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Argentinien : Gauchos, gebt mir mein Geld zurück!

Schlechte Stimmung in Argentinien: Von den Gauchos gibt es kein Geld zurück Bild: AP

Argentinien zahlt nicht. Mal wieder. Tausende Deutsche haben dort schon viel Geld verloren. Die Leidensgeschichte eines F.A.Z.-Redakteurs.

          Wenn eines nicht mehr zu ertragen ist, dann das Gejammere von dieser Regierungsclique in Buenos Aires: Heul doch, Argentina! Schulden aufnehmen, nicht zurückzahlen und dann trotzig, in geradezu Middelhoffscher Weise, auf die ungerechte Welt da draußen zu schimpfen – damit müsst ihr uns, euren Opfern, nicht mehr kommen.  Milliarden haben Anleger mit Euch verloren. Nichts wollen wir mehr hören von Sprüchen wie: „Wir sind doch gar nicht pleite.“ Doch, Argentinien, genau so sieht es aus: „Default“ lautet das Urteil der Ratingagentur.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wenn Oma das noch erlebt hätte! 50.000 Euro hat sie der Enkelin, meiner werten Gattin, seinerzeit vermacht. Und wo steckt die das Geld hin, das junge Ding? Nach Argentinien. Genau, in das Land der stolzen Gauchos, die herzzerreißend Tango tanzen - und es mit den Finanzen nicht so genau nehmen. Omas Geld ist weg. Zumindest fast. 40.000 von 50.000 Euro. Die Anleihe notierte bei 20 Prozent, als wir die Nerven verloren und die Verluste realisiert haben, als die Staatspleite vor gut zehn Jahren offiziell erklärt wurde:  Zum Heulen!

          Die Spätfolgen verfolgen uns bis heute: Ab und an fragen wir uns, ob wir hätten hart bleiben sollen, ebenso die Gerichte in New York und sonst wo anrufen sollen gegen die Bande in Buenos Aires: Jedes Argentinien-Opfer hat jedenfalls unsere Solidarität, selbst die Hedgefonds-Hasardeure vom Schlage eines Paul Elliott Singer.

          Womöglich hat der sogar unsere Papiere damals gekauft, so genau weiß man das ja nicht an der Börse. In unserer Ehe wirkt das Thema jedenfalls bis heute nach: Der kleinste finanzielle Zwist (Wie viel Taschengeld bekommt eine Zehnjährige?) reicht, schon wird meine ökonomische Kompetenz innerfamiliär angezweifelt: „Du hattest damals die Idee mit Argentinien!“


          Argentiniens Schulden-Chronik


            23.12.2001: Argentiniens siebte Pleite

            Argentinien erklärt sich zahlungsunfähig. Die Staatspleite über 102 Milliarden Dollar ist die bislang größte der zeitgenössischen Geschichte und die siebte in Argentiniens Geschichte seit der Unabhängigkeit. Die vorangegangenen waren in den Jahren 1827, 1890, 1951, 1956, 1982 und 1989.

            3.3.2005: Die erste Umschuldung

            Gläubiger in Besitz von 76 Prozent der ausstehenden Schuld nehmen einen Kapitalschnitt an. Sie verzichten auf rund zwei Drittel ihrer Forderungen.

            3.1.2006: Der IWF bekommt sein ganzes Geld

            Argentinien zahlt vorzeitig den gesamten Betrag der Anleihen des Internationalen Währungsfonds (IWF) zurück: 9,5 Milliarden Dollar.

            2.9.2008: Argentinien verspricht den Staaten Geld

            Argentinien erklärt sich bereit, die Milliardenschulden an die staatlichen Gläubiger («Pariser Club») zurückzuzahlen. Die Ankündigung versandet in der globalen Finanzkrise.

            ab Oktober 2012: Argentinien muss an Hedgefonds zahlen

            Der New Yorker Richter Thomas Griesa verurteilt Argentinien, bis zum 15. Dezember 1,3 Milliarden Dollar an die Hedgefonds NML Capital und Aurelius zu zahlen – für Anleihen, die nicht in die Umschuldungen eingegangen waren. Der Fall geht durch mehrere Instanzen bis in den August 2013.
            Korrektur: Das erste Urteil fiel im Oktober, nicht November. Dank für den Hinweis an Arne Kuster!

            29.5.2014: Die Staaten bekommen ihr Geld - bald

            Argentinien einigt sich mit dem Pariser Club, in dem sich die staatlichen Gläubiger zusammengeschlossen haben, über die Rückzahlung von 9,7 Milliarden Dollar Schulden. Danach sollen die gesamten Rückstände innerhalb von fünf Jahren ausgeglichen werden.

