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Arcandor-Insolvenz : Merkel schimpft über Millionen für Eick

  • -Aktualisiert am

Eick über Eick: Ich bin nicht gierig, aber auch nicht blöd Bild: dpa

Für Merkels Verhältnisse waren es ungewöhnlich deutliche Worte: „Absolut kein Verständnis“ habe sie für die Zahlung von 15 Millionen Euro an Arcandor-Chef Eick, die er trotz der heute offiziell eröffneten Insolvenz erhalten soll. Derweil teilte Arcandor mit, dass Eick das Unternehmen verlässt.

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          Das Verfahren über die größte Insolvenz in der Nachkriegszeit ist jetzt formell eröffnet. Damit übernimmt der bisherige vorläufige Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg offiziell das Ruder in der Essener Arcandor-Zentrale. Wie erwartet hat Karl-Gerhard Eick, seit März Vorstandsvorsitzender des in Schieflage geratenen Handels- und Touristikkonzerns, am Dienstag seinen Rückzug bekanntgegeben.

          Seine Gehaltszahlung von bis zu 15 Millionen Euro bleibt aber heftig umstritten. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich inzwischen in die Diskussion eingeschaltet. „Dafür habe ich absolut kein Verständnis“, sagte sie im Bayerischen Rundfunk und spielte damit vor allem auf die vollen Bezüge bei nur sechsmonatiger Amtszeit an. Das Bankhaus Sal. Oppenheim hatte dem ehemaligen Finanzvorstand der Deutschen Telekom zu seinem Amtsantritt auch im Fall einer Insolvenz von Arcandor einen Fünfjahresvertrag garantiert. Eick hat sich unterdessen entschlossen, ein Drittel seiner endgültigen Gehaltssumme zur sozialen Abfederung von Insolvenzfolgen für Mitarbeiter im Konzern in einen Fonds zu geben.

          Mit Eick beenden auch Finanzvorstand Rüdiger Günther sowie die Vorstände Stefan Herzberg (Karstadt), Manny Fontenla-Novoa (Touristik), Arnold Mattschull (Zentraleinkauf) und Zvezdana Seeger (Restrukturierung) ihre Tätigkeit für das Unternehmen. Lediglich der für den Versandhandel zuständige stellvertretende Vorstandsvorsitzende Marc Sommer bleibt an Bord. Insgesamt mussten sich die Essener Amtsrichter in dieser höchst komplexen Unternehmensinsolvenz mit mehr als 40 Einzelanträgen befassen. Als neuer Chef des nun vor der Zerschlagung stehenden Konzerns wird Görg nun zügig plausible Sanierungskonzepte vor allem für die beiden Unternehmen Karstadt und Quelle umsetzen. Die Zeit drängt, denn die Konzepte sollen vom 9. bis 11. November Gläubigerversammlungen in der Essener Gruga-Halle zur Abstimmung vorgelegt werden.

          Er leitet Arcandor jetzt allein: Insolvenzverwalter Görg

          Sanierung für Quelle wird heftig ausfallen

          Bei dem Kaufhausunternehmen Karstadt werden nach Angaben von Görg die Gespräche mit Dienstleistern, Lieferanten, Vermietern und Arbeitnehmervertretern über deren Sanierungsbeiträge mit Hochdruck fortgesetzt. Diese Beiträge sind wesentliche Eckpunkte des Insolvenzplans. Nachdem der im vergangenen Herbst geschlossene Zukunftspakt mit dem Insolvenzantrag vor drei Monaten zunächst ausgesetzt wurde, steht eine Lohnkürzung von rund 20 Prozent im Raum. Eine abermalige finanzielle Beteiligung der Karstadt-Beschäftigen zur Sanierung lehnte die stellvertretende Verdi-Vorsitzende Margret Mönig-Raane am Dienstag indes zunächst ab. „Spenden ersetzen kein zukunftsfähiges Geschäftsmodell“, sagte sie in Berlin. Görg hat die Investmentbank Merrill Lynch damit beauftragt, ein geregeltes Bieterverfahren zu organisieren. Nach bisheriger Analyse droht 19 der 126 Waren- und Sporthäuser die Schließung.

          Noch heftiger wird die Sanierung für den Fürther Versandhändler Quelle ausfallen. Nach aktuellen Plänen sollen rund 3700 Arbeitsplätze gestrichen werden - das ist jede dritte Stelle. An der Finanzierung einer Beschäftigungsgesellschaft wird intensiv gearbeitet. Höchste Priorität haben die Gespräche mit den Banken über die Anschlussfinanzierung des schwer angeschlagenen Versandhändlers. Görg erwartet bis zum 9. September einen positiven Abschluss. Die Investorensuche für den Versandhandel organisiert das Bankhaus Metzler. Der Insolvenzverwalter hofft, dass mögliche Interessenten noch vor der Gläubigerversammlung die Wirtschaftlichkeitsprüfung für die Gruppe abschließen können. Die Mehrzahl der rund 100 Mitarbeiter in der Zentrale wird nach seinen Worten vorerst noch für die Abwicklung des Verfahrens benötigt.

          Eick hält die Kritik an seinem Vergütungspaket für nicht gerechtfertigt. Er habe nie einen Hehl aus der Vereinbarung gemacht, sagte er am Dienstag in einem Pressegespräch. Die ihm zugesicherte Summe habe weitgehend den Vertragsbedingungen bei der Deutschen Telekom entsprochen. „Ich bin nicht gierig, ich bin aber auch nicht blöd“, rechtfertigte er sich mit Hinweis darauf, dass er aus sicherer Position eine so risikoreiche Aufgabe übernommen habe. Kein vernünftiger Mensch hätte so etwas ohne Absicherung getan. Er versteht jedoch die Kritik der Arbeitnehmerseite: „Es geht ja um eine auch für mich unheimliche Menge Geld.“ Jetzt will Eick persönlich vor allem das Gespräch mit der Politik suchen, denn er sieht großen Handlungsbedarf zur Reform des Insolvenzrechts.

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