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Arbeitsmarkt-Check : Hat die Agenda 2010 Beschäftigung gebracht?

Bild: ddp

Trotz der Agenda 2010 arbeiten die Deutschen heute nicht mehr als früher - so heißt es. Die Zahl der Arbeitsstunden bleibe gleich. Also sei die Arbeit nur schlechter bezahlt. Doch so ist es nicht.

          Eine Woche der Agenda-2010-Feierlichkeiten ist vorbei. Angesichts der Emphase, mit der Schwarz-Gelb das zehnjährige Jubiläum der Reformen begeht und Rot-Grün deutlich auf Distanz geht, muss für Zeitgenossen, die das Jahr 2003 auf einem anderen Stern verbracht haben, der Eindruck entstehen, Gerhard Schröder müsse ein erfolgreicher CDU-Kanzler gewesen sein.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Bis heute tobt Streit darüber, ob die von Schröder durchgesetzten Reformen des Arbeitsmarktes das Land in die Hölle schlimmster Ungleichheit oder in das Paradies ungeahnter Vollbeschäftigung geführt haben. Ein spezielles Argument der Agenda-Skeptiker hält sich besonders hartnäckig (nicht zuletzt, weil es unmittelbar plausibel klingt): Die Halbierung der Arbeitslosigkeit auf inzwischen 3,1 Millionen Menschen sei in Wirklichkeit eine Scheinblüte. Denn die Gesamtzahl der geleisteten Arbeitsstunden habe sich nicht vergrößert. Mithin sei der heutige Zustand sogar schlechter als vor zehn Jahren: Denn es gibt nicht mehr Arbeit, es gibt nur schlechter bezahlte Arbeit.

          Was heißt hier „kaum gewachsen“?

          „Gesamtwirtschaftlich fand eine Umverteilung der Arbeit auf eine deutlich größere Anzahl von Erwerbstätigen durch Arbeitszeitverkürzungen statt“, meckert Gustav Horn, Chef des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunktur (IMK). Nach der IMK-Analyse sind bei kaum gewachsenem Arbeitsvolumen aktuell nur deshalb mehr Menschen in Arbeit, weil die Vollzeitbeschäftigung zurückging und Teilzeitstellen und selbständige Tätigkeiten zunahmen.

          Doch was heißt hier „kaum gewachsen“? Die neuesten Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg geben für eine derart negative Analyse keine Grundlage. Seit 2003 hat sich die Zahl der Beschäftigten hierzulande um 6,9 Prozent auf die Rekordzahl von 41,6 Millionen Menschen erhöht. Aber auch das Arbeitsvolumen verbesserte sich immerhin um vier Prozent auf 58,1 Milliarden Stunden.

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          Das bedeutet, dass von den Unternehmen insgesamt mehr Arbeit nachgefragt wird (insbesondere seit dem Jahr 2009 nach dem abrupten Ende der Krise). Mehr noch: Die 58,1 Milliarden Arbeitsstunden sind nach IAB-Angaben der höchste Stand seit dem Jahr 1994 - damals herrschte der Eindruck vor, der Weg in die Massenarbeitslosigkeit sei unumkehrbar. Das Gegenteil ist jetzt bewiesen. Zieht man gängige OECD-Zahlen heran und vergleicht das Jahr 2011 mit 56,1 Milliarden Stunden (neuere Daten gibt es von der OECD nicht) mit dem Agenda-Jahr 2003, so beträgt die Steigerung des Arbeitsvolumens sogar 10,3 Prozent, wie Hilmar Schneider, Direktor am Bonner „Institut zur Zukunft der Arbeit“, vorrechnet.

          Das wird die Kritiker freilich nicht besänftigen. Denn wahr bleibt gleichwohl: Der Beschäftigungsaufbau wurde überproportional mit Teilzeitstellen erreicht - und dort finden sich zumeist Frauen. Besser bezahlte Arbeitnehmer haben ihre Arbeitszeiten weniger stark zurückgefahren als weniger gut entlohnte Arbeitnehmerinnen. Der Trend zu ungleich langen Arbeitszeiten nimmt zu.

          Ist das schlimm? „Ungleich lange Arbeitszeiten sind Ausdruck einer Individualisierung der Arbeitswelt“, sagt der Würzburger Ökonom Norbert Berthold. Teilzeitarbeit ermöglicht die beste Work-Life-Balance. Ist es nicht schön, dass das männliche Normalarbeitsverhältnis von gestern ist? Waren nicht auch die Gewerkschaften stets für kürzere Arbeitszeiten (allerdings bei Vollzeitlöhnen)?

          Die Kritiker kontern: „Viele Frauen würden gerne länger arbeiten, ließe man sie nur“, sagt Susanne Wanger vom IAB. Mit Teilzeitarbeit lassen sich zwar Kinder und Berufswünsche unter einen Hut bringen. Der Preis dafür sind indessen Einkommensverluste und der Verzicht auf Karriere. Das Unbehagen daran wird gerne (und zuweilen auch zu Recht) auf die „Verhältnisse“ projiziert, die ein wunschgemäßes Leben nicht zulassen. Das ändert aber nichts daran, dass die Agenda 2010 das Volumen der Beschäftigung vergrößert und nicht nur auf mehr Köpfe verteilt hat.

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