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Armut und Reichtum : Essen: Die gespaltene Stadt

Eine Viertelstunde Autofahrt, die über das Schicksal entscheidet

Lena zum Beispiel ist auch vier Jahre alt, genau wie Ciara. Auch ihre Familie wohnt direkt neben einer Kirche, einem mächtigen roten Klinkerbau in Essen-Werden. Sie besucht einen evangelischen Kindergarten, der von ihrem Zuhause aus nur über die Straße ist. Ihre Mutter bringt sie morgens hin und holt sie nachmittags wieder ab. Genau wie den Bruder, sechs Jahre alt, der ein paar Meter weiter die Grundschule besucht. Auch Lena ist ein hübsches Mädchen, blondgelockt und wild. Wie Ciara gibt sie gerne den Ton an, und wenn sie mit ihrer Kindergarten-Freundin durchs Haus tobt, dann ist sie glücklich. Wie Ciara.

Auf den ersten Blick unterscheidet sich das Leben der beiden Mädchen kaum: Beide schwimmen und singen gerne, gehen in einen Turnverein - Ciara im Norden. Lena im Essener Süden. Dazwischen liegen fünf Kilometer Luftlinie, eine Viertelstunde Fahrt mit dem Auto, die über das weitere Schicksal entscheiden. Der Soziologe Friedrichs weiß: „Die Chancen, die unsere Gesellschaft bietet, sind für Kinder aus guten Vierteln viel höher als die von Kindern aus schlechten.“ Denn ein schlechtes Wohnviertel führt häufig zu einer schlechten Schulbildung, das zieht eine schlechte Ausbildung nach sich und steigert die Wahrscheinlichkeit späterer Arbeitslosigkeit.

Lenas Vater ist Partner in einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, ihre Mutter gelernte Kinderkrankenschwester. Sabine Becker arbeitet nicht, der Schichtbetrieb im Krankenhaus wäre schwierig mit dem Familienleben zu vereinbaren, weil ihr Mann so oft unterwegs ist und die beiden Kinder noch klein sind. „Wir sind auf ein zweites Gehalt zum Glück nicht angewiesen“, erzählt sie. Deshalb bleibt sie zu Hause und kümmert sich um die Kinder, den Haushalt, die Hausaufgaben, achtet darauf, dass Klavier geübt wird. Das ist Luxus, sie weiß es. Genau wie die Reise auf die Malediven in diesem Jahr. Nebenher macht sie eine Ausbildung zum Klinik-Clown, eine Entscheidung „aus Idealismus“. Wenn die Kinder größer sind, möchte sie als Clown todkranken Kindern etwas geben, „ein paar glückliche Momente“.

Gut leben ohne Frühförder-Bohei

Die Beckers gehören der gehobenen Mittelschicht an. Um die Zukunft ihrer Kinder müssen sie sich keine Sorgen machen, zumindest keine finanziellen. Abitur wäre schön, ein Studium auch. Aber das ist weit entfernt. Noch träumt Erstklässler Benjamin von seiner Karriere als Fußball-Profi oder Sänger. Die Beckers sind keine Neureichen, keine, die ihr Geld zur Schau tragen. Sie leben nicht abgehoben, nur so wie all die Menschen um sie herum, die Lehrer und Psychologen, mit denen sie befreundet sind.

Sie grenzen sich nicht gezielt ab, haben den Sohn auf der öffentlichen Schule in Werden eingeschult, nicht auf einer der nachgefragten Privatschulen dort. Die Becker-Kinder lernen weder Englisch noch Chinesisch, den ganzen Frühförder-Bohei machen die Eltern nicht mit. „Man muss gucken, dass man nicht in diesen Strudel gerät, dass die Kinder alles machen müssen - Klavier und Tanzen und Kanupolo und so weiter“, meint die Krankenschwester.

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