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Neue Zahlen zum Armutsrisiko : Den Geringqualifizierten geht es doch nicht so schlecht

Wer keinen Abschluss hat, hat es schwer in Deutschland. Doch die Geringqualifizierten werden immer weniger. Bild: dpa

Das Armutsrisiko der Geringqualifizierten ist gestiegen. Diese Nachricht war an diesem Donnerstag überall zu hören. Doch es lohnt sich ein genauerer Blick auf die Zahlen. Die Einkommen der Geringqualifizierten etwa sind keineswegs gesunken.

          Die Zahl der Geringqualifizierten ist in Deutschland in den vergangenen zehn Jahr stark gesunken. Für die verbliebenen Geringqualifizierten hat sich allerdings das statistische Armutsrisiko in den zehn Jahren deutlich erhöht. Mit dieser Nachricht machte an diesem Donnerstag das Statistische Bundesamt Schlagzeilen.

          Dietrich Creutzburg

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Doch es lohnt sich ein genauerer Blick auf die Zahlen: Aus dem gestiegenen Armutsrisiko der Geringqualifizierten folgt nicht, dass die absolute Höhe ihrer Einkommen gesunken ist. Ihre Einkommen sind nur langsamer gestiegen als die mittleren Einkommen in der Gesellschaft - welche nun von mehr Höherqualifizierten getragen werden. Als „armutsgefährdet“ stuft die Statistik all jene ein, deren Nettoeinkommen weniger als 60 Prozent des gesellschaftlichen Mittelwerts beträgt. Die so berechnete Armutsschwelle lag im vergangenen Jahr für Singlehaushalte bei 917 Euro im Monat und für vierköpfige Familien bei 1926 Euro. Sie hat sich seit dem Jahr 2005 im Zuge der allgemeinen Einkommensentwicklung um rund 25 Prozent erhöht.

          Armutsrisikoquote im vergangenen Jahr sogar recht günstig

          Betrachtet man die Armutsrisikoquote losgelöst vom Bildungsniveau für die gesamte Gesellschaft, so war die Entwicklung im vergangenen Jahr recht günstig: Sie verringerte sich um einen Zehntelprozentpunkt auf 15,4 Prozent, nachdem sie 2013 um einen halben Prozentpunkt gestiegen war. Das Statistische Bundesamt warnt allerdings davor, kleinen Schwankungen zu viel Bedeutung beizumessen; da die Daten mit einer Bevölkerungsbefragung erhoben werden, lassen sich gewisse Unschärfen nicht ausschließen. Die Behörde spricht von einer „stabilen Entwicklung“ während der vergangenen zehn Jahren, da die Quote seither in einer Bandbreite von 1,5 Prozentpunkten pendelt.

          Während im Westen auch der Regionalvergleich keine wesentliche Veränderung zeigt, ist die Quote im Osten gegenüber dem Vorjahr etwas deutlicher gesunken: Sie fiel von 19,8 auf 19,2 Prozent, wenn man das deutschlandweite Durchschnittseinkommen zum Maßstab nimmt. Gemessen am niedrigeren Mittelwert für Ostdeutschland - er gibt dann Auskunft über die Einkommenskluft innerhalb der Region - ist die Quote für den Osten von 13,1 auf 12,6 Prozent gesunken.

          Mehr armutsgefährdete Rentner

          Dass die Entwicklung derzeit günstig verläuft, lässt sich auch einer neuen Studie der Universität Duisburg-Essen entnehmen. Während das Statistische Bundesamt die Einkommen einschließlich Sozialleistungen betrachtet, zeigt sie zudem, wie die Einkommensschichtung ohne den Sozialstaat wäre: Einerseits läge der Anteil der Armutsgefährdeten dann mehr als doppelt so hoch. Andererseits ist dieser Vergleichswert seit 2005 von 35,4 Prozent auf 34,7 Prozent gesunken.

          Der Paritätische Wohlfahrtsverband, der aus der amtlichen Statistik regelmäßig eine steigende Armut abliest, wies indes auf eine andere neue Zahl hin: Der Anteil armutsgefährdeter Rentner hat sich 2014 um 0,4 Prozentpunkte auf 15,6 Prozent erhöht und liegt nun erstmals über der Quote für alle (15,4 Prozent). Der Verband sieht dies als Beleg für eine steigende Altersarmut. Es hat aber auch mit der günstigen Entwicklung von Löhnen und Beschäftigung zu tun, von der die erwerbstätige Generation profitiert: Deshalb ist die statistische Armutsschwelle allein im vergangenen Jahr um 3,4 Prozent gestiegen - und damit etwas stärker als die Renten.

          Wie sich der neue Mindestlohn von 8,50 Euro je Stunde auf das statistische Armutsrisiko auswirkt, wird erst die nächste Jahresstatistik zeigen. Falls nicht zu viele Geringverdiener ihre Arbeit verlieren, dürfte er für einen weiteren Rückgang der Quote sorgen; für die Gruppe der Erwerbstätigen gilt diese Feststellung in jedem Fall. Immer deutlicher wird aber auch, dass der Mindestlohn Minijobs vernichtet. Das bestätigte am Donnerstag ein neuer Quartalsbericht der Minijobzentrale. Er zeigt, dass Ende Juni 6,73 Millionen Menschen einen gewerblichen 450-Euro-Job hatten, 190.000 oder 2,7 Prozent weniger als vor einem Jahr. Umstritten ist, ob die Arbeit ganz wegfällt oder dafür neue sozialversicherungspflichtige Stellen entstehen. Das Gastgewerbe meldete jüngst einen neuen Beschäftigungsrekord.

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