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Armut und Reichtum : Essen: Die gespaltene Stadt

Als die Beckers nach Essen gezogen sind, haben sie sich nur Wohnungen und Häuser im Süden angeschaut. Vor allem in Werden, weil Sebastian hier aufgewachsen ist. Eine Wohnung im Norden? Wäre für sie nie in Frage gekommen. Sie kennen die Viertel dort nicht, kennen niemanden, der da wohnt. Oder doch, ein Mensch fällt Sabine Becker ein: „Die Putzfrau unserer Nachbarn kommt aus dem Norden.“ Ansonsten gibt es keine Berührungspunkte.

Wo die Aldi-Brüder ihre Villen hinter hohen Hecken verstecken

In Essen-Werden wohnen weniger Reiche als im angrenzenden Bredeney, wo die Familien der Aldi-Brüder ihre weitläufigen Villen hinter hohen Hecken verstecken, wo der Schuhhändler Deichmann lebt und Berthold Beitz, der betagte Herrscher über den Thyssen-Krupp-Konzern. Dafür hat Werden einen alten Stadtkern mit hübschen Fachwerkhäusern, der ahnen lässt, welche Klientel hier einkauft: Bio-Bäckerei, Fischgeschäft, Kindermode-Boutiquen, eine Käse- und Weinhandlung, eine Chocolateria, mehrere Buchläden, Goldschmieden und Manufactura für die Wellness-Maniküre. Im Straßenbild sieht man viele Ausländer, es sind junge Asiaten mit Geigen- und Cellokästen auf dem Rücken. Sie studieren an der renommierten Folkwang-Universität für Bildende Künste in Werden.

In Altendorf dagegen leben vorwiegend Migranten, Schwarzafrikaner und Kinder türkischer oder italienischer Einwanderer. Hier reiht sich Döner-Bude an Döner-Bude schier endlos die Helenenstraße entlang, dazwischen mal ein Sonnenstudio. Verena Anelli macht das wütend. Sie hat bei der Stadt angerufen, ob man nicht irgendwas gegen die Döner-Buden machen kann. „Es gibt bald kein einziges Geschäft mehr hier, nur Imbiss neben Imbiss, das muss doch das Gewerbeamt verbieten.“ Denn wo keine netten Geschäfte sind, will auch niemand wohnen. Andererseits: Wo keine Kaufkraft ist, hält sich eben auch keine Manufaktur, kein Bio-Bäcker, keine Designer-Boutique. „Altendorf ist wie ein Stigma“, sagt Ciaras Mutter. Allein die Postleitzahl - 45143 - werte die Menschen dieses Stadtteils ab.

Wenn die Polizei kommt, rennen die Drogendealer weg - und die Polizei fährt wieder

Arm fühlt die Familie sich gar nicht. Lorenzo Anelli meint sogar, wenn sie beide arbeiten, „haben wir so viel Geld wie die im Süden“. Nur müssen sie gelegentlich mit weniger klarkommen. Es ist nicht das erste Mal, dass er arbeitslos ist. 2007 hatte Verena Anelli gerade die kleine Ciara entbunden, als Lorenzo arbeitslos wurde. Da hatten sie die Wahl: Entweder Hartz IV (“Das wollten wir auf keinen Fall.“) oder sie geht arbeiten. Also ist sie zurück ins Büro, Vollzeit. 1300 Euro netto, nach Abzug der fixen Kosten wie Miete blieben ihnen 293 Euro. Zu viert. „Das ist nicht viel.“

Verena Anelli ist klein, schmal und ruhig. Man traut es ihr kaum zu, dass sie die Halbstarken, die auf den Autos am Kirchplatz herumlungern, anfährt, was ihnen einfalle, die Wagen zu demolieren. Aber da kennt sie nichts. Sie guckt nicht weg. Aber was soll sie machen?

Sie hat schon oft bei der Polizei angerufen wegen der Drogenhändler. „Ich sage denen: Kommen Sie her, schauen Sie sich das an, wie die Dealer vor unserem Haus ihr Zeug verticken.“ Wenn die Polizei kommt, rennen die Schwarzafrikaner weg. Und die Polizei zieht wieder ab.

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