet: Hier parkt die Mittelklasse – oder schon der Reichtum Deutschlands? Bild: Rüchel, Dieter

Zu den einkommensstärksten 10 Prozent in Deutschland gehören Angestellte, Rentner und Beamte, zeigt eine Analyse. Das ist heikel für die Wahlkampfdebatte um höhere Steuern.

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          „Die Reichen“, das sind immer die anderen: Als Meinungsforscher zuletzt danach fragten, ob die Steuern für die Reichen erhöht werden sollten - so wie von SPD und Grünen gefordert - stimmen drei von vier Befragten zu. Man selbst fühlt sich offenbar nicht betroffen.

          Johannes Pennekamp
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.
          Manfred Schäfers
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Diese Vermutung könnte ein Trugschluss sein, legt eine neue Einkommensauswertung des arbeitgebernahen Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) nah. Demnach gehörte in Deutschland im Jahr 2010 schon Singles mit einem Nettoeinkommen von 3009 Euro im Monat zu den einkommensstärksten 10 Prozent der Bevölkerung. Ein Paar mit zwei Kindern fiel in das obere Einkommenszehntel, wenn es 6319 Euro netto im Monat zur Verfügung hatte. Das Nettoeinkommen beinhaltet Einkünfte aus Arbeit und Kapital und einen Mietvorteil für den Fall, dass Bürger Wohneigentum selbst nutzen. Unter den oberen 10 Prozent der Einkommensbezieher beträgt dieses monatliche Nettoeinkommen demnach durchschnittlich für Alleinstehende 4300 Euro, das Bruttoeinkommen 5700 Euro. „Steuererhöhungen, die vermeintlich nur auf die Reichen zielen, treffen auch Menschen, die es selbst nicht unbedingt erwarten“, folgert IW-Forscherin Judith Niehues.

          Bild: F.A.Z.

          Die Erhebung, die auf den repräsentativen Befragungsdaten des Sozioökonomischen Panels (SOEP) beruht, schlüsselt auf, welche Bevölkerungsgruppen in das oberste Einkommenszehntel gehören. Mit Abstand größte Gruppe sind Angestellte in Leitungsfunktion (26,6 Prozent), gefolgt von Rentnern (16,3 Prozent). Vorarbeiter, Selbstständige mit Mitarbeitern, Beamte und Pensionäre sind mit jeweils etwa 10 Prozent vertreten. Paare ohne Kinder schaffen es überproportional häufig unter die Top-Verdiener, unterrepräsentiert sind Alleinstehende oder alleinerziehende Mütter und Väter.

          Ob Vermögen vorhanden ist, floss in die IW-Rechnung nur indirekt ein: in Form von Kapitaleinkünften. Personen, die Immobilien besitzen und von den Mieteinkünften leben, gehören nach IW-Berechnung deshalb nicht zwangsläufig zum reichsten Zehntel. Im Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) stößt die Studie deshalb auf Kritik. „Menschen, die von ihrem Vermögen leben können ohne zu arbeiten, gehören aber auf jeden Fall zu den wirklich Reichen“, sagte eine DIW-Sprecherin.

          In der Politik sorgte die IW-Erhebung für ein geteiltes Echo. Der Grünen-Abgeordnete Gerhard Schick wertete die Zahlen als unfreiwillige Bestätigung des arbeitgebernahen Instituts für seine Partei. „Damit wird bestätigt, dass von unseren Steuerplänen nur die obersten 10 Prozent betroffen sind“, sagte er der F.A.Z. Ein Nettoeinkommen von 4300 Euro im Monat entspreche einem Bruttoeinkommen von mindestens 75.000 Euro im Jahr. „Wir Grüne haben immer transparent kommuniziert, dass wir Menschen ab einem Einkommen von rund 60.000 Euro moderat mehr belasten wollen.“

          Der finanzpolitische Sprecher der SPD-Fraktion Lothar Bindung sprach von statistischen Schwächen. Bei dem von der SPD geplanten Einkommensteuertarif müsste ein Lediger mit einem Jahresgehalt von 100.000 Euro etwa 1328 Euro im Jahr mehr zahlen als bisher und ein Ehepaar mit zusammen 500.000 Euro künftig 24.810 Euro zusätzlich. „Wenn wir bedenken, dass das Durchschnittseinkommen bei etwa 30.000 Euro liegt, also viele Menschen mit sehr viel weniger auskommen müssen, sollten sogar die 2000 Euro im Monat bei einem Einkommen von einer halben Million Euro Jahreseinkommen zu verkraften sein“, sagte er dieser Zeitung. Die CDU sieht keinen Grund für eine stärkere Besteuerung höherer Einkommen. Sie verweist im Entwurf ihres Wahlprogramms darauf, dass zuletzt die obersten 5 Prozent der Steuerpflichtigen 41,5 Prozent der Einkommensteuerlast getragen haben. Die oberen 25 Prozent der Steuerpflichtigen hätten 76,9 Prozent geschultert. „Wer diese Schraube überdreht, gefährdet den Zusammenhalt und schwächt die Leistungsbereitschaft der Menschen“, heißt es im Wahlprogrammentwurf.

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