https://www.faz.net/-gqg-7zczu

Armut in Deutschland : Was die Zahl „3,1 Millionen“ über Armutslöhne sagt

Auch eine Frage der Interpretation: Wer in Deutschland arm ist, bleibt umstritten. Bild: Your_Photo_Today

Werden etwa immer mehr Erwerbstätige arm? Nein – denn die zuletzt verbreitete Zahl führt in die Irre. In Wahrheit werden mehr Arme erwerbstätig.

          3 Min.

          Die Linkspartei verbreitete kürzlich unter Berufung auf das Statistische Bundesamt eine verblüffende Zahl: Insgesamt 3,1 Millionen Erwerbstätige in Deutschland seien arm, glatte 25 Prozent mehr als noch im Jahr 2008. Das hätten die amtlichen Statistiker in einer Sonderauswertung so festgestellt – und damit indirekt die Forderung der Linkspartei nach sofortiger Erhöhung des Mindestlohns bestätigt.

          Dietrich Creutzburg

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Verblüffend ist die Feststellung unter anderem, weil die amtliche Statistik den deutschen Arbeitnehmern seit fünf Jahren zugleich stets ordentliche Reallohnsteigerungen bescheinigt. Überdies hat das Institut für Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen festgestellt, dass der Anteil der Erwerbstätigen mit Stundenlöhnen unter 8,50 Euro seit 2008 um gut 2 Prozentpunkte auf 19 Prozent gesunken sei.

          Tatsächlich verschickt das Statistische Bundesamt auf Anfrage eine Zahlenreihe, aus der sich für 2013 eine Zahl von 3,1 Millionen Erwerbstätigen mit Einkommen unter der sogenannten Armutsgefährdungsschwelle ableiten lässt; und für 2008 gelangt man damit tatsächlich zu einer Vergleichszahl von 2,5 Millionen armutsgefährdeten Erwerbstätigen. Ihr Anteil an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen hat sich in dem Zeitraum von 7,1 Prozent auf 8,6 Prozent erhöht. Als armutsgefährdet gelten dabei Haushalte, deren Einkommen weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens (des Medianwerts) für die betrachtete Gesamtheit beträgt.

          Armut beginnt unter 12 Euro die Stunde

          Die auch aus Sicht der Statistiker nicht ganz triviale Frage ist aber, was diese mit der Europäischen Haushaltsbefragung „EU-SILC“ gewonnenen Zahlen eigentlich über Arbeitslöhne aussagen. Dass sie unmittelbar eine fortschreitende Verarmung der Arbeitnehmer anzeigen, weist das Bundesamt auf Anfrage jedenfalls zurück.

          Das liegt vor allem daran, dass die Befragung in erster Linie die Einkommenssituation von Haushalten beleuchten soll und nicht die Löhne einzelner Erwerbstätiger. Für das Berichtsjahr 2013, die jüngste Erhebung, wurden hierzulande 14.000 Haushalte danach befragt, was sie im Jahr 2012 an Einkommen hatten.

          So könnte es theoretisch dazukommen, dass ein Arbeitnehmer als armutsgefährdet gilt, wenn er einen Bruttolohn von bis zu 2056 Euro im Monat erzielt – mit 40-Stunden-Woche wären das 12 Euro je Stunde, mit 35-Stunden-Woche 13,50 Euro. Denn bei diesem Einkommen lag nach „EU-SILC“ im Berichtsjahr 2013 die statistische Armutsgefährdungsschwelle für Familien mit zwei Kindern. Für eine sechsköpfige Familie liegt diese bei 2648 Euro, für eine alleinlebende Einzelperson bei 979 Euro.

          Ausbildung ist keine Erwerbstätigkeit

          Mit dem Status „erwerbstätig“ wird in dieser Befragung allerdings auch nicht erfasst, ob die befragten Haushaltsmitglieder Vollzeit oder Teilzeit arbeiten. Überdies folgt die Messung von Erwerbstätigkeit in der Befragung nicht den üblichen Standards: Anstelle objektiver Kriterien kommt es auf die Selbsteinschätzung an. So könnten sich hier auch etwa Lehrlinge als erwerbstätig einstufen, weil sie von ihrem Betrieb vergütet werden. Nach der normalen Definition der Internationalen Arbeitsorganisation ist Ausbildung aber keine Erwerbstätigkeit.

          Das zeigt zunächst, dass „EU-SILC“ keine sehr genauen Daten über Löhne liefern kann. Es ändert aber noch nichts daran, dass diese Messung Hinweise auf eine im Zeitverlauf gestiegene Zahl an armutsgefährdeten Erwerbstätigen liefert. Allerdings kann das bei näherem Hinsehen sehr vielfältige Ursachen haben.

