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Armut und Reichtum : Essen: Die gespaltene Stadt

Hoffnung auf Thyssen - die sitzen im Norden Essens

Sie hat den Beamten angeboten, ihre Wohnung zur Observation zu benutzen. Sie kann den Drogenhandel genau beobachten aus dem Wohnzimmerfenster oben im dritten Stock des Eckhauses. Aber meist bemühen sich die Beamten erst gar nicht her, wenn sie anruft. Ist ja Essen-Altendorf. Im Essener Norden. Da, wo mittlerweile jeder dritte Bewohner „existenzsichernde Leistungen“ bezieht. Wie im Ostviertel, Nordviertel, in Altessen-Süd, in Bergeborbeck. Alles keine guten Gegenden.

Bezirksbürgermeister Klaus Persch versucht gegenzusteuern. Große Hoffnungen setzt er in die Thyssen-Krupp-Zentrale. Die hat der Konzern vor zwei Jahren von Düsseldorf nach Essen verlegt. In den Essener Norden. Ein mutiger Schritt, der mit großen Hoffnungen verbunden ist. Das schicke Areal mit Park, Wasserlauf und Krupp-Museum grenzt direkt an Altendorf. Deshalb hat die Stadt dort einige Wohnblöcke weggesprengt und legt ein nobles Neubauviertel an, in der Hoffnung, dass Thyssen-Krupp-Manager sich einmieten, dass neue Restaurants eröffnen, Kneipen und Geschäfte und dass der Wohlstand ausstrahlt, Straßenzug um Straßenzug hineinsickert nach Altendorf. Bis zur Helenenstraße, wo der Drogenhandel nicht unterzukriegen ist.

Darauf haben die Anellis keine Lust mehr. Sie sind hier aufgewachsen, haben sich hier kennengelernt. Das Viertel war immer schon arm. „Aber nicht so wie heute.“ Von ihren Schulfreunden sind viele weggezogen, irgendwann. Spätestens, wenn sich Kinder ankündigten. Weil sie um die Chancen der Kinder in Altendorf fürchteten.

Die Anellis sorgen sich auch, aber sie kommen nicht weg. Weil im Eckhaus auch die italienischen Großeltern wohnen, die die Wohnung irgendwann gekauft haben, als Sicherheit, als Altersvorsorge. „Vielleicht war das ein Fehler.“ Jetzt fesselt die Wohnung die vierköpfige Familie ans Viertel.

Hoffen auf eine Gymnasial-Empfehlung

Aber für die Töchter erhoffen sie sich mehr. Die sollen raus aus Altendorf. Sollen so gut in der Schule sein, dass sie eine Gymnasial-Empfehlung bekommen. Dann könnten sie auf eines der Gymnasien in Essen. Es muss gar nicht das elitäre Goethe-Gymnasium im Süden sein. „Damit tut man den Kindern meist keinen Gefallen, die werden da ja nicht akzeptiert“, glauben die Anellis. In Altendorf gibt es kein Gymnasium, nur eine riesige Gesamtschule, und die sei so übel wie ihr Ruf. „Die Erfahrung würde ich den Mädchen gerne ersparen“, sagt die Mutter.

Einmal haben sie schon versucht, Altendorf über die Bildungsschiene zu entkommen. Sie hatten Laura an einer katholischen Mädchenschule in einer soliden Gegend angemeldet, 20 Minuten mit der Trambahn. Das hätten sie in Kauf genommen, auch das Schulgeld. Beim Vorstellungsgespräch saßen sie einer feinen Dame im Schottenrock gegenüber, die fragte: „Sie kommen aus Altendorf: Was wollen Sie hier?“ Und prompt führte sich Tochter Laura unmöglich auf. „Das Ganze war eine Katastrophe“, sagt die Mutter.

In der Nacht konnte Verena Anelli nicht schlafen, am nächsten Morgen zog sie die Anmeldung zurück. „Sie hätten hier eh keinen Platz bekommen“, stellte die Direktorin am Telefon klar. Ein Kind aus dem Norden ist halt ein Kind aus dem Norden.

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