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Armut in Hongkong : Der Käfig als letztes Zuhause

Kostbarer Quadratmeter: Für die Käfigwohnungen werden horrende Mieten verlangt Bild: AFP

In Hongkong, einer der reichsten Städte Chinas, leben 130.000 Menschen in Drahtverschlägen oder Metallkäfigen, weil selbst die kleinste Wohnung zu teuer für sie ist - und es werden immer mehr.

          Wenn Ching geht, ist endlich etwas mehr Platz. Dann können seine Frau und die drei Töchter sich auf die beiden Pritschen aufteilen und schlafen. Ching arbeitet über Nacht und putzt Kühlhäuser. Kommt er am Morgen zurück, gehen Heng, To und Yee in die Schule. Und er kann auf dem noch warmen Bett ruhen. Das Doppelstockbett, ein paar Kleider, einen Ventilator, ein bisschen Plastikgeschirr - das ist alles, was die Familie hat. Die fünf leben in einem Verschlag von knapp vier Quadratmetern mitten im alten Geschäftsviertel von Hongkong. Sie sind arm. „Arm zu sein in einer reichen Stadt ist schwer“, sagt der 55 Jahre alte Ching.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Was Familie Ching durchlebt, ist in Hongkong nicht unüblich. „Wir schätzen, dass hier 130.000 Menschen in Verschlägen und Käfigen hausen“, sagt Sze Lai Shan. Sie organisiert die Sozialarbeit der Gesellschaft für die Arbeit in der Gemeinde (Soco). Dahinter verbirgt sich vor allem die Betreuung der „Käfigmenschen“: Weil Wohnraum in Hongkong fast unbezahlbar ist, können sich viele der Armen nicht mehr leisten als einen Holzverschlag oder einen Metallkäfig. In ihm schlafen sie, in ihm bewahren sie ihre Habseligkeiten auf, hier verdösen sie ihre Tage. „Es ist ein menschenunwürdiges Dasein ohne Perspektive“, sagt Sze.

          Zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig

          Während in den Geschäftszentren von Kowloon und Central jedes weitere Hochhaus gefeiert wird wie die Neuerfindung des Kapitalismus, versinkt eine wachsende Zahl der Hongkonger im Elend. Rund 1,3 Millionen der gut acht Millionen Einwohner der selbsternannten „Weltstadt Asiens“ schlägt sich unterhalb der Armutsgrenze durch. „Sie müssen mit weniger als 5000 Hongkong-Dollar im Monat auskommen“, sagt Sze. Das sind umgerechnet 453 Euro - zu viel zum Sterben, zu wenig zum Leben in einer Stadt, in der ein Liter Milch umgerechnet fast vier Euro kostet. Zu den „Käfigmenschen“ zählen auch mehr als 20.000 Kinder.

          Bis zur Decke stapeln sich die Metallverschläge - jeder Zentimeter wird von den Vermietern gnadenlos ausgenutzt

          Am schmalen Treppenhaus in der Pei-Ho-Straße hängen Dutzende Zettel: „Ein Bett für eine Nacht: 39 Hongkong-Dollar, ein Raum 78 Hongkong-Dollar.“ „Ein Raum“, das heißt hier: ein Verschlag aus Brettern und Pappe; vier von ihnen werden in das Zimmer einer Wohnung gequetscht. Einen solchen Verschlag mietet die Familie Ching dauerhaft. Neben dem Doppelstockbett bleibt ihr noch ein Streifen von 70 Zentimetern als privater Lebensraum. Ein Fenster oder gar eine Klimaanlage gibt es nicht. Hongkong aber ist in diesen Tagen 35 Grad heiß, die Luftfeuchtigkeit liegt bei 90 Prozent.

          „Dass ich so enden würde, hätte ich nicht erwartet“

          In der verkommenen Wohnung hausen insgesamt zwölf Mieter - keiner ist mit dem anderen verwandt. Die Chings sind die Einzigen mit Kindern. Unter der Decke im Flur ist ein Holzkäfig angeschraubt - auch dies das „Zimmer“ eines Mieters. Es riecht nach Mottenkugeln und Desinfektionsmittel. Die Nachbarn der Chings zur Linken und zur Rechten, getrennt nur durch eine dünne Sperrholzwand, sind zwei alte Männer. Wenn sie nachts husten, wachen Heng, To und Yee auf. „Mein größter Wunsch ist es, hier auszuziehen“, sagt Herr Ching.

          Dabei könnte es noch viel schlimmer kommen. Ein paar Straßen weiter liegt ein ähnliches Wohnhaus, eine ähnlich heruntergekommene Wohnung, aufgeteilt in Käfigzimmer von je zwei Quadratmetern. Durch eine Luke mit Schiebetür quetschen sich die Bewohner hinein. Von innen hängen sie ihre Wäsche an den Draht, um sich ein wenig abzuschirmen. Die oberen Käfige sind billiger, denn darin kann man nur liegen. Ein alter Mann döst hier vor sich hin. „Ich bin zu alt, um noch Arbeit zu finden. Dass ich so enden würde, hätte ich nicht erwartet“, sagt er.

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