          So wird schon die insgesamt gestiegene Erwerbstätigkeit dazu geführt haben, dass auch die Zahl der armutsgefährdeten Haushalte mit Erwerbstätigen gestiegen ist. Umgekehrt jedenfalls ging nach derselben Messung die Zahl der armutsgefährdeten Arbeitslosen um gut 10 Prozent auf 2 Millionen zurück. Und zugleich stieg die Gesamtzahl der Teilzeitbeschäftigten um knapp 7 Prozent auf 7,8 Millionen an.

          Scheidungen lassen Armutsrisiko steigen

          Daneben spielen veränderte Familienverhältnisse eine Rolle: Da die statistische Armutsschwelle für Haushalte aus zwei Erwachsenen nur das 1,5-Fache der Schwelle für die Einzelperson beträgt (1468 statt 979 Euro), kommen zusammenlebende Paare leichter darüber hinaus. Falls beide arbeiten gehen, müssen sie jeweils nur 734 Euro nach Hause bringen, um nicht als armutsgefährdet zu gelten.

          Allein seit 2008 ist aber die Zahl der Ein-Personen-Haushalte in Deutschland um etwa eine halbe Million oder 3 Prozent gestiegen. Und wo Ehen in die Brüche gehen, wo aus Partnern mit Kindern Alleinerziehende werden, steigt das statistische Armutsrisiko erst recht.

          Daneben zeigen andere Untersuchungen interessante Unterschiede zwischen statistisch gemessener und subjektiv empfundener Armut auf. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung und das Wissenschaftszentrum Berlin haben dies einmal im Auftrag des Bundesarbeitsministeriums näher untersucht.

          Armut ist politisches Konstrukt

          Ergebnis: Von den Erwerbstätigen, deren gemessenes Einkommen unterhalb der statistischen Armutsschwelle lag, empfanden sich weniger als 40 Prozent tatsächlich auch subjektiv als arm. Und unter jungen Menschen, ob Lehrlinge oder Studenten mit Nebenjobs, waren es noch deutlich weniger. Zuweilen ist Armut also offenbar ein statistisch-politisches Konstrukt.

          Selbst wenn man die subjektive Seite außen vor lässt und sich allein auf die von der Linkspartei genutzte amtliche Zahlenreihe stützt, lässt sich freilich auch diese völlig anders interpretieren, wie Holger Schäfer von Institut der deutschen Wirtschaft deutlich macht: Bezogen auf die Gesamtbevölkerung, ist damit die Quote der armutsgefährdeten Erwerbstätigen seit 2008 zwar um 0,9 Prozentpunkte auf 4,2 Prozent gestiegen – die Quote der nichtarmutsgefährdeten Erwerbstätigen stieg jedoch zugleich sogar um 1,1 Prozentpunkte auf 44,9 Prozent. Eindeutig rückläufig war auf jeden Fall Anteil derer, die gar keine Erwerbsarbeit hatten.

          Weitere Themen

          Bis zu 6300 Euro Entschädigung für VW-Kunden Video-Seite öffnen

          Dieselskandal : Bis zu 6300 Euro Entschädigung für VW-Kunden

          Die Einigung von VW und Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) im Dieselstreit sieht auch weiterhin ein Vergleichsangebot in Höhe von 830 Millionen Euro vor. Kunden, die sich in das Klageregister eingetragen haben, bietet VW eine Einmalzahlung an.

          Topmeldungen

          An der Börse fallen die Kurse auf breiter Front.

          Neue Wirtschaftswelt : Jenseits des Virus

          Die Menschen müssen lernen, sich in einer Welt mit niedrigem Wachstum, niedriger Inflation und niedrigen Zinsen zurecht zu finden – ganz unabhängig vom Coronavirus.
          Infektionsherd? Das Uni-Klinikum Eppendorf in Hamburg

          Coronavirus : Man kann nicht vorsichtig genug sein

          Die Deutschen decken sich mit Lebensmitteln ein – aus Sorge, dass sie in Quarantäne müssen. Auch die Bahn und die Bundeswehr bereiten sich auf eine mögliche Epidemie vor.
          Futuristisch und von Samstag an kostenlos nutzbar: eine Straßenbahn in Luxemburg

          Luxenburg : Erstes Land der Welt führt kostenlosen ÖPNV ein

          Wer von morgen an in Luxemburg in einen Bus oder eine Bahn steigt, muss nichts mehr zahlen. Das kleine Großherzogtum will damit Vorreiter bei der Verkehrswende werden. Kostenpunkt: 41 Millionen Euro im Jahr.
          Die Berliner Krzysztof Piatek (links) und Dodi Lukebakio im Zweikampf mit Düsseldorfs Adam Bodzek

          3:3 in Düsseldorf : Hertha holt Punkt bei der Fortuna

          Mit drei Toren liegt Hertha zur Pause in Düsseldorf zurück. Doch in einer wilden Schlussphase holt Berlin den Rückstand auf – und hat sogar noch die Chance auf den Siegtreffer.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.