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Arbeitszeitdebatte : Prosperierende Südländer mit vielen Feiertagen

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Baden-Württemberg und Bayern haben die meisten Feiertage in Deutschland und stehen in den Ranglisten zur Standortqualität immer an der Spitze. Ökonomen sehen darin keinen Widerspruch.

          3 Min.

          Baden-Württemberger feiern 12 gesetzliche Festtage im Jahr, die Bayern in manchen Regionen bis zu 14 Feiertage. Das ist mehr als in den meisten anderen Bundesländern und treibt die Arbeitskosten in die Höhe. Die Vergütung arbeitsfreier Tage - Urlaub, Krankheit, Feiertage - addiert sich in Baden-Württemberg zu etwa 30 Prozent der Personalzusatzkosten oder 13 Prozent der Arbeitskosten.

          Doch lag die Arbeitslosenquote 2003 in den Südländern mit 6,1 Prozent in Baden-Württemberg und 6,9 Prozent in Bayern weit unter dem Bundesdurchschnitt von 10,5 Prozent. Die Länder ziehen Zuwanderer an, das Wirtschaftswachstum ist ansprechend, und in Ranglisten der Standortqualität stehen sie immer an der Spitze - trotz der hohen Zahl an Feiertagen. Ökonomen sehen darin keinen Widerspruch. "Über die Standortqualität entscheidet nicht nur ein Faktor", sagt Rolf Kroker vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln.

          Erfolge am Arbeitsmarkt

          Der einfache Schluß, daß die Arbeitnehmer in den Südländern wegen der Feiertage wesentlich weniger arbeiten als die anderen Deutschen, ist falsch. Bayerische Erwerbstätige arbeiten im Jahresdurchschnitt 1449 Stunden, sechs Stunden mehr als der Bundesdurchschnitt. Das hat der "Arbeitskreis Erwerbstätigenrechnung des Bundes und der Länder" unlängst für das Jahr 2002 ermittelt. Baden-Württemberger liegen mit 1423 Stunden knapp unter dem Durchschnitt. Trotz ihrer Feiertage arbeiten die Süddeutschen mehr als die meisten Westdeutschen und deutlich weniger als die Ostdeutschen, die jahresdurchschnittlich zwischen 1502 Stunden in Sachsen und 1537 Stunden in Brandenburg schuften.

          Bild: F.A.Z.

          Auch in der Entwicklung der Jahresarbeitszeit können sich die Südländer sehen lassen. Von 1998 bis 2002 ist im deutschen Durchschnitt die Zahl der Arbeitsstunden im Jahr um 3,1 Prozent gefallen. Baden-Württemberg mit minus 1,9 Prozent und Bayern mit minus 1,7 Prozent liegen freilich ganz am oberen Ende der Skala, während zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen die jährliche Arbeitsstundenzahl je Erwerbstätigen um 4,2 Prozent zurückging. Die Erfolge am Arbeitsmarkt zeigen sich nicht nur in der Arbeitszeit, sondern mehr noch in der Beschäftigtenzahl. Von 1991 bis 2003 haben die Südländer die Zahl der Beschäftigten um rund 4 Prozent gesteigert. In ganz Deutschland fiel sie dagegen um 2,2 Prozent.

          Kostenentlastung verlangt

          Ungeachtet der guten Arbeitsmarktbilanz lamentieren Unternehmen im Süden über die hohen Arbeitskosten und die geringe effektive Arbeitszeit. Mercedes-Vorstand Jürgen Hubbert klagt über die baden-württembergische Krankheit, die vorwiegend in der - im Musterländle vorherrschenden - Automobilindustrie zu finden ist. Karl Lichtblau vom IW beschreibt die Erkrankung mit der "starken Stellung der IG Metall in Stuttgart, die immer einen Tick mehr heraushandelt als in anderen deutschen Regionen".

          Sprichwörtlich ist die "Steinkühler-Pause", die fünf Minuten je Stunde, die dem Namen nach dem früheren IG-Metall-Chef gewidmet sind. Die Unternehmen drängen nun auf Kostenentlastung, auch mit Blick auf den ausgesprochen hohen Exportanteil von 34 Prozent des baden-württembergischen Bruttoinlandsprodukts. Tatsächlich sind die hohen Arbeitskosten zwar teilweise durch die Produktivität gedeckt, die je Arbeitsstunde in Baden-Württemberg und in Bayern mit 38,2 Euro (2002) deutlich höher als der Bundesdurchschnitt von 35,7 Euro ist. Doch gerade in Baden-Württemberg sind die Lohnstückkosten in den vergangenen Jahren stark gestiegen und liegen über dem gesamtdeutschen Niveau.

          Qualifizierte Arbeitskräfte knapp

          In diese Zahl mag mit hineinspielen, daß vor allem qualifizierte Arbeitskräfte im Süden knapp sind und entsprechend gut bezahlt werden müssen. Die Gewerkschaften dürften dies auszunutzen wissen. Dieses Bild stützt eine Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages vom Frühjahr 2002. Danach sehen in Baden-Württemberg und in Bayern mit fast 50 Prozent weit überdurchschnittlich viele Unternehmen die Lohnpolitik als ein Problem. In den restlichen Regionen Deutschlands sind es dagegen nur etwa 40 Prozent, die eine moderate Lohnpolitik zur Standortverbesserung fordern. Im Osten Deutschlands sind es nur 35 Prozent. Zugleich wünschen sich überproportional viele süddeutsche Unternehmen ein besseres Angebot an Fachkräften.

          So leiden die Südländer ein wenig unter ihrem eigenen Erfolg, der nach Aussage von Lichtblau unter anderem auf die gelungene Mischung von Industrie und wirtschaftsnahen Dienstleistern zurückzuführen ist. Die beiden Länder hätten es auch dank ihrer Historie geschafft, sich auf sehr wertschöpfungsintensive Teile der Wertschöpfungskette zu spezialisieren, sagt der Ökonom. Bei den Patentanmeldungen je Einwohner liegen beide Länder bundesweit mit deutlichem Abstand an der Spitze.

          Niedrige Staatsverschuldung

          Wie aber kann sich ein Land öffentliche Investitionen in Zeiten knapper öffentlicher Kassen leisten? Lichtblau verweist auf die niedrige Staatsverschuldung der beiden Länder. 2002 lag die Verschuldung Baden-Württembergs bei 3298 Euro je Einwohner, in Bayern gar nur bei 1725 Euro je Kopf. "Baden-Württemberg muß über den Daumen gepeilt rund 1000 Euro weniger Kapitaldienst je Kopf aufbringen als im Länderdurchschnitt", sagt Lichtblau. Das eröffne finanziellen Spielraum für Investitionen in Bildung und Forschung.

          Die so gewonnene wirtschaftliche Prosperität ist ein Grund, warum die Südländer Bayern und Baden-Württemberg sich mehr Feiertage erlauben konnten. Aber können sie sich die Feiertage auch künftig erlauben? "Erlauben ist fast der falsche Begriff", sagt Kroker vom IW. Die Arbeitszeit sei wichtig, um im Standortwettbewerb einen Teil der notwendigen Kostensenkung hinzubekommen. "Es wäre für Deutschlands Position schon gut, wenn es auch in Bayern und Baden-Württemberg noch ein wenig besser ginge."

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