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Armenbegräbnisse : Ruhe sanft und billig

In langer Reihe und bald vergessen: Urnengräber in Frankfurt Bild: Christoph Schäfer

Jedes Jahr werden Zehntausende Arme auf Staatskosten beerdigt. Der Übergang zwischen Sparsamkeit und Würdelosigkeit ist dabei fließend.

          Herr Glöckner ist tot. Aber es interessiert niemanden. Nur sein Totengräber ist da, um ihn zu beerdigen. Ansonsten niemand. Weder Ehefrau noch Kinder, weder Eltern noch Freunde, weder Bekannte noch ein Priester sind an diesem kalten Novembermorgen zur Trauerhalle auf dem Frankfurter Parkfriedhof Heiligenstock gekommen. Die Beerdigung beginnt um 10 Uhr. Totengräber Francesco Russo wartet ein paar Minuten, ob nicht doch noch jemand kommt.

          Christoph Schäfer

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Um 10.05 Uhr gibt er die Hoffnung auf und marschiert los. Russo trägt einen schwarzen Anzug, die Urne hält er in der Hand, sie ist mit einem lila Tuch aus Samt verhüllt. Um 10.12 Uhr hat Russo das Grab erreicht. Der Totengräber klemmt seinen Hut unter den Arm, zieht das Tuch von der Urne und legt es ins Gras. Sekunden später lässt er die sterblichen Überreste an einer schwarzen Schnur in das vorbereitete Erdloch hinab. Russo verbeugt sich tief, hält anschließend aber nicht inne. Mit einer roten, am unteren Ende rostigen Schaufel schüttet er das Erdloch in weniger als zwei Minuten zu.

          Russo stellt die Schaufel ab und steckt ein kleines Kreuz aus Fichtenholz in den gerade aufgeschütteten Erdhaufen. Ein letzter professioneller Blick, dann nimmt der Totengräber das Samttuch wieder auf und geht zurück zur Trauerhalle. Ein Gebet wird nicht gesprochen, auch ein stiller letzter Gruß bleibt aus. Es ist 10.17 Uhr, die Beerdigung ist vorbei.

          Jährlich Zehntausende Armenbegräbnisse

          „Es ist wirklich traurig“, sagt der Totengräber später. „Einfach Urne rein und tschüss.“ Gebetet habe er nicht, weil er die Konfession des Verstorbenen nicht kenne. „Und es ist schwer, um jemanden zu trauern, den man nicht kennt.“ Ein gutes Gefühl hat Russo trotzdem nicht: „Wenn meine Beerdigung auch so abliefe, das wäre schon bitter.“

          Der verstorbene Jürgen Glöckner ist einer von Zehntausenden armen Menschen, die jedes Jahr auf Kosten der Sozial- und Ordnungsämter beerdigt werden. Allerdings werden die Toten nicht gleich behandelt. Die Behörden unterscheiden zwei Möglichkeiten: Wenn der Verstorbene noch Verwandte hat, diese aber auch arm sind, übernimmt das Sozialamt auf Antrag die Kosten der Beisetzung. Dann gibt es eine sogenannte Sozialbestattung. Wenn die Behörden keinen Verwandten mehr ermitteln können und sich auch sonst niemand kümmert, verfügen sie eine „ordnungsbehördliche Bestattung“.

          Knapp 56 Millionen Euro für Sozialbestattungen

          Wie viele Verstorbene genau auf Staatskosten begraben werden, lässt sich nicht sagen. Das Statistische Bundesamt erhebt lediglich, wie vielen Menschen das Sozialamt Geld für eine Beerdigung gegeben hat. Die Zahl der Bestatteten dürfte etwas geringer sein. Völlig eindeutig ist hingegen die Entwicklung: Seit die gesetzlichen Krankenkassen 2004 das Sterbegeld aus ihrem Leistungskatalog gestrichen haben, steigen die Zahlen rasant an. Im Jahr 2005 halfen die Behörden 7695 Angehörigen mit einer Sozialbestattung aus. Sechs Jahre später hat sich die Zahl auf 23032 verdreifacht.

          Knapp 56 Millionen Euro gaben die Kommunen dafür aus. Wie viele Menschen auf Anordnung der Ordnungsämter beigesetzt werden, wird nicht zentral erfasst. Die jeweils zuständigen Kommunen geben die Zahlen zudem nur widerwillig oder gar nicht bekannt. In einer Diplomarbeit von 2010 werden für die Städte Köln, Hannover und München insgesamt 1380 ordnungsbehördliche Beerdigungen im Jahr ausgewiesen. Nach übereinstimmenden Angaben von Bestattern sind es in der Armen-Hochburg Berlin etwa 2500 im Jahr.

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