            16.6.2014: Argentinien verliert die Berufung gegen die Hedgefonds

            Der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten weist einen Berufungsantrag Argentiniens ab. Damit steht das Urteil von Thomas Griesa. Es geht um Titel über 1,3 Milliarden Dollar, die sich größtenteils in Händen von Hedgefonds befinden. Gleichzeitig bestimmt der Richter Thomas Griesa, dass die von Argentinien mit Schuldenzahlungen beauftragte Bank of New York und andere Intermediäre keine Zahlungen an andere Gläubiger leisten dürfen, solange die Ansprüche der Kläger nicht bedient sind. Die argentinische Regierung fürchtet eine Klausel der umgeschuldeten Anleihen, wonach Argentinien jedes bessere Angebot an einen Altgläubiger auf alle schon umgeschuldeten Anleihen ausdehnen müsste. Daraus könnten neue Forderungen in Milliardenhöhe entstehen.

            30.6.2014: Argentinien versucht, an die anderen Gläubiger zu zahlen

            Argentinien hinterlegt 832 Millionen Dollar, um zum Monatsende fristgerecht den Schuldendienst auf umgeschuldete Auslandsanleihen leisten zu können. Gemäß dem Urteil vom 16.6.2014 werden diese Zahlungen durch das Gericht blockiert. Argentinien hat nun eine Frist von 30 Tagen, um in Verhandlungen mit den Hedgefonds und dem Gericht eine Freigabe der Zahlungen zu erreichen. Sonst tritt laut den Anleiheverträgen der Zahlungsausfall ein.

            29./30.7.2014: Verhandlungen scheitern

            Die Parteien verhandeln stundenlang, um den drohenden Zahlungsausfall doch noch verhindern zu können. Einige argentinische Banken sind eventuell bereit, die Ansprüche der Hedgefonds abzusichern. Diese Hoffnung zerschlägt sich. Auch eine Gruppe von europäischen Großanlegern signalisiert Bereitschaft, auf die Nachbesserungsklausel zu verzichten. Die Verhandlungen scheitern. Die amerikanische Ratingagentur Standard & Poor’s stuft die Kreditwürdigkeit von Argentinien auf das Niveau eines „teilweisen Zahlungsausfalls“ herab.


          Damit ist die Debatte aus, ich bin raus. Dabei war ich es nicht alleine. Eine Teilschuld gebe ich der örtlichen Sparkasse. Ich erinnere mich genau, es war ein herrlicher Sonnentag, als wir in die Münchner Filiale spaziert sind und die verhängnisvolle Freundschaft mit den „emerging markets“ schlossen. Sieben Prozent Zins, Kurs 97 Prozent, Laufzeit vier Jahre. „Nicht der Hit, aber besser als Schatzbriefe,“ flötete die Frau am Schalter – „und sicher“. Das hört man gerne.

          Ein kurzer Anflug von Skepsis befiel uns, als auf einem Formular die erfolgte Aufklärung zu bestätigen war: „Wegen des Risikos“, erläuterte die Bankangestellte. Risiko? Welches Risiko? „Reine Formsache, Schuldner ist die Republik Argentinien.“ Und ein Staat kann nicht pleite gehen – höchstens theoretisch. So hat man damals tatsächlich geredet, Griechenland war noch weit. Argentinien pleite? Im Leben nicht.

          „Das ist doch keine Russen-Republik“, sagte die Frau von der Sparkasse: Evita! Saftige Steaks von unendlichen Weiden! Eine gesunde Volkswirtschaft! Musterschüler des IWF! Da brennt nichts an. „Sonst wäre die Risikoprämie viel höher“, sagte die Frau von der Sparkasse. Wenige Monate später war das Land pleite. Und eine junge Erbin in München hat begriffen: Es kann verdammt ungemütlich werden im Strudel der globalen Finanzströme (aus denen sich Oma immer herausgehalten hatte).

          „Korrupte Gauchos“, so hieß es damals es auf der Homepage der „Interessengemeinschaft Argentinien“, haben das Geld verjubelt und werden dafür von Globalisierungskritikern noch als Opfer raffgieriger Spekulanten gefeiert – bis heute. Schuld an Argentiniens Misere, wettern die Dritte-Welt-Freunde, habe das böse Kapital - und meinen damit Omas Erbe und diesen Herrn Singer. Das schmerzt die Enkelin.

          Ein ruinöser Spekulant, ein unbeugsamer Richter und eine angriffslustige Staatspräsidentin - das sind die Hauptakteure in dem ebenso spannenden wie komplizierten Drama um Argentiniens Schulden. Bilderstrecke

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